Interview mit Dr. Eckhard Braun: Wie sich das kulturelle Angebot in der Region verbessern lässt

Dr. Eckhard Braun wird die Bedürfnisse von Kulturnutzern in der Region Koblenz-Mittelrhein auch in Zukunft intensiv erforschen. Im Hintergrund ist der Eingang der Universitätsbibliothek am Campus Koblenz zu sehen. Bild: Universität Koblenz-Landau

Dr. Eckhard Braun wird die Bedürfnisse von Kulturnutzern in der Region Koblenz-Mittelrhein auch in Zukunft intensiv erforschen. Im Hintergrund ist der Eingang der Universitätsbibliothek am Campus Koblenz zu sehen. Bild: Universität Koblenz-Landau

Wie Menschen in der Region Koblenz-Mittelrhein Kulturangebote nutzen und wie der kulturelle Wandel die Interessen und Gewohnheiten verschiedenster Kulturnutzer verändert, erforscht das Institut für Kulturwissenschaft der Universität in Koblenz seit 2017. Dabei kooperiert es mit zahlreichen Kommunen dieser Region. Der Fragebogen zur aktuellen Kulturnutzerstudie ist seit Juli 2021 bis 15. September 2021 für alle Interessierten online und anonym unter WWW.KOBLENZKULTUR.DE/KULTURNUTZERSTUDIE abrufbar. Denn auch während der Corona-Pandemie bestehen in Koblenz vielfältige Möglichkeiten, Kulturangebote zu nutzen – zum Beispiel digital. Dr. Eckhard Braun vom Institut für Kulturwissenschaft der Universität in Koblenz hat den Fragebogen zur laufenden Kulturnutzerstudie gemeinsam mit der kommunalen Statistikstelle der Stadt Koblenz, die die Nutzerstudie durchführt, konzipiert. Er erklärt im Interview die Hintergründe und Ziele der Kulturnutzerstudie 2021.

Herr Dr. Braun, was wollen Sie und die Kommunen durch die aktuelle Erhebung herausfinden?

Mittels der aktuellen Publikums- und Nutzerstudie für Koblenz und die Region Mittelrhein untersuchen wir systematisch und kontinuierlich die soziale Struktur, die Interessen und die Orientierungen von Besuchern und Nutzern kultureller Angebote und Aktivitäten. Wir bauen dabei auf der vergleichbaren Studie für Koblenz und die Region von 2017/18 auf.

Die aktuelle, um Fragen zur digitalen Kulturnutzung erweiterte Studie soll uns Erkenntnisse über die publikums- und nutzerspezifische Nachfrage ermöglichen. So können wir Aufschluss über kulturelle Bedürfnisse und fehlende Angebote gewinnen. Hierzu evaluieren wir sowohl die Bereiche kulturelle Bildung und Vor-Ort-Kultur als auch die Möglichkeiten eigener kultureller Aktivitäten. Wir beleuchten auch, welche Rolle Menschen mit Migrationshintergrund als Zielpublikum für die Kulturveranstalter spielen, ob die kulturellen Interessen der Menschen mit Migrationshintergrund bedient werden und welche Formen interkultureller Kulturangebote angeboten und nachgefragt werden. Aus allen gewonnenen Daten sollen sich konkrete Hinweise für die verbesserte Gestaltung des Kulturangebots und für die kulturelle Entwicklung in den Kommunen ergeben.

Welche wissenschaftliche Motivation steckt hinter den Bestrebungen, das Verhalten und die Interessen von Kulturnutzern zu erforschen?

Mit der Studie verfolgen wir das Ziel, die Publikums- und Nutzerpotenziale in der Region Koblenz-Mittelrhein zu erforschen. Wir wollen dabei die kulturellen Interessen, Bedürfnisse und Wünsche des Kulturpublikums zielgruppenspezifisch bestimmen. Wir ermitteln ein umfassendes Meinungsbild zum Kulturangebot. Dies tun wir durch Datenerhebung und Analyse des allgemeinen Publikumsinteresses der Bevölkerung, aber auch der gewünschten künstlerisch-kreativen Aktivitäten im Abgleich mit der ersten Studie.

In der aktuellen Studie erheben Sie auch Daten aus der erweiterten Region rund um Koblenz und beziehen Kommunen wie Lahnstein, Montabaur, Andernach, Sinzig, Höhr-Grenzhausen, Boppard, Mayen, Montabaur und Neuwied mit ein. Was bezwecken Sie damit?

Die Datenerhebung soll das Kulturverhalten vor Ort, aber auch im Verhältnis der Stadt Koblenz und der Region Mittelrhein eruieren, um so ein Stadt-Umland-Profil zu erstellen. Die Kulturnutzung hinsichtlich örtlicher Spezifika und Nachfrageschwerpunkte wollen wir als Soll-Ist-Vergleich herausfinden. Im Sinne einer Trendforschung erforschen wir hierbei Interessenbündelungen, Szenen, Gewichtungen und Tendenzen in Gruppen und Schichten der Gesellschaft. Wir fragen aber auch nach einer künftigen Nachfrage und den kulturellen Bedürfnissen nach der Corona-Pandemie. Daraus ableitbar sind für die Kommunen und Kulturakteure Hinweise und Empfehlungen zur Gestaltung des künftigen kulturellen Angebots. Dies zum einen zur Ansprache von neuem Publikum und zur Ansprache neuer ehrenamtlicher Mitgestalter, zum anderen aber auch zur Veränderung des Angebots gemäß den tatsächlichen kulturellen Bedürfnissen. Auf Basis der Ergebnisse der Erhebung können zielgruppenorientiert auch kulturpolitische Schwerpunktsetzungen und Konzepte erarbeitet werden.

Zu welchen Ergebnissen kam die erste Studie von 2017/18?

Aus der Sicht von Kulturnutzern stellte sich als bedeutsam heraus, das kulturelle Leben im jeweiligen Stadtteil bzw. Ort zum Beispiel durch Quartiersmanagement, Kulturhäuser, Raumangebote oder Stadtteilfeste zu stärken. Zudem zeigte sich, dass deutlich mehr Angebote und Räume zur eigenen kulturell-kreativen Aktivität gefördert und die kulturelle Infrastruktur im Quartier verbessert werden sollten. Eine weitere Handlungsempfehlung an die beteiligten Kommunen lautete, kulturell-gemeinschaftsfördernde Aktivitäten, interkulturelle Begegnungen, soziales Miteinander wie auch kulturelle und politische Bildung im Sinne der Demokratiebildung zu unterstützen. Zudem wünschte sich ein großer Teil der befragten Nutzer die Einrichtung eines Programmkinos. Schließlich sollte die Parkplatzsituation in der Innenstadt und für Besuche der Festung Ehrenbreitstein optimiert werden.

Welche Ergebnisse erwarten Sie in der aktuellen Studie im Hinblick auf die Corona-Pandemie?

Natürlich wird es im Hinblick auf Pandemiesituation und die stärkere Rolle des Internets sowie der digitalen Kommunikation divergierende Ergebnisse geben. Aber auch im Nutzerverhalten kommt es immer zu fließenden Veränderungen, bedingt durch sich wandelnde Interessen, die wir herausfinden wollen. Die Ergebnisse der Befragung werden Ende des Jahres 2021 veröffentlicht.

Wie ist die Kooperation mit den Kommunen der Region Koblenz-Mittelrhein entstanden?

Einerseits setzte sich die Stadt Koblenz das kulturpolitische Ziel, enger mit den Städten der Region zusammenzuarbeiten, da die kulturellen Interessen der Bevölkerung in der Region nicht an Stadtgrenzen Halt machen. Andererseits ist die Universität in Koblenz daran interessiert, Transferforschung zu betreiben, das heißt die kulturwissenschaftliche Forschung in enger Anbindung an die Praxis des kulturellen Lebens in Rheinland-Pfalz und in der Region Koblenz-Mittelrhein zu gestalten.

Sind künftig weitere Erhebungen geplant?

Auf jeden Fall von Seiten des Instituts für Kulturwissenschaft an der Universität in Koblenz, aber auch von Seiten des Kulturdezernats der Stadt Koblenz. Beide Institutionen haben ein Interesse daran, die Entwicklung von kulturellen Besucher- und Nutzerinteressen über einen längeren Zeitraum zu beobachten, um über die Gestaltung einer zeitgemäßen und am Bürger orientierten Kulturarbeit informiert zu sein. Dies besonders im Hinblick auf mögliche kulturpolitische Schwerpunktsetzungen.

 

Interview: Dr. Birgit Förg


Datum der Meldung 26.08.2021 00:00