Unerwartete Barrieren bei grenzüberschreitender Forschung

Menschen, die in der Nähe von Staatsgrenzen leben, nutzen zumindest in Europa oft auch die Infrastruktur von Gemeinden jenseits der Grenze. Dies wollte Stefan Bloßfeldt am Beispiel zweier Orte an der deutsch-tschechischen Grenze untersuchen. Doch dann ließ die Corona-Krise die Schlagbäume senken – und der Doktorand muss nun seine Forschungsarbeit den neuen Gegebenheiten anpassen. Wie der Geograph das macht, schildert er hier.

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Stefan Bloßfeldt (Foto: privat)
Stefan Bloßfeldt (Foto: privat)

 

 

 

 Vor rund zehn Jahren verließ ich meine Heimatstadt Waldsassen an der bayerisch-tschechischen Grenze, um in Leipzig Geographie zu studieren. Damals hatte ich noch nicht geahnt, dass mich mein akademischer Werdegang zu einer Auseinandersetzung mit der räumlichen Entwicklung von Grenzregionen führen würde. Ebenso wenig war bis vor wenigen Wochen abzusehen, dass ein Virus namens Sars-CoV-2 die Rahmenbedingungen für meine Forschung maßgeblich verändern könnte.

Mittlerweile bin ich wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Geographie in Koblenz und beschäftige mich im Rahmen meiner Dissertation mit sogenannten grenzüberschreitenden zentralen Orten. Die bayerische Landesregierung hatte dieses Konzept der Landesplanung Anfang der 1990er Jahre eingeführt, um nach dem Kalten Krieg auf die veränderten politischen Bedingungen an den bayerischen Grenzen zu reagieren. Die benachbarten Gemeinden sollen  die Versorgung der Bevölkerung im Grenzgebiet zur Tschechischen Republik und Österreich gemeinsam dies- und jenseits der Grenze gewährleisten.

 

Der Marktplatz von Cheb (Foto: Leon Kraft)
Der Marktplatz von Cheb (Foto: Leon Kraft)

 

Das Zentrale-Orte-Konzept geht über das bloße Einkaufen auf der jeweils anderen Seite hinaus. Ebenso bedeutend ist die Sicherung einer wohnortnahen Versorgung mit zentralen Infrastruktureinrichtungen wie Krankenhäuser, Kindergärten oder Kultureinrichtungen. Motto: Was in der einen Gemeinde fehlt, ist in der anderen vielleicht vorhanden und kann von den Menschen beider Orte genutzt werden. Gerade in den peripheren und überwiegend ländlich geprägten Grenzgebieten Bayerns spielt dieses Ziel vor dem Hintergrund des demographischen Wandels eine wichtige Rolle. Die Voraussetzung für derartige Planungen ist jedoch grenzüberschreitende Mobilität. 

Einen dieser zentralen Orte bildet mein Heimatort Waldsassen gemeinsam mit seiner Nachbarstadt Cheb (zu Deutsch: Eger). Waldsassen selbst ist ein kleines Städtchen in der Oberpfalz und liegt rund 70 km östlich von Bayreuth. Cheb wiederum findet sich keine zehn Kilometer weiter auf tschechischer Seite. Über die vergangenen Jahre sind vom gemeinsamen Stammtisch bis zur Partnerschaft der örtlichen Feuerwehren vielfältige Verbindungen zwischen beiden Städten entstanden.

Die Idee für meine Dissertation entsprang also einer Mischung aus persönlichem Bezug sowie fachlichem Interesse. Grundsätzlich möchte ich die kleinräumigen transnationalen Verbindungen in den grenzüberschreitenden zentralen Orten genauer untersuchen und vergleichen. Dabei habe ich mich im Laufe des vergangenen Jahres zunehmend mit der Frage beschäftigt, ob die Möglichkeit der Versorgung beiderseits der Grenze seitens der Einwohner wahrgenommen wird. Eine Hypothese meiner Dissertation war, dass eine grenzüberschreitende Daseinsvorsorge etwa aufgrund sprachlicher oder rechtlicher Hürden eher ein planerisches Ziel als gelebte Realität darstellt.

Vor dem aktuellen Hintergrund der Corona-Pandemie zeigt sich die Grenze jedoch auch erneut als physische Barriere. Schon im Jahr 2015, als im Zuge der Flüchtlingskrise die Grenzen innerhalb der Europäischen Union teilweise wieder geschlossen wurden, war die grenzüberschreitende Mobilität plötzlich infrage gestellt geworden. In der aktuellen Corona-Pandemie ergibt sich aber nochmals eine neue Qualität von Grenzschließungen in ganz Europa: Seit Mitte März 2020 sind auch die Grenzen zur Tschechischen Republik und zu Österreich weitgehend geschlossen. Unklar ist, ob und wann eine Rückkehr zum Status Quo der offenen Grenzen überhaupt wieder möglich ist.

 

Mahnmal für die Opfer des Eisernen Vorhangs zwischen Cheb und Waldsassen (Foto: Stefan Bloßfeldt)
Mahnmal für die Opfer des Eisernen Vorhangs zwischen Cheb und Waldsassen (Foto: Stefan Bloßfeldt)

 

Für meine Forschung bedeutet dies, dass eine bereits geplante Befragung in Waldsassen vorerst nicht durchgeführt werden kann. Einen Fragebogen hatte ich zwar bereits im vergangenen Jahr mit Hilfe von einigen Studenten testen können. Angesichts der geschlossenen Grenze ist es jedoch sinnlos, die Bevölkerung einer bayerischen Gemeinde danach zu fragen, wie regelmäßig und warum sie in die tschechische Nachbargemeinde fahren – sie können es ja zurzeit nicht.

Mehr noch stellt sich aber im Kontext der aktuellen Situation die Frage, inwiefern die Grenze von der Bevölkerung als Chance oder Risiko bewertet wird: Führt uns das Virus die Wichtigkeit von grenzüberschreitender Solidarität, etwa im Bereich der Krankenversorgung, vor Augen? Oder können im Zweifel grundlegende Versorgungseinrichtungen gar nicht mehr erreicht werden? Vor allem aber: Wie bewerten dies die Entscheidungsträger vor Ort, und welchen Wert haben Planungen wie die der grenzüberschreitenden zentralen Orte künftig noch?

 

Ehemalige Aufklärungseinrichtung der tschechoslowakischen Armee auf dem Tillenberg, der zweithöchsten Erhebung des Oberpfälzer Waldes (Foto: Stefan Bloßfeldt)
Ehemalige Aufklärungseinrichtung der tschechoslowakischen Armee auf dem Tillenberg, der zweithöchsten Erhebung des Oberpfälzer Waldes (Foto: Stefan Bloßfeldt)

 

Meine Dissertation muss sich nun diesen grundsätzlichen Erwägungen stärker widmen. Das bedeutet ein methodisches und inhaltliches Umdenken für mich. In Anbetracht der oben genannten Fragen muss ich zunächst das Feld mit einem qualitativen Ansatz neu sondieren. In Experteninterviews werde ich mit Vertretern der Kommunalpolitik versuchen, den Blick auf die Grenzschließungen und ihre Auswirkungen auf die zentralen Orte zu lenken.

Die Erkenntnisse sollen wiederum zur Erweiterung des standardisierten Fragebogens beitragen. Dieser muss ohnehin angepasst werden, damit potenziell anhaltende Veränderungen von grenzüberschreitender Mobilität und Aktivität bei einer späteren Befragung der Einwohner berücksichtigt werden. So ergibt sich insgesamt womöglich die Chance, im Kleinen mehr über die Zukunft des Europäischen Projektes im Großen zu erfahren.

 

Zur Person

Stefan Bloßfeldt ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Geographie am Campus Koblenz und promoviert bei Prof. Dr. Bernhard Köppen zum oben dargestellten Thema. Von 2017 bis 2018 war er beim Oberpfalz Marketing e. V. für die Koordination eines vom Freistaat Bayern geförderten Projektes mit tschechischer Beteiligung zuständig.


Datum der Meldung 15.05.2020 00:00
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