Digitale Lehre in Corona-Zeiten

Die Corona-Krise zwingt die Dozentinnen und Dozenten der Universität dazu, mit neuen Lehrformaten umzugehen. E-Learning-Konzepte benötigen aber eine lange und intensive Vorbereitung. Didaktische Überlegungen von Prof. Dr. Miriam Leuchter.

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Prof. Dr. Miriam Leuchter (Foto: Henriette Kriese)
Prof. Dr. Miriam Leuchter (Foto: Henriette Kriese)

 

 

 

Die Universität Koblenz-Landau hat wie viele Institutionen entschieden, alle Präsenzkurse so weit wie nur irgend möglich abzusagen. Die Dozierenden werden dazu angehalten, ihre Kurse online und asynchron (also zur zeitlich freien Einteilung durch die Lernenden) zu halten. Damit soll die Verbreitung des Coronavirus verhindert werden. Dies gilt für die meisten Universitäten und stellt alle vor besondere Herausforderungen

Diese Situation ist für alle komplett neu. Die aktuelle Krise zwingt die Lehrenden dazu, auf eine ganz neue Art Lehre zu gestalten. Kaum jemand hat bisher Erfahrungen damit machen können. Diese Lehre ist nämlich nicht Fernunterricht. Und auch wenn digitale Medien genutzt werden, ist diese ebenfalls kein E-Learning. Hinter den Begriffen Fernunterricht und E-Learning stehen nämlich spezifische didaktische Konzepte, die unter diesen Bedingungen nicht optimal umgesetzt werden können.

 

Um ein E-Learning-Seminar vorzubereiten und einzurichten, rechnen Didaktikexperten mit mindestens neun Monaten Vorlaufzeit.

 

Für Fernunterricht oder E-Learning hatten alle eine viel zu kurze Planungszeit. Um ein E-Learning-Seminar vorzubereiten und einzurichten, rechnen Didaktikexperten mit mindestens neun Monaten Vorlaufzeit und einer langjährigen kontinuierlichen Anpassung der Lerninhalte und Lehr-Lernformen.

Dennoch haben Lehrende an Universitäten – im Gegensatz zu den Lehrkräften an der Schule – eine Vorlaufzeit nutzen können. Die Universitäten wurden nicht einfach während der Vorlesungszeit von der Situation überrascht, sondern konnten doch eine kurze Zeit darin investieren, die Lehre umzustellen. Natürlich haben auch die Universitätentechnische Probleme wie zum Beispiel limitierte Serverkapazitäten, die einen negativen Einfluss haben. Viele Lehrende haben aber schon Erfahrung mit E-Learning gesammelt und können nun diese Erfahrungen wenigstens zum Teil nutzen. Und an der Universität Koblenz-Landau erhalten wir hervorragende didaktische Unterstützung von unserer Universität und können uns auch jederzeit Hilfe bei der Nutzung der technischen Tools holen.

Die Universität stellt einige technische Tools zur Verfügung, deren optimale Nutzung aber bei der kurzfristigen Planung, wie sie jetzt notwendig war, ihre Grenzen hat. Denn für alle Lehr-Lernformen gilt: Lehren und Lernen ist immer interaktiv. Es können drei Arten von Interaktion unterschieden werden: die Lernenden interagieren

a) mit dem Lerninhalt,

b) untereinander und

c) mit dem oder der Lehrenden.

Aus der Lehr-Lernforschung ist bekannt, dass jede dieser Interaktionsformen minutiös organisiert und unterstützt werden muss, und genau dies ist in diesem kurzfristig eingetretenen Notfall oft nicht möglich.

 

„Die Nutzung der Lehrangebote verlangt insbesondere bei asynchronen Formaten ein extrem hohes Maß an Selbststeuerung und Selbstdisziplin von den Lernenden.“

 

Natürlich ist es möglich, die drei Interaktionsformen auch in reinen, asynchronen Online-Formaten zu pflegen. Das stellt aber die Lernenden vor besondere Schwierigkeiten: Das bereitgestellte Angebot muss von den Lernenden selbstständig genutzt werden. Diese Nutzung verlangt insbesondere bei asynchronen Formaten ein extrem hohes Maß an Selbststeuerung und Selbstdisziplin, das nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Auch die Überwachung des eigenen Lernfortschritts ist eine Herausforderung.

Besonders lernförderlich sind eine konstante Diagnose des Lernstands und eine Rückmeldung zum Lernfortschritt während des Lernprozesses. Auch diese können durchaus in Online-Formate eingebunden werden, zum Beispiel wird dies in FALB (Formatives Assessment durch LSA für das Bearbeiten von Texten im Lehramtsstudium) in einem asynchronen reinen Online-Lernprogramm umgesetzt. In diesem Programm wird der Lernfortschritt der Studierenden kontinuierlich und automatisiert diagnostiziert, und sie können jederzeit differenzierte und individuelle Rückmeldung einfordern. Die Entwicklung solcher Formate ist jedoch äußerst zeitaufwändig und nicht auf alle Inhalte übertragbar.

 

Beim Blended Learning werden die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und Online-Formaten kombiniert (Foto: Colourbox)
Beim Blended Learning werden die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und Online-Formaten kombiniert (Foto: Colourbox)

 

Aus Sicht der Lehr-Lernforschung kann E-Learning am ehesten gelingen, wenn Online-Formate mit Präsenzphasen gemischt und als sogenanntes Blended Learning angeboten werden. Dies erleichtert den Lernenden die Selbststeuerung und macht es für die Lehrenden einfacher, während des Lernprozesses die individuellen und variierenden Lernstände zu erfassen, dazu unmittelbar Rückmeldung zu geben und zu verstehen, was bei den Lernenden ankommt und was nicht.

In dieser Notfall-Situation geben die Lehrenden ihr Bestes – auf allen Ebenen. Es kann gut sein, dass Ideen und Umsetzungen die Corona-Zeit überdauern und in die weitere Lehre einfließen werden. In diesem Sinn kann Corona auch als Motor der Veränderung gesehen werden, der zwar nicht erwünscht war, aber aus dem Lehrende neue Erfahrungen in Richtung E-Learning ziehen können und im besten Fall positiv für die weitere Lehre nutzen können.

 

Zur Person:

Miriam Leuchter ist seit 2016 Professorin und Leiterin des Arbeitsbereiches Grundschulpädagogik an der Universität Koblenz-Landau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind E-Learning, videobasierte Lehr-Lernforschung, professionelles Wissen und Überzeugungen von pädagogischen Fachkräften und Lehrpersonen, naturwissenschaftliches Lernen und Lehren in Vor- und Grundschule sowie vorschulische Bildung.

 

Wichtige Internetplattformen:

https://er.educause.edu/articles/2020/3/the-difference-between-emergency-remote-teaching-and-online-learning

https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/blended-learning-praxis

https://www.e-teaching.org/lehrszenarien/blended_learning


Datum der Meldung 24.04.2020 00:00
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