Was macht die Corona-Krise mit unserer Gesellschaft?

Gesellschaften sind soziale Gebilde, die sich stetig wandeln. Und über Krisen ist bekannt, dass sie laufende Entwicklungen verstärken und traditionelle Muster aufbrechen können. Die Corona-Krise könnte Diskurse zur gesellschaftlichen Modernisierung entfachen und intensivieren. Eine soziologische Betrachtung von Prof. Dr. Thomas Müller-Schneider.

Prof. Dr. Thomas Müller-Schneider (Foto: Philipp Sittinger)
Prof. Dr. Thomas Müller-Schneider (Foto: Philipp Sittinger)

 

Was kommt durch die Corona-Krise auf uns zu? Drängende Fragen an die Zukunft gibt es wahrlich genug: Wird unsere Gesellschaft die alte bleiben, oder treten wir vielleicht sogar in ein neues Zeitalter ein? Wird die Wirtschaft ohne größere Verwerfungen wieder anspringen? Droht ein verschärfter Nationalismus oder können wir vielleicht doch auf zwischenstaatliche und in diesen Tagen bisweilen so beeindruckende individuelle Solidarität hoffen? Stülpt man uns eine neue Version des Überwachungsstaates zum Schutz der Gesundheit über oder behält der Liberalismus die Oberhand? Und was wird eigentlich aus der Globalisierung? 

Zu all diesen Fragen ist in diesen Tagen viel zu lesen und zu hören, bisweilen recht Widersprüchliches. Das Einzige, was wir über die Zukunft mit Gewissheit sagen können, ist, dass sie ungewiss ist. Genaue Vorhersagen, die manche Ökonomen wagen, wirken da wie eine geschickte Kaschierung des Ungewissen. 

 

„Menschen haben ziemlich genaue Drehbücher im Kopf, wie ihr soziales Alltagsleben auszusehen hat.“

 

Muss man also über die Zukunft schweigen, wenn man nicht in das alte Metier der Wahrsagerei zurückfallen möchte? Nicht ganz. Es gibt durchaus Möglichkeiten, begründet und plausibel über das Kommende nachzudenken. Wenn es um die Gesellschaft als Ganzes geht, rentiert ein kurzer Blick auf ihre Funktionsweise. Eine Gesellschaft ist die Summe dessen, was sich tagtäglich zwischen Menschen abspielt, in allen Lebensbereichen und den großen Systemen, etwa der Wirtschaft.

 

Eine Gesellschaft ist die Summe dessen, was sich tagtäglich zwischen Menschen abspielt, in allen Lebensbereichen und den großen Systemen (Foto: Colourbox)
Eine Gesellschaft ist die Summe dessen, was sich tagtäglich zwischen Menschen abspielt, in allen Lebensbereichen und den großen Systemen (Foto: Colourbox)
 

 

Menschen haben ziemlich genaue Drehbücher im Kopf, wie ihr soziales Alltagsleben auszusehen hat. Eine Gesellschaft ist gewissermaßen ein Moloch der Normalität. So gesehen ist – falls die medizinischen Probleme umfassend gelöst sind – nach der Krise alles wieder „normal“: wieder im Büro arbeiten, Toilettenpapier ohne Probleme kaufen, gemeinsam grillen und feiern, die Kinder in den Hort bringen, ins Fußballstadion gehen, die Kirche bzw. Moschee besuchen usw. Unglaubwürdig? Man erinnere sich an 9/11. Die Welt würde nach der Krise eine andere werden, so dachte man jedenfalls; tatsächlich hat sie an der Lebensweise der Menschen eher wenig verändert. 

 

„Der Lockdown ist ein gigantisches und rabiates soziales Experiment, das unsere Drehbücher der Normalität vielfach fragwürdig werden lässt.“

 

Also nichts Neues? Vermutlich wiederum nicht ganz. Gesellschaften sind nämlich nicht nur Moloche der Normalität, sondern gleichzeitig auch soziale Gebilde, die sich stetig wandeln. Und über Krisen ist bekannt, dass sie laufende Entwicklungen verstärken und traditionelle Muster aufbrechen können. Für die aktuelle Krise gilt das vielleicht ganz besonders, ist der Lockdown doch ein gigantisches und rabiates soziales Experiment, das unsere Drehbücher der Normalität vielfach fragwürdig werden lässt. 

 

Am Flughafen ist das Ziel für Reisende klar. Für unsere Gesellschaft hingegen ist völlig offen, wohin die Reise nach der Corona-Krise geht (Foto: Pixabay)
Am Flughafen ist das Ziel für Reisende klar. Für unsere Gesellschaft hingegen ist völlig offen, wohin die Reise nach der Corona-Krise geht (Foto: Pixabay)
 

  

Durch die Erfahrung des Lockdowns haben wir trotz aller Einschränkungen eine vorher nicht dagewesene Sensitivität und Offenheit für neue Möglichkeiten entwickelt. Homeoffice nicht möglich? Das Argument ist endgültig vom Tisch! Das gleiche gilt für Videokonferenzen. Und wer hat vorher schon online Theateraufführungen gesehen oder E-Sport betrieben? 

Möglicherweise tun sich neue Formen und Vertriebswege für Kunst und Kultur auf, die neue ästhetische Erlebnisse von der Couch aus ermöglichen. Der Megatrend der Digitalisierung unserer Gesellschaft wird sich krisenbedingt wohl beschleunigen, an manchen Stellen vielleicht aber auch verlangsamen oder gar nicht erst in Fahrt kommen. Das krisenexperimentelle Homeschooling hat uns vor allem gelehrt, dass eigenverantwortliches E-Learning in einem kaum hinnehmbaren Ausmaß Verlierer erzeugen würde. 

 

„Seit langer Zeit leben wir in einem Modernisierungsprozess unablässiger Steigerung der Möglichkeiten, der uns trotz vieler Nebenwirkungen ein sichereres und schöneres Leben bietet.“

 

Wenn man wissen möchte, in welchen Wandlungsprozess die derzeitige Krise hineinwirkt, darf man sich mit der Digitalisierung nicht begnügen. Seit langer Zeit leben wir in einem Modernisierungsprozess unablässiger Steigerung der Möglichkeiten, der uns trotz vieler Nebenwirkungen ein – auch wenn das vielfach anders gesehen wird – sichereres und schöneres Leben bietet; und dies immer auch in Erwartung individueller Freiheit und mehr sozialer Gerechtigkeit. Die Krise könnte daher aus unseren gewonnenen Erfahrungen heraus Diskurse zur gesellschaftlichen Modernisierung entfachen bzw. intensivieren. Probleme mit dem digitalen Homeschooling und die Entlohnungsstruktur für gesundheitsrelevante Berufe wären Beispiele hierfür. 

 

Zur Person

Thomas Müller-Schneider ist seit 2003 Professor für Soziologie an der Universität Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Liebe und Beziehungen, Lebensstile und soziale Milieus, sozialer Wandel sowie Methoden der empirischen Sozialforschung. Derzeit forscht er zur Entwicklung der Menschheitsgeschichte.


Datum der Meldung 17.04.2020 00:00
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