In manchen Laboren brennt noch Licht

Geradezu gespenstisch ruhig ist es derzeit auf den beiden Campus in Koblenz und Landau: Die Corona-Pandemie hat wie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens auch der Universität eine Zwangspause verordnet. Doch auch wenn die Gebäude verschlossen sind und viele Mitarbeitende von zu Hause arbeiten, ist der Forschungsbetrieb nicht ganz zum Erliegen gekommen.

Blick in eine Klimakammer: Sebastian Pietz, der im Rahmen des Gradiuertenkollegs SystemLink promoviert, füttert gerade Zuckmückenlarven in seinem Langzeitexperiment. Er und seine Kollegin Nina Röder (Fotografin) untersuchen, ob und wie sich Organismen innerhalb kurzer Zeiträume an durch den Menschen verursachten Stressoren wie zum Beispiel Pflanzenschutzmittel anpassen können.
Blick in eine Klimakammer: Sebastian Pietz, der im Rahmen des Gradiuertenkollegs SystemLink promoviert, füttert gerade Zuckmückenlarven in seinem Langzeitexperiment. Er und seine Kollegin Nina Röder (Fotografin) untersuchen, ob und wie sich Organismen innerhalb kurzer Zeiträume an durch den Menschen verursachten Stressoren wie zum Beispiel Pflanzenschutzmittel anpassen können.

„Wir haben die Laborarbeiten in weiten Teilen heruntergefahren“, berichtet Dr. Martin Alt. Seitdem die Universität im Minimalbetrieb fährt, habe man habe keine neuen Großversuche mehr gestartet, sagt der Geschäftsführer Fachbereich Natur- und Umweltwissenschaften in Landau. Viele Geräte sind abgestellt oder kontrolliert heruntergefahren worden. Normalerweise sind es schätzungsweise rund 100 Promovierende, wissenschaftliche und technische Mitarbeiter, die an den Landauer Standorten die Labore in der Biologie, Chemie, Geographie, Physik und den Umweltwissenschaften nutzen, hinzu kommen unzählige Abschlusskandidaten.


Ähnlich ist die Situation am Schwesterfachbereich Mathematik/Naturwissenschaften am Campus in Koblenz. Unter regulären Umständen lehren und forschen hier etwa 100 Wissenschaftler und 90 Doktoranden zu Themenfeldern mit Bezug zu Materialeigenschaften und funktionalen Oberflächen, Modellieren und Simulieren sowie der Biodiversität von Ökosystemen.


Doch verwaist sind die Labore keineswegs. Rund 50 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten derzeit noch in den Laboren in Landau, den angeschlossenen Forschungseinrichtungen in Siebeldingen und Eußerthal oder im Freiland. Manche Experimente verlangen ein tägliches Arbeiten, wohingegen andere, wie zum Beispiel das Aufrechterhalten der Tier- und Pflanzenzuchten, nur zum Teil ein- bis zweimal die Woche betreut werden müssen.

 

Für Doktoranden wäre es fatal, wenn sie ihre Langzeitexperimente für ihre Promotion plötzlich abbrechen müssten.

 

Die Hälfte der aktuell in Landau arbeitenden Kolleginnen und Kollegen sind Promovierende, die in zeitlich begrenzten Drittmittelprojekten angestellt sind. Für sie wäre es fatal, wenn sie ihre Langzeitexperimente für ihre Promotion plötzlich abbrechen müssten. So gehören viele der Doktoranden dem neu eingerichteten Graduiertenkolleg „SystemLink" an. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Programm untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie Landökosysteme auf Veränderungen in Gewässern reagieren. Nach wie vor rund um die Uhr in Betrieb sind auch die drei Klimakammern, in denen Langzeituntersuchungen unter anderem mit Asseln, Wasserflöhen, Fruchtfliegen und Amphibien stattfinden.

 

Langzeitmonitoring (Queich-Gewässersystem) an der Forschungsstation Eußerthal: Verena Gerstle (Doktorandin SystemLink) und David Wallbraun (Teilnehmer des FÖJ – Freiwilliges Ökologisches Jahr) entnehmen eine Gewässerprobe (Foto: Tanja Joschko/Katharina Voss)
Langzeitmonitoring (Queich-Gewässersystem) an der Forschungsstation Eußerthal: Verena Gerstle (Doktorandin SystemLink) und David Wallbraun (Teilnehmer des FÖJ – Freiwilliges Ökologisches Jahr) entnehmen eine Gewässerprobe (Foto: Tanja Joschko/Katharina Voss)

Normalerweise sollte sich niemand in einem chemischen Labor allein aufhalten – schon aus Sicherheitsgründen. Diese Regel gilt auch weiterhin. „Wir achten aber darauf, dass sich möglichst wenige Personen in den Laboren befinden, damit wir die Hygiene- und Abstandregeln einhalten können", ergänzt Alt.


Die Koblenzer Kollegen kämpfen im Prinzip mit den gleichen Problemen. Ein Teil der Infrastruktur wurde kontrolliert heruntergefahren, und die Wissenschaftler nutzen nun die Zeit, um die gemessenen Daten auszuwerten, wissenschaftliche Veröffentlichungen und Abschlussarbeiten zu schreiben, neue Projekte zu erschließen oder um das bevorstehende „Digitale Semester" vorzubereiten. Auch hier sind es Großgeräte wie das Kernresonanzspektrometer (NMR), die weiter in Betrieb bleiben müssen, um abschaltungsbedingte Schäden zu verhindern. Im NMR werden Experimente wie beispielsweise Feststoff-NMR-Messungen an Keramiken durchgeführt, die lange Messzeiten benötigen.

 

Forschungsarbeiten mit Bezug zu Frühjahrsaspekten in der Umwelt können nicht in den Herbst geschoben werden.

 

Andererseits bleibt die Natur auch in Zeiten von Corona nicht stehen, und viele der Forschungsarbeiten mit Bezug zu Frühjahrsaspekten in der Umwelt können nicht in den Herbst geschoben werden. Beispielsweise können bei Biodiversitätsprojekten die geeignete Fallen für aquatische Insekten oder Schmetterlinge nur im Frühjahr aufgebaut und beprobt werden (siehe Foto).

 

Versuchsaufbau im Projekt „Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten“ an der Nister in Rheinland-Pfalz. Ziel des Projekts ist, die Habitatqualität und Biodiversität des Gewässers nachhaltig zu verbessern (Foto: Carola Winkelmann)
Versuchsaufbau im Projekt „Integrativer Artenschutz aquatischer Verantwortungsarten“ an der Nister in Rheinland-Pfalz. Ziel des Projekts ist, die Habitatqualität und Biodiversität des Gewässers nachhaltig zu verbessern (Foto: Carola Winkelmann)

Komplett eingestellt hingegen sind die Studierendenpraktika und Laborübungen. An der ganzen Universität sucht man Möglichkeiten, die für die Ausbildung so wichtigen Präsenzveranstaltungen zu ermöglichen. Eine weitere Option wäre, zunächst die Theorie und dann die praktischen Übungen anzubieten. Darauf zu verzichten, so Martin Alt, sei hingegen unmöglich. Zu sehr würde die Qualität der Ausbildung darunter leiden: „Genetische und mikrobiologische Experimente in der Biologie oder Umwelt- und Wasseranalytik in der Chemie lassen sich nun mal nur praktisch erproben."

 

Laborpraktika und chemische Experimente sind unverzichtbar.

 

Die Universität setzt derzeit alles daran, so viele Lehrveranstaltungen wie nur möglich als digitale Formate anbieten zu können (über dieses Thema werden wir demnächst berichten). Bei Laborpraktika und chemischen Experimenten ist das hingegen nur sehr bedingt möglich. „Wenn wir die Corona-Krise als Anlass nutzen, viele Inhalte didaktisch gut aufbereitet zu digitalisieren, hat sie vielleicht auch etwas Gutes bewirkt", findet Martin Alt.


Datum der Meldung 07.04.2020 00:00
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