Weiterhin soziale Kontakte pflegen

Seit rund 19 Jahren existiert am Campus Landau die psychotherapeutische Universitätsambulanz. Hier wird geforscht, und in einem Weiterbildungsstudiengang werden psychologische Psychotherapeuten ausgebildet. Wir haben mit Dr. Jens Heider, dem Geschäftsführer der Universitätsambulanz, über mögliche psychische Folgen der aktuellen Kontaktsperre gesprochen und was man tun kann, um mit dieser Situation klarzukommen.

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Dr. Jens Heider (Foto: Tom Kohler)
Dr. Jens Heider (Foto: Tom Kohler)

 

 

Wir Menschen sind soziale Wesen. Kann sich das längerfristige Abstandhalten von meinen Mitmenschen auf meine Psyche auswirken?

Dr. Jens Heider: Bisher sind wir ja „nur“ aufgefordert, körperlich Abstand zu halten. Klar wirken sich Berührungen, Umarmungen, „gedrückt“ oder „gehalten werden“ grundsätzlich positiv auf unser psychisches Wohlbefinden aus. Müssen wir über ein paar Wochen hinweg darauf verzichten, hat dies aber sicherlich keine negativen Folgen für unsere Psyche. Viel wichtiger ist, dass wir weiterhin unsere sozialen Kontakte pflegen, im beruflichen wie im privaten Kontext. Also regelmäßige Treffen mit Kolleginnen und Kollegen, der Familie und Freuden per Telefon, Chat, Videokonferenz, Videochats oder in sozialen Netzwerken. Wichtig ist, in Verbindung zu bleiben, auch wenn Sie sich nicht körperlich oder von Angesicht zu Angesicht nahe sein können.

 

Wir alle müssen derzeit auf vieles verzichten, das gesellschaftliche Leben ist quasi lahmgelegt. Wie lange kann denn ein Mensch den Entzug zwischenmenschlicher Nähe ohne Folgen aushalten?

Es stimmt, dass wir im Moment auf vieles, das wir liebgewonnen haben, verzichten müssen. Und gleichfalls wissen wir, dass die aktuelle Pandemie unweigerlich irgendwann vorübergehen wird. Auf die derzeitigen Einschränkungen, Gefahren und Ängste werden mit Sicherheit auch wieder Entwarnung, Neubesinnung und Normalisierung folgen. Und für den überwiegenden Anteil der Menschen wird diese Zeit ohne jedwede Folge für die psychische Gesundheit bleiben. Sorgen müssen wir uns um die Menschen machen, die ohnehin schon in sozialer Isolation leben. Für die fallen jetzt noch die verbliebenen wenigen Möglichkeiten zum sozialen Kontakt beim Spaziergang durch die Stadt, beim Besuch eines Gottesdienstes oder sozialen Einrichtungen weg.

 

 „Viel wichtiger ist, dass wir weiterhin unsere sozialen Kontakte pflegen, im beruflichen wie im privaten Kontext.“

 

Ein Isolationsgefühl ist schon für psychisch stabile Menschen eine Herausforderung. Wie kann sich Abgeschiedenheit und Verzicht auf Sozialkontakte auf Menschen mit psychischer Erkrankung auswirken?

Wenn Menschen unfreiwillig sozial isoliert sind und auf soziale Kontakte verzichten müssen, kann dies zu Verzweiflung, Resignation, Depressivität bis hin zum Lebensüberdruss führen.

 

Der Entzug zwischenmenschlicher Nähe kann in Zeiten von Corona ein Problem werden (Foto: Pixabay)
Der Entzug zwischenmenschlicher Nähe kann in Zeiten von Corona ein Problem werden (Foto: Pixabay)
 

 

Derzeit ist die Zustimmung in der Bevölkerung zu den von der Politik ergriffenen Maßnahmen groß. Noch halten sich die meisten an die Anordnungen. Müssen wir damit rechnen, dass die Menschen unzufriedener und unruhiger werden, je länger die Kontaktsperre dauert?

Da wir eine solche Situation bisher noch nicht hatten, ist es schwer zu sagen, wie die Menschen reagieren werden. Wir können lediglich auf Länder schauen, die von der Pandemie schon früher betroffen waren. Letztlich kommt es aber darauf an, dass sich jeder Einzelne immer wieder bewusst macht, wofür wir die von der Politik geforderte Kontaktspeere auf uns nehmen: Wir tun dies für die Gemeinschaft und unsere Mitmenschen, insbesondere die schwachen, älteren oder körperlich belasteten Menschen. Die Kontaktsperre ist sinnvoll. Wenn wir uns dies immer wieder vor Augen halten, fällt es uns leichter, akzeptierend und respektvoll auch mit eigenen Unzufriedenheiten umzugehen.

 

„Es kommt darauf an, dass sich jeder Einzelne immer wieder bewusst macht, wofür wir die von der Politik geforderte Kontaktspeere auf uns nehmen.“

 

Durch die Corona-Pandemie wird laut Aussagen von Experten der Bedarf nach psychotherapeutischen Behandlungen steigen. An der Universität in Landau werden psychologische Psychotherapeuten ausgebildet, und der Bedarf an Therapeuten war schon vor der Krise kaum zu decken. Wie kann man dieser Situation begegnen?

Die effiziente Versorgung der Bevölkerung mit Psychotherapie ist weiterhin ein ungelöstes Problem, wenngleich wir uns bewusst machen müssen, dass wir in Deutschland von fast allen anderen Ländern in Europa für unsere Versorgungssysteme beneidet werden. Für uns viel relevanter ist momentan die Frage, wie wir trotz Ausgangsbeschränkungen und Quarantäne unserer Patientinnen und Patienten weiterhin therapieren können. Hierbei sind die Vertreter der Psychotherapeuten und der Krankenkassen schnell zu pragmatischen Lösungen gekommen. Nunmehr können wir unbegrenzt Therapiesitzungen per Videokonsultationen machen, das heißt, der Patient sitzt zu Hause am Computer und spricht via Internet mit dem Therapeuten oder der Therapeutin. Und dies wird sehr gut sowohl von unseren Therapeuten als auch den Patienten angenommen.

 

Gerade jetzt ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben ist. Draußen zu laufen zum Beispiel tut Körper und Seele gut (Foto: Pixabay)
Gerade jetzt ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben ist. Draußen zu laufen zum Beispiel tut Körper und Seele gut (Foto: Pixabay)
 

 

Was kann ich prophylaktisch für meine psychische Gesundheit tun?

Das Wichtigste ist, wie vorher bereits gesagt, die sozialen Kontakte über die Distanz hinweg zu pflegen. Zudem ist es hilfreich und wichtig, die Tagesstruktur einhalten, gerade wenn Uni-Angestellte oder Studierende im Homeoffice arbeiten und lernen. Struktur gibt Sicherheit und stärkt in Stresssituationen. Das bedeutet konkret: nicht im Schlafanzug bleiben, sondern wie üblich aufstehen, sich anziehen, gewohnte Essens-, Schlafens-, Arbeits- oder Lernzeiten (und natürlich auch Feierabendzeiten) einhalten.

In dieser ungewohnten und verwirrenden Situation reagieren wir alle mit den unterschiedlichsten Gefühlen. Diese Gefühle sollten beachtet, akzeptiert und ihnen Raum gegeben werden. Das heißt, es ist gut, diese Gefühle auszudrücken, was ganz unterschiedlich geschehen kann: So schreiben manche Menschen ihre Gefühle gerne nieder oder werden kreativ und malen oder musizieren oder Ähnliches. Und nicht zuletzt: in Bewegung und körperlich aktiv bleiben. Dies wirkt sich nicht nur auf das körperliche Wohlbefinden aus, sondern auch auf die Psyche. Wahrscheinlich ist Sport gerade nicht wie gewohnt möglich, aber Laufen in der Frühlingssonne ist möglich und auch Sport zu Hause. Videos im Internet oder auch Online-Angebote von Sportvereinen oder Fitnessstudios liefern Anregungen.

 

„Es ist hilfreich und wichtig, die Tagesstruktur einzuhalten, gerade wenn Uni-Angestellte oder Studierende im Homeoffice arbeiten und lernen.“

 

Wenn ich merke, ich komme mit der Situation überhaupt nicht klar, wohin sollte ich mich wenden?

Die gängigen psychosozialen Beratungs- und Therapieeinrichtungen sind weiterhin die Ansprechpartner in seelischen Krisen. Viele bieten alternativ zum Face-to-face-Gespräch auch Alternativen wie Telefonberatung, Video- oder Online-Chat an. Zu nennen sind zum Beispiel als niederschwellige Angebote die Telefonseelsorge, die Psychotherapeutische Beratung für Studierende der Studierendenwerke oder die örtlichen Beratungsstellen für Lebensfragen, aber natürlich auch die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie die Psychiaterinnen und Psychiater vor Ort.

 


Datum der Meldung 05.04.2020 00:00
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