Prüfungen: Unterschiedliche Perspektiven auf eine gemeinsame Herausforderung

Auch wenn die Vorlesungen und Seminare in diesem Semester digital sind, zu den Prüfungen müssen die Studierenden persönlich erscheinen. Doch vor den Tests des Sommersemesters gilt es zunächst, die Vielzahl an ausgefallenen Klausuren und mündlichen Prüfungen nachzuholen. Die Studierenden sorgen sich dabei um ausreichend Zeit zur Prüfungsvorbereitung. Viele Verantwortliche an den Standorten versuchen diese organisatorische Herausforderung zu meistern.

Andreas Tepel, Abteilungsleiter Liegenschaften und Betriebstechnik, erläutert, wie viele Personen, dargestellt als blaue Kreise, in einem Hörsaal Platz nehmen können (Foto: Gerhard Lerch)
Andreas Tepel, Abteilungsleiter Liegenschaften und Betriebstechnik, erläutert, wie viele Personen, dargestellt als blaue Kreise, in einem Hörsaal Platz nehmen können (Foto: Gerhard Lerch)
 

Wie verteilt man Studierende, die eine Klausur schreiben müssen, unter den Corona-Abstandsregelungen am besten in einem Hörsaal? Alles andere als eine triviale Aufgabe, die Andreas Tepel und sein Team vom Arbeits- und Gesundheitsschutz der Universität Koblenz-Landau bis vor Kurzem zu bewältigen hatte. Wie weit müssen die Studierenden voneinander sitzen, damit mindestens anderthalb Meter Abstand eingehalten werden kann? Besetzt man jede oder nur jede zweite Reihe? Was ist, wenn eine Person während einer Prüfung zur Toilette und zwangsläufig an anderen vorbeigehen muss? Doch die alles entscheidende Frage lautete: Können die vielen seit Mitte März ausgefallenen Klausuren überhaupt problemlos nachgeholt werden? Allein in Landau konnten 37 schriftliche Prüfungen nicht abgehalten werden, in Koblenz waren es sogar 125.

Mittlerweile sieht Tepel die Raumsituation an den beiden Campus entspannt. „Anfangs hatten wir noch kein klares Bild über unsere Kapazitäten, denn nicht für alle Räume gibt es Bestuhlungspläne“, sagt der Abteilungsleiter Liegenschaften und Betriebstechnik. „Nachdem wir alle relevanten Räume durchgegangen sind und zum Teil mit dem Zollstock vermessen haben, wissen wir, wie viele Plätze in Landau und Koblenz insgesamt zur Verfügung stehen.“ Unter Einhaltung der Sicherheitsabstände sind in Koblenz 214 Plätze in den vier größten Räumen vorhanden, in denen gleichzeitig eine Prüfung stattfinden kann; in Landau stehen in sieben Räumen sogar 421 Plätze zur Verfügung – weit mehr, als von vielen ursprünglich befürchtet. Bei regulären Klausuren sollte eine detaillierte Prüfungsplanung jetzt also kein Problem sein, meint Tepel.

 

Allein in Landau konnten 37 schriftliche Prüfungen nicht abgehalten werden, in Koblenz waren es sogar 125.

 

Lediglich die Terminierung der E-Klausuren könnte noch kritisch werden, räumt er ein. Denn die Räume mit den vorinstallierten Computern sind nur zweimal in der Woche für Prüfungen zugänglich. Auf Anraten der Betriebsärzte dürfen die Tastaturen nach Gebrauch frühestens drei Tage später wieder von anderen Personen genutzt werden.

Kein allzu großes Problem dürften Prüfungen mit wenigen Teilnehmern sein. Die meisten kleineren Räume sind rund 100 Quadratmeter groß: Hier können fünf Personen bei mündlichen und zehn bei schriftlichen Prüfungen gleichzeitig anwesend sein – zum Teil konnten erste Prüfungen mit kleiner Teilnehmerzahl bereits nachgeholt werden. Bei den großen Räumen und Hörsälen, die für Klausuren mit einer hohen Beteiligung vorgesehen sind, hat das Team um Andreas Tepel ein Nutzungs- und ein Hygienekonzept erstellt. Die Aufsichtspersonen müssen diese nicht nur genauestens beachten, sondern die Studierenden vor der Prüfung auch noch mal auf die besonderen Prüfungsbedingungen hinweisen.

Für jeden Hörsaal stellt sich die Frage, wie viele Personen an einer Prüfung teilnehmen können. Nicht nur der Mindestabstand der Prüfungsteilnehmer muss eingehalten werden. Auch die Frage, wie ein solcher Saal besetzt wird, bedarf einer speziellen Planung (Foto: Campus Koblenz)
Für jeden Hörsaal stellt sich die Frage, wie viele Personen an einer Prüfung teilnehmen können. Nicht nur der Mindestabstand der Prüfungsteilnehmer muss eingehalten werden. Auch die Frage, wie ein solcher Saal besetzt wird, bedarf einer speziellen Planung (Foto: Campus Koblenz)

Ein Beispiel: Der größte Hörsaal in Koblenz (D 028), der 600 Sitzplätze umfasst, ist in Corona-Zeiten nur für 100 Teilnehmer zugelassen. Der Saal ist nun in vier Quadranten unterteilt, der Zutritt erfolgt über zwei Eingänge. Bei der Einladung wird den Prüflingen mitgeteilt, über welchen Eingang sie den Saal betreten sollen, damit kein Gedränge entsteht. Zuvor stellen die Prüfenden die Identität der Teilnehmer fest und erkundigen sich nach ihrem Gesundheitsstatus. Wer Erkältungssymptome aufweist oder sich krank fühlt, darf den Hörsaal gar nicht erst betreten.

Dann wird jede Sitzreihe wie beim Boarding eines Flugzeugs besetzt, allerdings mit großen Abständen von fünf Sitzen zur nächsten Person und jeweils versetzt zu den Nachbarn in den Reihen davor und dahinter. Der Vorteil: Sollte während der Prüfung jemand aufstehen, weil er zum Beispiel die Toilette aufsuchen muss, braucht er nur an einer Person vorbeizugehen. Diese muss ebenfalls kurz aufstehen, um den Kollegen oder die Kollegin passieren zu lassen. So ähnlich sehen auch die Nutzungskonzepte der anderen großen Räume aus.

 

„Es ist ganz wichtig, dass zwischen der Prüfungseinladung und der Klausur mindestens vier Wochen liegen müssen“, fordert der AStA.

 

Im „Steering Committee für Studium und Lehre“ befasst man sich unter anderem mit den unterschiedlichen Prüfungen. Dem Gremium gehören unter anderem Prof. Dr. Gabriele Schaumann (Vizepräsidentin Studium und Lehre), die Prodekane und Prodekaninnen für Lehre der acht Fachbereiche, Vertreter der Prüfungsämter sowie Studierende an. Hier wurde festgelegt, dass die ausgefallenen Prüfungen des Wintersemesters 2019/20 Priorität haben.

Die operative Planung der Prüfungen in Landau hat eine „Task Force Lehre“ übernommen. Apl.-Prof. Dr. Marcus Naumer möchte dafür sorgen, dass die ausgefallenen Termine möglichst rasch nachgeholt werden. Darauf angepasst könnten dann die regulären Prüfungen des Sommersemesters geplant werden. Simone Mangold vom AStA Landau und Corinna Mühlenbruch vom AStA Koblenz bringen die Perspektive der Studierenden in das Gremium ein: „Uns ist ganz wichtig, dass zwischen der Prüfungseinladung und der Klausur mindestens vier Wochen liegen müssen, damit sich die Studierenden ausreichend auf die Prüfung vorbereiten können.“ Außerdem müsse es eine Lösung für Risikogruppen geben, fordern beide. (Der AStA Koblenz hat hierzu eine Stellungnahme verfasst).

 

„Ich hätte es besser gefunden, wenn die Rahmenbedingungen für die Prüfungen viel früher festgestanden hätten“, sagt Prof. Dr. Norbert Wenning.

 

Für die Sorgen der Studierenden hat Prof. Dr. Norbert Wenning volles Verständnis. Man werde versuchen, diese Wünsche zu berücksichtigen, sagt der Leiter der Task Force und Campusbeauftragte in Landau. Er weist auch auf die emotionale Seite bei den Lehrenden hin, denn unter ihnen befänden sich nicht wenige, die zu den Risikogruppen zählten; entsprechend sei die Angst groß, sich mit dem Virus infizieren zu können. „Im Übrigen hätte ich es besser gefunden, wenn die Rahmenbedingungen für die Prüfungen viel früher festgestanden hätten“, moniert der Erziehungswissenschaftler. Denn die ursprüngliche interne Ankündigung, dass mündliche und schriftliche Prüfungen ab 27. April beziehungsweise ab 4. Mai möglich seien, habe dazu geführt, dass die Lehrenden mit Anfragen von Studierenden überrannt worden seien.

Für die persönliche Teilnahme an schriftlichen Klausuren sind derzeit keine Alternativen in Sicht (Foto: Pixabay)
Für die persönliche Teilnahme an schriftlichen Klausuren sind derzeit keine Alternativen in Sicht (Foto: Pixabay)
 

In Koblenz ist es eine Runde der Prodekane für Lehre sowie dem Hochschulprüfungsamt, die unter der Leitung der Campusbeauftragten Prof. Dr. Constanze Juchem-Grundmann die Prüfungen organisiert. Sie laden regelmäßig Fachleute in ihre Arbeitsgruppe ein, diskutieren mit dem AStA, reden mit Prüfern und Vertretern der Fachbereiche. „Ich bin sehr positiv gestimmt, dass wir die Prüfungen als Angebot für die Studierenden zügig nachholen können“, meint Juchem-Grundmann. „Wenn alles gut geht, müssten wir bis Mitte Juni mit den Klausuren des Wintersemesters fertig sein.“ Und inzwischen kann sie vermelden, dass die Prüfungsplanungen auch für das Sommersemester so weit vorangeschritten sind, dass wir die gewünschten mindestens vier Wochen Vorbereitungszeit für die Klausuren ermöglichen können.

Was passiert aber mit denjenigen Studierenden, die sich wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr nicht zum Campus trauen? „Wir tun alles dafür, dass diese Gefahr so gering wie möglich ist“, sagt die Anglistik-Professorin und verweist auf das Hygienekonzept. „Und wir verpflichten niemanden zur Teilnahme an Prüfungen“, ergänzt André Stange, Leiter des Koblenzer Prüfungsamtes. Rechtlich gesehen gebe es aber keine Möglichkeit, die Prüfungsordnungen der Studiengänge im Nachhinein zu ändern. Daher könne man für die ausgefallenen Prüfungen des Wintersemesters und für die bevorstehenden des Sommersemesters keine Prüfungsformate ermöglichen, die von den Vorgaben der aktuell jeweils gültigen Prüfungsordnung abweichen, beispielsweise Online-Prüfungen.

 

„Ich bin sehr positiv gestimmt, dass wir die Prüfungen als Angebot für die Studierenden zügig nachholen können“, meint Prof. Dr. Constanze Juchem-Grundmann.

 

Da das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium keine zentralen, rechtlich eindeutigen Vorgaben zu einer Corona-Notprüfungsordnung gemacht hat, muss die Universität auf Präsenzprüfungen bestehen. „Wir werden aber versuchen, zumindest für das Wintersemester so etwas wie eine Notfall-Rahmenprüfungsordnung bereitzuhalten“, kündigt Juchem-Grundmann an. „Damit wären wir für alle Fälle gerüstet. Schließlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass uns Corona noch eine Weile beschäftigen wird.“

Da, wo es juristisch möglich ist, wägt die Universität ab, ob sogar Prüfungen mit sehr vielen Teilnehmern entfallen können. So soll der sogenannte Studierfähigkeitstest für den Master Psychologie in Landau, den in der Regel bis zu 500 Bewerberinnen und Bewerber gleichzeitig bestreiten, für das Wintersemester 2020/21 entfallen. Hier ist dann die Abiturnote das entscheidende Kriterium, um für den Studiengang eine Zulassung zu erhalten.

Alle anderen Klausuren, die ausgefallen sind, werden hingegen nachgeholt – und die persönliche Anwesenheit ist hier nun mal erforderlich. Wann die einzelnen Termine feststehen, erfahren die Studierenden so bald wie möglich. Dass in Corona-Zeiten besondere Bedingungen für ausgefallene und wahrscheinlich auch kommende Prüfungen gelten, das weiß man schon jetzt.


Datum der Meldung 28.05.2020 00:00
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