Schlimmer als die Finanzkrise

Das Coronavirus legt die Wirtschaft lahm; Deutschland kommt um eine Rezession nicht herum. Welche ökonomischen Folgen die Corona-Krise für die Bevölkerung und auch für die Hochschulen haben könnte, erläutert Prof. Dr. Werner Sesselmeier im Interview. Teil 4 der Serie „Mit der Corona-Krise umgehen“.

Prof. Dr. Werner Sesselmeier (Foto: privat)
Prof. Dr. Werner Sesselmeier (Foto: privat)

 

 

 

Herr Professor Sesselmeier, die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 2,8 bis 5,4 Prozent in diesem Jahr. Das Institut für Weltwirtschaft geht von minus 9 Prozent aus; noch pessimistischer ist das Ifo-Institut, das vor einem Wirtschaftseinbruch von bis 20 Prozent warnt. Warum sind die Prognosen so unterschiedlich?

Prof. Dr. Werner Sesselmeier: Was wir vorliegen haben, sind Szenarien. Prognosen können wir ja schlecht abgeben, weil wir keine Erfahrungen aus der Vergangenheit mit einer Pandemie haben. Wo sich alle Institute hingegen weitgehend einig sind, ist die Frage, wie viel uns ein Monat Einschränkungen kostet: Sie gehen von etwa vier Prozent Wachstumsrückgang aus. Da die Institute mit einer unterschiedlich langen Dauer an Einschränkungen rechnen und unterschiedliche gesamtwirtschaftliche Modelle zugrunde legen, sind auch die Zahlen so verschieden.

Je länger der Shutdown dauert, umso schlimmer sind die Folgen. Wie lange hält eine gesunde Volkswirtschaft den Stillstand aus?

Gute Frage. Wenn man das wüsste, könnte man die Maßnahmen noch besser aufeinander abstimmen. In letzter Zeit sind viele Rettungsschirme mit Liquiditätshilfen für alle möglichen Bevölkerungsgruppen aufgespannt worden, und es kommen ständig neue hinzu: für Vermieter, die keine Mietzahlungen mehr bekommen; für Mieter, die sich die Mietzahlungen nicht mehr leisten können; für Unternehmen, denen die Märkte wegbrechen; für Arbeitnehmer in Kurzarbeit, die nichts mehr zu produzieren haben und so weiter. Zugespitzt gesagt: Diese Maßnahmen können dazu führen, dass viele Menschen diese Krise materiell überstehen. Wir reden hier aber von wenigen Monaten.

 

„Die Liquiditätshilfen können dazu führen, dass viele Menschen diese Krise materiell überstehen. Wir reden hier aber von wenigen Monaten.“

 

Gibt es da einen Point of no Return, wo wir sagen, jetzt muss die Wirtschaft wieder in Gang kommen, weil sonst alles wirklich über Jahre darniederliegt?

Na ja, es kommt darauf an, wie man die verschiedenen Nachfrageelemente stützen kann. Die genannten Maßnahmen stützen vor allem den privaten Konsum. Gleichzeitig gehen auch die Staatsausgaben hoch. Die Frage ist aber: Wie kann man dafür sorgen, dass Unternehmen wieder investieren? Dafür gibt es aber keine ökonomischen Lösungen. Die Lösung liegt in der Bekämpfung des Virus.

Es gibt verschiedene Szenarien, wie schnell die Wirtschaft aus der Talsohle herauskommen kann. Was wäre ein Worst-Case- und was ein Best-Case-Szenario?

Der Sachverständigenrat der deutschen Wirtschaft modelliert drei verschiedene Szenarien. Das optimistische Szenario besagt, dass die Wirtschaftsentwicklung stark nach unten geht und dann sehr schnell und stark wieder nach oben – das entspricht dem Buchstaben V. So etwas haben wir vor zehn Jahren bei der Finanzkrise erlebt. Dann gibt es eine Art U: Das heißt, die Wirtschaft stürzt ab, bleibt eine Weile in der Talsohle, ehe sie sich wieder erholt. Und der schlimmste Fall ist: Ein steiler Absturz und nur ein langsamer und lang andauernder Aufstieg. Das entspricht in etwa einem L.

 

Mit Corona kommt die Rezession. Die Frage ist, wie stark die Wirtschaft abfällt und wie lange die Talsohle anhält (Foto: Pixabay)
Mit Corona kommt die Rezession. Die Frage ist, wie stark die Wirtschaft abfällt und wie lange die Talsohle anhält (Foto: Pixabay)
 

 

Welches Szenario halten Sie für realistischer?

Ob es schnell oder langsam nach oben geht, hängt neben den richtigen Maßnahmen und dem richtigen Timing auch vom Vertrauen der Bürger in das staatliche Handeln ab. Ich glaube, dass es auf ein eher breit geformtes U hinauslaufen und damit schlimmer als die Finanzkrise werden könnte. Die Corona-Krise trifft sehr viel mehr Branchen und Bevölkerungsgruppen als seinerzeit die Finanzkrise. Damals waren für weite Teile der Bevölkerung keine negativen Auswirkungen spürbar. Diese waren auf den Bankensektor und Teile der Industrie begrenzt. Jetzt ist es anders: Derzeit sind alle Bürger in ihrem Aktionsradius begrenzt. Wenn man durch die Stadt geht und die meisten Geschäfte sind geschlossen, führt das nicht gerade zu Wohlbefinden. Wenn man beim Supermarkt lange anstehen muss, nur um überhaupt reinzukommen, signalisiert das auch eine Krise. Das ist vor allem ein psychologisches Problem. Wenn wir das überwinden können, geht es wieder nach oben.

 

„Die Corona-Krise trifft sehr viel mehr Branchen und Bevölkerungsgruppen als seinerzeit die Finanzkrise.“

 

Die Rettungspakete des Bundes aus Krediten und Garantien summieren sich auf schwindelerregende 1,8 Billionen Euro. Werden diese Maßnahmen ausreichen, um die Wirtschaft zu stützen?

Das kommt wieder auf die Länge der Krise an. Die Hälfte der Summe, die Sie genannt haben, sind Kreditzusagen – das ist noch kein Geld, das in Anspruch genommen wird. Lediglich die andere Hälfte wird vom Staat in Form der verschiedenen Rettungsschirme ausgegeben. Es sollte kein allzu großes Problem für Deutschland werden, wenn sich die Staatsschulden erhöhen, da unser Land ein ziemlich begehrter Schuldner ist.

 

Die Corona-Krise könnte auch die Hochschullandschaft verändern (Foto: Pixabay)
Die Corona-Krise könnte auch die Hochschullandschaft verändern (Foto: Pixabay)
 

 

Die Bundesregierung hat Ende März beschlossen, dass der Staat sich nun direkt an Unternehmen beteiligen will. Voraussetzung ist, dass die Unternehmen mindestens 250 Beschäftigte und eine besondere Bedeutung für die Wirtschaft, die technologische Souveränität, die kritische Infrastruktur oder den Arbeitsmarkt haben. Was halten Sie davon, dass der Staat sich an bestimmten Unternehmen beteiligen will?

Warum nicht? Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds, den Sie erwähnen, ist doch nur ein weiterer Rettungsschirm, den der Staat kurzfristig einsetzt. Hier geht es um eine Stabilisierung von Unternehmen, auch mit dem Hintergedanken, dass sie nicht in ausländische Hände fallen.

Wird die Wirtschaft damit nicht schleichend verstaatlicht?

Das glaube ich nicht. Langfristig gesehen hat keine Partei ein Interesse an einem unternehmerisch tätigen Staat.

 

Das Studium könnte wieder ein Privileg von jungen Leuten mit besser verdienenden Eltern werden.

 

Was glauben Sie: Welche Folgen wird die Corona-Krise für die deutschen Hochschulen nach sich ziehen?

Ich glaube, dass sich die Hochschullandschaft verändern wird. Die Bundesländer werden sich zugunsten ihrer Kommunen und sonstiger Einrichtungen verschulden müssen, und sie werden in den nächsten Jahren niedrigere Steuereinnahmen haben. Dies lässt alle derzeit versprochenen und diskutierten Geldflüsse, etwa im Zusammenhang mit der Verstetigung der Hochschulpaktmittel in Rheinland-Pfalz, fraglich erscheinen.

Die gegenwärtig forcierte Digitalisierung der Lehre wird sicher nicht wieder vollständig zurückgenommen werden. Hier sollten wir aber nicht übersehen, dass die Präsenzlehre das Herzstück jeder Hochschule ist. Der Austausch über die digitalen Medien kann nun mal nicht so ideal verlaufen wie die persönliche Diskussion von Angesicht zu Angesicht. Zudem könnte sich die soziale Spaltung bei den Studierenden und Studieninteressierten erhöhen. Das Studium könnte wieder ein Privileg von jungen Leuten mit besser verdienenden Eltern werden.


Datum der Meldung 15.04.2020 00:00
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