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Bildmacht: Visualisierungen von Evidenz

Bildmacht: Visualisierungen von Evidenz
(AK Visuelle Soziologie)

Aida Bosch, Michael R. Müller, Aglaja Przyborski, Jürgen Raab & Bernt Schnettler

Session 1-2: Bildmacht: Visualisierungen von Evidenz 1/3

E 114

Donnerstag, 11:00-13:00 Uhr

 

Boris Traue 
(Berlin)

Bilder als Autoritätsgeneratoren und Kontaktmittel

 

David Joshua Schröder 
(Berlin)

Visuelle Inszenierung von materiell erzeugter Gewissheit

 

Ekkehard Knopke (Weimar)

Bilder der Todesevidenz. Visuelle Aushandlungen der Grenze zwischen Leben und Tod

 

 

Session 2-2:  Bildmacht: Visualisierungen von Evidenz 2/3

E 114

Donnerstag, 14:00-16:00 Uhr

 

Christine Campen (Koblenz)

(Un-)Gewisse Emotionen. Eine Untersuchung der mimischen Darstellung von Emotionen in fiktiven und realen Kontexten

Adrian Totaro
(Landau)

Bilder der Gewissheit? – Visuelle Ausdrucksgestalten in christlicher Mission

 

Session 3-2: Bildmacht: Visualisierungen von Evidenz 3/3

E 114

Donnerstag, 16:00-18:00 Uhr

 

Michael R. Müller 

(Chemnitz) & 
Matthias Sommer 
(Chemnitz)
 

Politisierung der Bilder - Politisierung durch Bilder. Die Konstruktion von Evidenz im politisch motivierten Bildvergleich

Bernt Schnettler (Bayreuth),

José Fernando 
Sánchez Salcedo 

(Cali - Colombia),

Anna-Lena Dießelmann 

(Bayreuth & Cali)

Andreas Hetzer (Bayreuth) 

Kampf der Bilder für den Frieden? Evidenzherstellung und visuelle Rhetorik in Kolumbien vor und nach der Demobilisierung der FARC

 

 

Bilder dienen nicht nur der Identifizierung, Dokumentation oder Illustration von Wirklichkeitsdeutungen und Handlungspraxen. Sie lassen sich auch als strategische Instrumente für die kommunikative Durchsetzung und Aufdauerstellung von Wirklichkeitssichten einsetzten. Daher ist kaum verwunderlich, dass in Zeiten einer wachsenden Verunsicherung über den Stellenwert des Wahrheitsgehalts von Aussagen – man denke nur „Fake News“, „Post Truth“, „Alternative Facts“ – auch die Frage nach der Verlässlichkeit und Gewissheit von Bildern – erneut – in die Diskussion rückt.

Einerseits gelten Bilder im Vergleich und Abgrenzung zu Schrift und Text generell als unbestimmter und damit in ihrer Wahrheits-, Erkenntnis- und Wissenschaftsfähigkeit als fragwürdiger. Stehen sie doch in Verdacht einer im Verhältnis zu Schrift und Text zu großen Anschaulichkeit, gleichsam der Unterforderung des Intellekts, der am Text geschult ist, zugunsten der Affekte: Bilder lassen einen größeren Spielraum zwischen Vorstellung und Wirklichkeit und zeigen, dass am Zeigen nichts wichtiger, aber auch nichts zweifelhafter ist, als das Zeigen selbst. Vor allem unter den Vorzeichen der voranschreitenden Digitalisierung der visuellen Kommunikation wird es zunehmend schwierig, Bilder unmittelbar im Kontext von Erkenntnis und Wahrheit, Konsens und Gewissheit zu verorten.

Andererseits und zugleich ist das Zeigen „der ikonische Grundakt überhaupt“ (Boehm 2007: 211f.). Alltag und Wissenschaft kennen Bilder vielfach als Abbilder, denen sie wie selbstverständlich die Fähigkeit unterstellen, ‚etwas’ mehr oder minder eindeutig als ‚dieses’ anschaulich zu reproduzieren. Doch die Akte und Gesten des Zeigens (deixis) beschränken sich keineswegs darauf, durch die Unterscheidung von Vorne und Hinten, Fokus und Möglichkeitsfeld etwas nur sichtbar zu machen. Vielmehr handelt es sich bei Bildern um Ausdrucksgestalten einer „Manifestationsmacht“, die, wird sie auf „die Sicht- und Teilungsprinzipien der sozialen Welt angewandt [...] neue Gegensätze, neue Weisen, Form und Inhalt, Vordergrund und Hintergrund, Aktuelles und Inaktuelles zu hierarchisieren, zum Vorschein bringt, neue Prinzipien der Klassifizierung und Gruppierung des Wahrgenommenen und damit neue Gruppen durchsetzt“ (Bourdieu 2010: 57).

Vor diesem Hintergrund fragen die Sessions des Arbeitskreises Visuelle Soziologie nach dem komplexen Spannungsverhältnis von „Deixis und Evidenz“ (Wenzel & Jäger 2009). Im Zentrum sollen gesellschaftliche Verwendungszusammenhänge stehen, in denen Visualisierungen als Kommunikationsmittel zum Einsatz kommen, um bestimmte soziale Effekte durchzusetzen. Dabei können die Rolle und Funktion bildlichen Zeigens für die Generierung und Stabilisierung, ebenso wie für die Veränderung und Aufkündigung von Konsens und Gewissheit in zumindest drei Hinsichten thematisiert werden:

 

  1. Zu welchen sozialen Anlässen und auf welche Art und Weise werden Bilder zur Eröffnung von Vergleichshorizonten herangezogen und mit konkurrierenden Wissensbeständen zur Versicherung von Gewissheit abgeglichen und bewertet? Was sind die visuellen Standards der Gewissheit, der Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit? Was bedeuten solche Visualisierungen von Evidenz für die Verlässlichkeit von Wissensbeständen und deren Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit in Öffentlichkeit und Alltag?
  1. Inwieweit ist das in Bilder sich einschreibende und sie mitkonstituierende implizite und habitualisierte Wissen für Evidenzzuschreibungen verantwortlich? Sind leibliche Erfahrungen und leibliches Empfinden beim Betrachten von Bildern an der Evidenzkonstruktion beteiligt und wie können solche Zuschreibungen und Konstruktionen empirisch erfasst werden? Sind Bilder generell Suggestionen für Sichtweisen und Perspektiven, Positionen und Haltungen, oder verlaufen Grenzlinien zwischen ‚unschuldigen’, zeugenhaften Bildern und Bildern, die durch eine visuelle Rhetorik manipulieren wollen?

  2. Sofern die Hypothese von der „Homologie zwischen der Struktur des politische Theaters und der Struktur der vorgestellten Welt, zwischen den sozialen Kämpfen und der sublimierten Form dieser Kämpfe, die im politischen Feld gespielt wird“ auch nur näherungsweise zutrifft, stellt sich die Frage, wie sich die Akte der Visualisierung ausgestalten, mit denen sich Gruppen in Herrschaftszeremonien, Propaganda, Demonstrationen, Protestaktionen etc. machtvoll inszenieren und dabei „für sie selbst und für andere eine elementare Form der Objektivation und Manifestation der Teilungsprinzipien (vorführen), nach denen sie sich selbst objektiv organisieren und über die sich die Wahrnehmung organisiert, die sie von sich selbst haben“ (Bourdieu 2010: 58). Konkret: Wo gerät das Bild zum strategischen Mittel und wird Einfluss über Bildmacht ausgeübt? Wie werden Ansprüche auf Gewissheiten mittels visueller Formen erhoben, verteidigt, durchgesetzt und wie werden politische Gewissheiten mit Bildern zementiert, aber auch erschüttert oder herausgefordert?

 

Inhaltlich erstreckt sich das Interesse damit auf ein denkbar breites Spektrum von visuellen Formen und Strategien der Evidenzkonstruktion. Exemplarisch können sich die Fallanalysen von alltäglichen Gebrauchsweisen mit ihren „Konsensfiktionen“ (Hahn 2018) und Gewissheitsunterstellungen etwa beim gemeinsamen Betrachten familiärer Fotoalben, über die sich wechselseitig wie selbstverständlich als evident erscheinenden, miteinander Videotelefonierenden oder sich in sozialen Netzwerken Austauschenden, bis hin zu den aufwändig gestalteten, gezielt platzierten und als strategische Mittel eingesetzten Schlüsselbildern der öffentlichen Kommunikation erstrecken, wie sie etwa aus der Kriegsfotografie bekannt sind. Dabei wollen wir die Evidenzfähigkeit von Visualisierungen nicht nur theoretisch erörtern, sondern fragen auch nach geeigneten empirischen, wissenssoziologischen Methoden, um der Visualisierung von Evidenz in materialen Analysen auf die Spur zu kommen. Wir bitten um Vortragsvorschläge als Abstracts im Umfang von ca. 2000 Zeichen bis zum bis 31. März 2019 im E-Mail-Anhang an: Aida Bosch: aida.bosch@fau.de: Michael R. Müller: michael-rudolf.mueller@phil.tu-chemnitz.de, Aglaja Przyborski: aglaja.przyborski@univie.ac.at; Jürgen Raab: raab@uni.landau.de; Bernt Schnettler schnettler@uni-bayreuth.de

 

Literatur:

Boehm, Gottfried: Unbestimmtheit. Zur Logik des Bildes, in: Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin, University Press 2007: 199-212

Bourdieu, Pierre: Die politische Repräsentation. Elemente einer Theorie des politischen Feldes, in: Pierre Bourdieu: Politik. Schriften zur Politischen Ökonomie 2. Konstanz, UVK 2010: 43-96

Hahn, Alois: Konsensfiktionen als Ausgleich von Machtdefiziten, in: Martin Endreß & Alois Hahn (Hrsg.): Lebenswelttheorie und Gesellschaftsanalyse. Köln, Van Halem 2018: 424-453

Wenzel, Horst & Ludwig Jäger (Hrsg.): Deixis und Evidenz. Freiburg im Breisgau u.a., Rombach 2008