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Sprachhandeln und Gewissheit

Sprachhandeln und Gewissheit


Die Sprache des Nicht-Sprachlichen:
Eine Diskussion der inferenziellen Semantik

(AK Theoretische Wissenssoziologie)

Fabian Anicker und Peter Isenböck

Session 4-3: Sprachhandeln und Gewissheit … 

E 313

Freitag, 09:00-11:00 Uhr

 

Fabian Anicker
(Münster)
 

Know that als know how – 
Was könnte die Wissenssoziologie 
von Robert Brandom lernen
 

Peter Isenböck
(Münster)

Sprachgemeinschaft und Handlungseinheit. Über die implizite Normativität 
bei Robert Brandom

 

Zurzeit beschäftigt sich die Wissenssoziologie vielfach mit Phänomenen, die sich scheinbar an den Rändern des Sozialen und den Grenzen des Sprachlichen bewegen. Dies ist sowohl eine methodologische wie theoretische Herausforderung. Welche Begriffe sind geeignet, nicht- sprachliche und nicht-diskursive Praktiken angemessen zu erfassen? Eine Umstellung der Handlungsbegriffe weg von einem sprachlich-diskursiven Subjekt hin zu einem Körper, dessen primärer Weltzugang kein sprachlicher ist, ist für viele eine attraktive theoretische Alternative. Es ist jedoch auch denkbar, dass auch eine am Modell des Sprachlich-Diskursiven orientierte Theorie ein Dekompositionsniveau erreichen kann, welches auch die Erschließung von körperlichen Praktiken mit hinreichender Tiefenschärfe ermöglicht.

Die an Wittgensteins Untersuchungen zur Gewissheit anschließende inferenzialistische Semantik Robert Brandoms beinhaltet bedeutungs- wie handlungstheoretische Aspekte, die für die Diskussion von sprachlichen wie nicht-sprachlichen Formaten der Handlungskoordination innerhalb der Soziologie fruchtbar gemacht werden können, wie das in vergleichbarer Weise in der ethnomethodologischen Tradition in Anschluss an den von Paul Grice geprägten Terminus der konversationellen Implikatur geschehen ist. Dort wird jedoch auf eine intentionale Aktoren-Semantik zurückgegriffen, die von Autoren wie Habermas und Brandom kritisiert wird.

Bedeutungstheoretisch scheint besonders das Verhältnis von Sprache und Intentionalität diskussionswürdig. Brandom postuliert zwischen diesen beiden Modi des Weltbezugs keinen Gegensatz, sondern fasst sprachlichen Ausdruck und intentionale Bezugnahme als Aspekte ein und derselben diskursiven Praxis (in der Weltbezüge nicht als unanalysierte 'Repräsentationsverhältnisse', sondern als soziale Verpflichtungen gedacht werden müssen). Brandom operiert mit einer klaren Differenz oder Diskontinuität zwischen Begriffsverwendern/Nicht-Begriffsverwendern, begrifflich/vorbegrifflich, Regelmäßigkeit/Regelgeleitetheit und nicht-normativen und normativen Praktiken. Die Proposition ist für ihn die grundlegende Form des Begrifflichen und die Minimalbedingung dafür, dass man von normativen Praktiken sprechen kann. Nur für Urteile kann man nach

Brandom, der hier ganz Kantianer ist, Verantwortung übernehmen. Jedoch ist das handelnde 23

Subjekt für Brandom nur deswegen ein moralisch verantwortlicher Akteur, weil seine Handlungsakte sich in ein Netz von Bedeutungen einschreiben, welche nicht als intentional erzeugt gedacht werden können. Das Geben und Nehmen von Gründen in normativen Praktiken setzt deswegen keinen vollbewussten, reflektierten Akteur voraus, sondern das implizite und angemessene Beherrschen von kollektiv geteilten und praktisch gewissen Regeln. Auch eine nicht-sprachliche Handlung ist regelgeleitet, sofern es möglich ist, eine deontische Festlegung zuzuschreiben.

Für die soziologische Diskussion von Formaten der Handlungskoordination stellt sich vor allem die Frage, ob die Analyse diskursiver Praktiken anhand der wechselseitigen Zuschreibung eines doxastischen Status und von Intentionalität ("deontic score keeping") rekonstruktiven und weiteren explanativen Ansprüchen der soziologischen Handlungstheorie gerecht wird. Was leistet die inferenzielle Dimension der Bedeutung einer Sprachhandlung für die "Koordination des Handelns"? Inwiefern eröffnet die inferenzielle Semantik einen Zugang zur Problematik Gründe-geleiteten, geltungsorientierten und insofern 'kommunikativen' Handelns? Dies betrifft einerseits die Art der Bindungswirkung kommunikativer Akte auf der Ebene von Interaktionsverhältnissen, andererseits die Möglichkeit, vom Begriff der diskursiven Praxis ausgehend Anschlussstellen für abstraktere Formate der Handlungskoordination auszumachen, so dass differenzierungstheoretische Fragen in den Blick geraten können. Folgende Fragen in diesem Zusammenhang halten wir für diskussionswürdig:

 

1)  Wenn man von regelgeleitetem Handeln ausgeht: Was sind die kleinsten Handlungseinheiten,
die man identifizieren kann?

2)  Wenn man von einer grundlegenden Normativität der Praxis ausgeht: Ist es notwendig,
das "Wissen-wie" oder praktische Gewissheit als propositionales Wissen zu denken?

3)  Wie kann sprachliche Handlungskoordination mithilfe der inferenziellen Semantik
und 
der Theorie der diskursiven Praxis verstanden und erklärt werden?

4)  Welche Binnendifferenzierungen der Sprachgemeinschaft, als Ausgangspunkt
der inferenziellen Semantik, sind möglich?

5)  Sind abstraktere Formen der Handlungskoordination (Steuerungsmedien wie „Geld“ 
ebenfalls grundlegend normativ strukturiert?

6)  Wie könnten soziologische Kategorien wie Milieu, Diskurs oder System im Rahmen
einer inferenziellen Semantik entfaltet werden?

 

Wir bitten um Vorschläge bis zum 31.3.2019:

Fabian Anicker anicker@uni-muenster.de
Peter Isenböck peter.isenboeck@uni-muenster.de