Gewissheit

Gewissheit

3. Kongress der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
vom 9. – 11. Oktober 2019 am Institut für Soziologie der
Universität Koblenz-Landau (Campus Koblenz)

 

In einer Zeit soziologischer Diagnosen von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Unübersichtlichkeit oder den Chancen und Risiken individuellen Entscheidens sehen wir uns gegenwärtig nicht nur in der politischen und massenmedialen Öffentlichkeit, sondern bis in die kleinsten Einheiten des Sozialen mit der verstärkten Proklamation von Gewissheiten konfrontiert. Mit dem Anspruch jeweiliger ‚Gewissheit‘ tritt hier nicht wahrheitsfähiges bzw. gesichertes Wissen auf. Es geht vielmehr um identitätsrelevante Weltsichten, Überzeugungen und nicht zuletzt auch Glaubensentscheidungen für etwas, das als maßgebend für die eigene Handlungsorientierung angenommen und gegen Widerstände sowie vor allem gegen den vermeintlich expertokratischen wissenschaftlichen Skeptizismus behauptet wird.

In Anbetracht der offenkundigen Kommunikation sogenannter ‚Alternativer Fakten‘ oder ‚Fake News‘ scheint die Zweckrationalität im Sinne Max Webers als immerhin eine maßgebende Richtschnur der wissenschaftlichen Wissensgenese gegenüber machtvermittelter Behauptungswillkür ins Hintertreffen zu geraten (vgl. hierzu auch die aktuelle Diskussion in ‚Soziologie‘ 47, H. 3/2018). Hinter diesem sich vor der Kulisse fortschreitender Globalisierung, Transnationalisierung und Kosmopolitisierung abspielenden Prozess könnte sich eine Umkehr von Webers Diagnose eines Übergangs von Wert- zur Zweckrationalität abzeichnen: Säkularisierte Wissensregimes werden in der Konfrontation mit religiösen und politischen Fundamentalismen ‚relativiert‘ und entwertet, was auf eine Rückabwicklung der Modernisierungsdynamik – von der Zweck- zu einer neuen Wertrationalität – hinauszulaufen scheint.

Vor diesem Hintergrund befasst sich der dritte Kongress der Sektion Wissenssoziologie mit ‚Gewissheit‘ und greift damit ein Thema auf, das die Wissenssoziologie von jeher begleitet, ja bis in die Spitzen ihrer philosophischen Wurzeln reicht. Konstitutiv für die jüngere Wissenssoziologie bildet ‚Gewissheit‘ gleichermaßen das Synonym für ‚Wissen‘ wie es konträr zu ihrem weit gefassten Wissensbegriff steht. Im Spannungsfeld lebensweltlich-singulärer Gewissheit und empirisch-pluralisierter Gewissheiten will auch dieser dritte Sektionskongress Raum für wissenssoziologische Debatten und empirische wie theoretische Beiträge aus auch in disziplinärer Sicht mannigfaltigen Perspektiven eröffnen.

Für die Wissenssoziologie ist das Thema ‚Gewissheit‘ mehrfach provokativ: Es erinnert an die überholte Unterscheidung von Glauben und Wissen und lenkt den Blick auf Wissen, das zwar anderen Wahrheitsbegriffen unterliegt, gleichwohl aber Orientierung zu bieten vermag. Das Thema könnte – gewollt oder auch nicht – eine Neuauflage der Diskussion um Ideologien und das Ideologiekonzept initiieren. Mit dem Aufkommen neuer Gewissheiten geht (wieder einmal) die Problematisierung der Legitimationskraft des Wissens einher, wobei weniger erkenntnistheoretische, als vielmehr gesellschaftliche Fragen sowie politische Konsequenzen im Vordergrund zu stehen scheinen.

Aus wissenssoziologischer Sicht sind viele Grundannahmen tangiert, die (neben vielem anderen) in den Arbeitskreisen der Sektion Wissenssoziologie verhandelt werden und dementsprechend beim Kongress – im Rahmen einzelner Panels – zum Thema gemacht werden.