Laudatio

zur Verleihung der Ehrendoktorwürde
der Universität Koblenz-Landau am 31. Oktober 2003 an
Herrn Prof. Dr. Volker Claus
Prof. Dr. Volker Claus

Von Prof. Dr. Hans-Jürgen Appelrath

Verehrter, lieber Herr Claus, geschätzter Dekan Ebert, sehr geehrtes Auditorium.

Selbst erfahrene Festredner warnen vor Laudationes zur Verleihung von Ehrendokto­rwürden. Das sei zwar nicht so schwierig wie bei Nachrufen auf einer Trauerfeier, aber auch hier müsse man sich gut überlegen, ob und wie man das Lebenswerk des zu Ehrenden schönt und überzeichnet.

Ein übertriebenes und schief gelaufenes Beispiel soll es neulich in Hannover gegeben haben, als ein Redner die Auszeichnung eines Industriellen mit den Worten ankündigte, der Preisträger sei einer der Top-Unternehmer Niedersachsens. Mit der Produktion von Computern habe er in Osnabrück Millionen verdient.

Als der so angekündigte Preisträger später das Wort ergriff, war er sichtlich verlegen. "Die Auszeichnung nehme ich gerne an", sagte er, "aber ich möchte doch darauf hinweisen, dass es sich nicht um Computer handelt, sondern um moderne landwirtschaftliche Maschinen. Und der Produktionsstandort ist auch nicht im Raum Osnabrück, sondern im Oldenburgischen." "Und um auch die finanzielle Seite zu erläutern", führte er fort, "es ging nicht um Millionen, sondern nur um einige Hunderttausend. Zudem habe nicht ich dies alles bewerkstelligt, sondern mein Bruder. Und der hat diese Summe leider nicht verdient, er hat sie verloren!"

Ich bitte um Nachsicht für diesen Einstieg, auch Herrn Claus, aber von ihm weiß ich ja, dass er selbst keine durchgängig ernsten, staatstragenden Reden liebt. Die erfundene Geschichte passt im Übrigen nicht zu Herrn Claus, denn 1.kann man ihn nicht verwechseln und 2.gibt es aus seinem beeindruckenden Lebenswerk ohnehin nur Gutes und Erfolgreiches zu berichten, das keiner Korrektur bedarf.

Herr Claus ist ein faszinierender Wissenschaftler und Mensch. Wegen seiner vielen Facetten ein Diamant unter den Kollegen mit einem enormen Rollen-Repertoire.

Und in insgesamt acht - bei Informatikern muss es natürlich eine 2er-Potenz sein - dieser Rollen möchte ich nun Herrn Claus zu zeichnen versuchen.

Zur 1. Rolle: Herr Claus als lebenslanger "Überflieger"

Schon der Schüler Volker Claus der Oldenburger Hindenburgschule fiel durch Intelligenz und Engagement besonders auf, wie mir sein alter Studienrat, Dr. Schiefer, berichtete. Lediglich in Deutsch habe der Schüler Claus mit seiner flotten Feder eine noch bessere Note durch seinen mitunter eigenwilligen Stil verhindert.

Und er erzählte sehr lebendig über die exzellenten Noten, ein "sehr gut" war eine Rarität seinerzeit und erst recht die 1er-Serie u.a. in Mathematik, Physik und Chemie. Diese unterrichtete der bereits verstorbene Klassenlehrer "Abu" Becker, der den Schüler Claus auch im Kollegenkreis, so Dr. Schiefer, in höchsten Tönen lobte.

Das Überfliegen ging weiter: Paralleles Studium der Chemie, Mathematik und Physik in Saarbrücken. Rasche Auffassungsgabe und Fleiß bescherten dem Wirbelwind nach nur fünf Semestern das erfolgreiche Vordiplom in allen drei Fächern. Welcher Student will so was heute noch und schafft es dann sogar? Herr Claus fühlte sich zunächst vor allem in der theoretischen Chemie zuhause, über die "Mathematik für Chemiker" kam er in die Mathematik, wurde algorithmischer und rechnernäher und landete bereits 1966 - man darf für unser Fach sagen gottlob - bei Herrn Kollegen Hotz, einem der ganz großen Leuchttürme der deutschen Informatik.

Nach nur gut 2 Jahren hatte er bereits die Promotion, nach weiteren nur 25 Monaten folgte die Eröffnung des wegen Berufung dann eingestellten Habilitationsverfahrens.

Mit 27 der Ruf als ordentlicher Universitäts-Professor nach Dort­mund, nach Annahme für einige Jahre der jüngste Informatikprofessor Deutschlands, mit einem Schlag auch denen "bekannt", die ihn und seine wissenschaftliche Laufbahn noch nicht näher beobachtet hatten.

Er selbst hat später dieses rasante Tempo des Überfliegers nicht nur positiv gesehen. Ein wenig mehr Zeit zum Reifen, zum umfassenderen Publizieren wissenschaftlicher Ergebnisse statt täglicher Tretmühle des Tausendsassas hätte ihm - wie er selbst sagte - gut getan. Er war zu Recht stolz über den klassischen bürgerlichen Vierklang schon mit 26: Einen Sohn (und eine Tochter!), ein Haus gebaut, ein Buch geschrieben und einen Baum gepflanzt, gleich danach schon den Ruf auf eine C4-Professur. Was sollte das Leben da noch bringen?

Ich komme zur 2. Rolle: Herr Claus als Forscher/ Autor/ Herausgeber

Zu Anfang hat er tief in der Theoretischen Informatik gearbeitet: Stochastische Automaten, Semi-Thue-Systeme, Schaltkreisreali­sierungen, Grundlagen der Programmierung. Später kamen Ent­scheidbarkeitsfragen etwa zur Programmäquivalenz hinzu, Arbeiten zu Formalen Sprachen und Graph-Grammatiken folgten.

Er war einer der ersten beim Thema Aufwärtsübersetzung und wurde zunehmend praktischer und angewandter bei vielen algorithmisch orientierten Arbeiten. So bis heute im Bereich der Graphentheorie und -algorithmen, der evolutionären Algorithmen sowie der Modellierung von Verkehrsgeschehen und innovativer Verfahren für Verkehrsprobleme.

Sie, lieber Herr Claus, leben den Anspruch der Informatik, eine nach Anwendungen verlangende Wissenschaft zu sein und sind für einen theoretischen Informatiker äußerst praxisrelevant. Sie sind kein Forschertyp, der sich in einer zu engen, mit sich selbst beschäftigten Community wohlfühlt. Solche Zirkel zitieren sich ja häufig wechselseitig bei ihren Versuchen, das Epsilon zu putzen, während draußen nach den größeren Deltas gefragt wird.

Ihre Publikationen haben durchgängig eine exzellente Qualität. Sie schreiben gerne, klar in Struktur und Botschaft. Und Sie schreiben für den Leser, nicht für sich selbst, und sicher auch mit dem Ehrgeiz, gern und von vielen gelesen zu werden.

Ein gutes Beispiel dafür sind die mit Herrn Schwill, dem ich einige Dortmunder Erinnerungen meiner Rede verdanke, publizierten Schülerduden und Duden Informatik. Auch hier bewundern wir Ihre konzeptionelle Sicherheit, Ihren Fleiß und Ihre un­nachahmliche Fähigkeit, Texte immer wieder zu überarbeiten, zu verdichten und aussagekräftiger zu machen.

Aber Sie forschen und publizieren nicht nur selbst, sondern waren auch 20 Jahre lang Kopf im Informatik-Herausgeberkreis des 1811 in Leipzig gegründeten Teubner-Verlags.

Für uns als Herausgeberkollegen und den Verlag waren Sie Analysierer, Strukturierer und Motor des Verlagsprogramms, unser "Mister Teubner" in Sachen Informatik. Herr Dr. Spuhler, unser langjähriger Verantwortlicher im Verlag schrieb mir:

Im Sommer 1972 traf ich erstmals Herrn Claus, um seine eigenen Buchpläne und das Informatik-Programm zu besprechen. Er hatte aber an diesem Tag mehr Interesse an der Vermarktung eines von ihm entwickelten kombinatorischen Spieles. Das war sehr interessant, meine Sorge war nur, wie soll ich das den Herrschaften im Verlag beibringen? Später hat er mich in die Informatik eingeführt und war mein wichtigster Ansprechpartner. Herr Claus wusste immer "wer macht wo was und wie gut", er vermittelte die Kontakte, er überzeugte auch zögerliche Autoren zum Schreiben eines Buches. Soweit Herr Spuhler.

Bereits seit 1972 hat Herr Claus sich der Lehreraus- und -weiterbildung gewidmet und entsprechende Bücher auch bei seinen Herausgebertätigkeiten mitgefördert. Er war aber nicht nur Kompass für die deutsche Lehreraus- und -weiterbildung, sondern ist selbst ein begnadeter Didaktiker.

Und damit zu seiner 3. Rolle: Herr Claus als exzellenter Lehrer

Im Kreis seiner Schüler, aber auch im Urteil unbefangener Kollegen gilt Herr Claus als einer der begabtesten Lehrer, einfach ein Naturtalent.

Ich gehörte wie etwa die Kollegen Vornberger und Szwillus zu den ersten Hörern der Clausschen Vorlesungen in Dortmund, z.B. der "Rechnerstrukturen", wo er die Arbeitsweise von Flip-Flops in Halb- und Volladdierern in Höchstgeschwindigkeit und trotzdem hervor­ragend lesbar an die Tafel schrieb. In seiner Vorlesung "Rekursive Funktionen" waren wir tief beeindruckt von der Unentscheidbarkeit des Halteproblems. Die Clausschen Betrachtungen hatten etwas Philosophisches und beschäftigten uns auch noch in der Mensa oder beim abendlichen Bier. Und wir versuchten den großen Meister - auch hier leider vergeblich - nachzuahmen in seiner Fähigkeit, nebenläufig und inhaltlich ent­koppelt gleichzeitig zu schreiben und über etwas völlig Anderes zu reden.

Ob in Dortmund, Oldenburg oder nun in Stuttgart: Sie Herr Claus setzen Maßstäbe für eine hervorragende, hörerorientierte Lehre. Sie machen mehr Lehre als das Deputat vorschreibt (wer macht das schon von uns?), Sie betreuen selbst noch Übungen, um den Kontakt zur Basis zu halten (welche Kollegen halten hier mit?) und Sie überarbeiten mit viel Liebe zum Detail immer wieder Lehrinhalte (wer hat einen solchen Ehrgeiz?).

Herr Claus begeistert die Studierenden auch durch Wettbewerbe und originelle Preise, um deren praktisches Üben zu forcieren. Bei Studis sehr beliebt waren Dinge wie der niedliche Busy Beaver. So hieß ja dann auch die Dortmunder Fachschaftszeitung - und manche meinten, die Bezeichnung passe auch gut auf Herrn Claus selbst. Dieser Biber sollte als Turingmaschine so programmiert werden, dass er bei gegebener Anzahl von Zuständen möglichst viele Striche auf ein Band schreibt, natürlich mit der Nebenbedingung dann auch zu halten.

Ein anderer Wettbewerb zielte auf Lösungen eines Postschen Korrespondenzproblems. Die Sieger bekamen eine Flasche Postsches Korrespondenzpils. Es schmeckte zwar nicht besser als andere, im Gegenteil, aber die emotionale Wirkung, vom "Prof" vor versammeltem Auditorium so was zu bekommen, ist enorm. Und als dann beim zu wilden Grillen ein Loch in den Tisch gebrannt wurde, hielten Sie Ihre schützende Hand drüber.

Auch die aktive Beteiligung an studentischen Fußballturnieren, obwohl er da weniger Talent hat, oder das Mitspielen im universitären Schachteam sind hervorragende Beispiele für ein ganzheitliches Verständnis eines Hochschullehrers, der nicht nur Wissensvermittler, sondern im besten Sinne auch Motivator seiner Studis ist.

Sie sind, lieber Herr Claus, aber nicht nur ein vorbildlicher Lehrer, sondern haben auch große Verdienste auf der Meta-Ebene, quasi als Lehrer-Lehrer.

Und damit kommen wir zur 4. Rolle: Herr Claus als Vordenker in Bildung und Ausbildung

Schon in den frühen 70ern ist Herr Claus ein führender Kopf in der Diskussion um das Selbstverständnis der Informatik, fragt sich und andere, was diese junge Informatik im Innersten zusammenhält und wissenschaftstheoretisch auszeichnet. Dabei zeigen sich zunächst grundlegende Gedanken um gesellschafts- und bildungs­politische Ziele: Es geht ihm um Recht auf Bildung und auch manchen fast missionarischen Ansatz, dass die Informatik die Welt verbessern könne. Aber später ist auch Ernüchterung bei Herrn Claus spürbar, die Erkenntnis, dass zum Schluss offenbar nur die Frage zählt "Job oder nicht", Wissenschaft wie die Informatik als Spielball von Wirtschaft und Wertschöpfung.

Die Publikationsliste von Herrn Claus enthält seit den 70er Jahren eine Fülle auch heute noch lesenswerter Veröffentlichungen zum Selbstverständnis der Informatik, ihrer Methodik und ihrer bildungspolitischen Ziele in Schule, Studium und Beruf. Ungehalten reagierte er mitunter, wenn Ewig-Gestrige oder Besitzstandwahrer in der disziplinären Nachbarschaft der Informatik deren Anliegen und Selbstwert infrage stellen. Dann haben Sie, Herr Claus, auf wiederholte Fragen zur Bedeutung der Informatik zu Recht energisch und genervt geäußert: "Ich kann und will weitere Rechtfertigungen nicht mehr rechtfertigen."

Herr Claus war lange führend aktiv in der GI, unserer Gesellschaft für Informatik, vor allem in Fragen der Ausbildung. Er hat wichtige Empfehlungen geschrieben und auch mehrere Tagungen aus diesem Bereich organisiert und geleitet.

Herr Claus war Vordenker und Praktiker bei der Lehreraus- und -weiterbildung in Informatik, er brachte wie kein anderer Informatik in die Schulen. Und als Konsequenz kamen natürlich Forderungen an die universitäre Informatik-Ausbildung und an Ministerien und Parlamente.

Der verehrte Kollege Gunzenhäuser aus Stuttgart, heute auch unter uns, hat viele Aktivitäten von Herrn Claus begleitet, mitunter auch den Staffelstab von ihm übernommen. Er lobt Herrn Claus als Vordenker in Bildungs- und Ausbildungsfragen und fasst an anderer Stelle zusammen:

Etliche origi­nelle Empfehlungen wurden verabschiedet, manche kühnen Pläne blieben un­vollendet. Als Nachfolger von Herrn Claus im GI-Ausschuss hatte ich es einerseits leicht - die "Akten" waren in bester Ordnung - aber andererseits auch schwer: Ich musste hohe Erwartungen etwas dämpfen, so z.B. von der Informatik als "Latein der Neuzeit" in allen Schulformen.

Herr Claus war auch international engagiert, z.B. im IFIP-TC "Computer and Educa­tion". Er galt hier als Aushängeschild Deutschlands, weil er bei Vorträgen und Diskussionen wesentliche Probleme knapp und klar strukturiert vortragen konnte. Manchmal riss ihn seine Begeisterung mit - insbesondere in "Ausblicken" vertrat er dann auch Thesen, die wir so eigentlich nicht abgestimmt hatten. Soweit Herr Kollege Gunzenhäuser.

Einen hervorragenden Ruf genießt Herr Claus auch bei der Evaluation von Studiengängen als kritischer, aber konstruktiver Peer. Wie bei Herrn Claus üblich, wird er sehr schnell grundsätzlich. Er ist nicht einfach beim Evaluieren und Akkreditieren dabei, sondern abstrahiert vom konkreten Verfahren und liefert gleich wieder Vorschläge, wie man so was prinzipiell bzgl. Strukturen, Prozessen und Metriken macht. Damit übt Herr Claus auch gleich wieder politischen Einfluss auf Akkreditierungsagenturen aus.

Damit sind wir schon nahe an seiner 5. Rolle: Herr Claus als idealer Wissenschaftsmanager

Fast überall, wo Herr Claus auftaucht, packt er an, wird meist Anführer und Mannschaftskapitän. Ein langes Zieren bei der Kandidatensuche kennt er nicht, berühmt seine Redewendung "Wer machts?, keiner?, na gut, dann halt ich." Gleich wohin er berufen wird, er ist der geborene Dekan.

So wurde er Gründungs-Dekan in Dortmund trotz seines damals für ein solches Amt fast noch jugendlichen Alters, was mitunter dazu führte, dass er als Dekan von auswärtigen Besuchern gefragt wurde, wo denn der Dekan eigentlich sei. Er war in Dortmund gleichzeitig Vorsitzender der Studienkommission, schaffte Studien- und Prüfungsordnung, damals natürlich noch mit Schreibmaschine und Tippex erstellt, in drei Monaten ins Ministerium, wo sie dann 1,5 Jahre bis zur Genehmigung lagen, obwohl die Ordnungen so gut waren, dass sie über Jahrzehnte weitgehend unverändert blieben.

Alle wesentlichen Struktur- und Entwicklungspläne der Dortmunder Informatik trugen die Handschrift von Herrn Claus. Die ersten Strukturpläne stammen von ihm und an den Plänen eines Informatik-Neubaus mit 12.000 qm hat er mitgewirkt, nach 30 Jahren werden sie übrigens jetzt etwas bescheidener umgesetzt.

Sein Talent als Wissenschaftsmanager brachte ihm immer wieder neue Aufgaben und Funktionen und fast sogar das Präsidentenamt der Uni Dortmund. Von verlässlichen Teilnehmern der Schlussabstimmung war seinerzeit zu hören, dass nur eine schlimme Grippe mit fast vollständigem Ausfall der Stimmbänder bei der Kandidatenvorstellung im Konzil Herrn Claus die letzten entscheidenden Wählerstimmen gekostet hätten.

Aber diese Weichenstellung gab der Mitte der 80er Jahre neu aufzubauenden Informatik in Oldenburg eine Chance, sich um den "ehemaligen Oldenburger" Claus zu bemühen, was bei einem sicher langjährig amtierenden Präsidenten von vorneherein aussichtslos gewesen wäre.

Der Abschied von Dortmund fiel Herrn Claus, aber vor allem seiner Umgebung nicht leicht, und er hatte eine starke emotionale Begleitmusik. U.a. konnte 1985 endlich der seit zwölf Jahren überfällige Forschungsbericht Nr. 1 der Informatik erscheinen. Nr. 2 mit "Gedanken zur Ausbildung in Informatik", natürlich von Herrn Claus, war Anfang '74 publiziert worden. Die Nr. 1 mit einer Bestandsaufnahme der Dortmunder Informatik sollte eigentlich schon da sein, erschien aber nie, und so wurde die frei gebliebene Nr. 1 Herrn Claus, der Dortmunder Nr. 1, gewidmet unter dem Titel "Eulen für PVC". PVC war kurz zuvor aus einer studentischen Projektgruppe kreiert worden als Akronym für Professor Volker Claus. Und die Eulen waren ihm schon lange ans Herz gewachsen und finden sich in unzähligen Variationen in Riesensetzkästen an häuslichen Wänden.

In 1985: Ihr Wechsel, lieber Herr Claus, nach Oldenburg, nicht Ihrer Geburtsstadt, aber der Stadt, die Ihnen als Jugendlicher Heimat geworden war. Oldenburgs Oberbürgermeister Dietmar Schütz schrieb mir, als er von der heutigen Ehrung hörte:

Bitte übermitteln Sie Herrn Prof. Claus zu seiner Ehrenpromotion die herzlichen Glückwünsche der Stadt Oldenburg. Wer wüsste besser als wir um seine Verdienste? Er hat als Initiator des Informatik-Instituts OFFIS eine Saat ausgebracht, deren Früchte Wissenschaft und Wirtschaft in Stadt und Region heute ernten. Es freut uns sehr, dass sein Wirken so hohe Anerkennung findet, wozu ich auch persönlich ganz herzlich gratuliere. Soweit der OB.

Auch in Oldenburg war Herr Claus natürlich schnell Motor und Gestalter des Fachbereichs und des OFFIS. Natürlich konsequent wieder Gründungsdekan, im OFFIS Vorstands­vorsitzender, ich damals sein Stellvertreter und nun seit 12 Jahren sein Nachfolger.

Die Dankbarkeit der Oldenburger Informatik haben wir durch Ehrungen schon früher zum Ausdruck gebracht, aber zum heutigen Tag habe ich Ihnen natürlich die besten Glückwünsche aller Kollegen, der OLDIES, unseres ALUMNI-Vereins, und von ganz OFFIS mitgebracht, aber auch ein paar Geschenke, die ich aus Zeitgründen später überreichen werde.

In 1992 der Wechsel nach Stuttgart, leider, wie ich als Oldenburger sagen muss. Aber im Ländle freute man sich, Sie brachten in die etablierte Stuttgarter Informatik neuen Schwung, natürlich auch wieder als Dekan mit insgesamt fünf Amtsjahren, neuen Ausbauplänen, gelungenen Evaluierungen der Studiengänge, der Neugliederung des Instituts für Informatik in einer neuen Fakultät, der Leitung des Software-Labors usw.

Meine dortigen Informanten schreiben u.a.: Unter seiner umfangreichen "Agenda", die er jeweils zum Beginn eines Studienjahres verkün­dete, stöhnten einige Kollegen - nicht alle besaßen den "missionarischen" Eifer, den persönlichen Fleiß und die stets klar strukturierte Weitsicht von Herrn Claus. Manche konnten sich seinen "Reisen in die Zukunft" nur zöger­lich anschließen. Das war für ihn manchmal etwas enttäuschend. Er erzielte aber bleibende Erfolge, wozu auch der große Förderverein für Informatik infos e.V. mit Hunderten von Mitgliedern und viel Spendengeld von Firmen gehört.

Zu Ihren Verdiensten, lieber Herr Claus, als Wissenschaftsmanager oder Informatik-Funktionär, hier im besten Sinne gemeint als jemand, der Funktionieren sichert, zählen auch Ihr Engagement in GAMM, GI und DFG, in Wissenschaftlichen Beiräten und Kuratorien in Baden-Württemberg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland.

Zu loben ist auch Ihr langjähriger Einsatz im Fakultätentag Informatik, als früher Spezialist für KapVo und CNW, unverständliche Metriken einer oft unbeweglichen Ministerialbürokratie. Hier muss man nur die Zahl 3,6 als Jahrzehnte von den Ländern betonierter und von Ihnen zurecht als zu niedrig bekämpfter Curricularnormwert rufen, um Sie zu quälen. Seit Jahren sind Sie im Vorstand und seit kurzem sogar Vorsitzender unseres Fakultätentages und bringen mit Visionen und Integrationskraft die universitäre Informatik in Bildungs- und Ausbildungsfragen voran.

Unter den Auszeichnungen von Wissenschaftsorganisationen will ich nur die herausragende nennen, als einer der ersten Fellow der Gesellschaft für Informatik geworden zu sein.

Das Stichwort GI führt uns auch zur 6. Rolle: Herr Claus als glänzender Organisator

Ein frühes Beispiel für das sprichwörtliche Organisationstalent von Herrn Claus ist die 5. GI-Jahrestagung 1975 in Dortmund, die er verantwortlich leitete. Für viele langjährige Beobachter eine der interessantesten und besten Jahrestagungen. Typisch für Herrn Claus: Er ist nicht einfach nach der Tagung froh, dass alles vorbei ist, sondern verfasst gleich ein "Handbuch", wie man künftige Tagungen einfacher planen und durchführen kann.

Im Rahmen dieser Jahrestagung fand auch ein viel beachtetes Computerschachturnier statt, das erste in Deutschland. Denker und Lenker dieses Events war Dr. Reinhard Zumkeller, einer der Assistenten der ersten Stunde von Herrn Claus, dem ich wie auch Herrn Dr. Rudolf Peter, dem langjährigen Leiter des Dortmunder Informatik-Rechnerbetriebs, für Input zum Vortrag danke.

Ein absolutes Highlight unter den zahlreichen Aktivitäten unseres baldigen Ehrendoktors ist der Bundeswettbewerb Informatik, zunächst 1979 als Jugendwettbewerb in Computerprogrammierung gestartet. Seit 1985 als staatlich geförderter Bundeswettbewerb in ganz Deutschland bekannt, war er eines der Lieblingskinder von Herrn Claus.

Er war bis 1992 Vorsitzender des Auswahlausschusses, blieb weitere Jahre dabei und hat viele Abschlussveranstaltungen zur Auswahl der Bundessieger zu unvergesslichen Erlebnissen für die jungen Teilnehmer und auch die Gutachter gemacht.

Herr Claus war Erfinder der Aufgaben, leitete die Organisation, die Werbung, die Korrek­tur der eingegangenen Lösung, organisierte Industrieunter­stützung und Preisvergabe, hielt faszinierende Kurzvorträge für die Wettbewerbsteilnehmer und die Öf­fentlichkeit. Schon alleine für diesen Einsatz hätte er einen Orden verdient.

Und bei seinem Naturell auch einen Orden wider den tierischen Ernst.

Womit wir einen guten Übergang haben zur 7. Rolle: Herr Claus als Kritiker an Obrigkeit und Bürokratismus

Herr Claus war nie ein Revoluzzer, nein bestimmt nicht. Aber hinter seiner gut bürgerlichen Fassade eines Beamten regt sich ein unruhiger Geist, der nicht nur schweigt und schluckt, wenn ihn Politik verdrießt oder gar ärgert.

Das "Sich-nicht-immer-anpassen-wollen" zeigte nach ersten Ansätzen in der Schulzeit Studentensprecher Volker Claus mit Flugblättern, in den mittleren 60ern noch was Aufsehenerregendes. Es setzte sich fort in seiner Assistentenzeit, wo er zum Sprecher der Mitarbeiter der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät wurde.

Er engagierte sich bei der Diskussion eines neuen saarländischen Hochschulgesetzes. Er wollte mehr Demokratie wagen, aber es nicht beim Anspruch belassen, sondern ihn mit Struktur und vor allem Inhalt versehen. Mit dem oder gegen den damaligen Saarbrücker Rektor und späteren Bundesminister Maihofer, vor allem natürlich den Mitgliedern des Senats, wurde über Wochenenden an Gesetzestexten gefeilt.

Aber zum Schluss, so das nüchterne Fazit von Herrn Claus, war der Mittelbau übergangen worden und vor allem die Ministerialbürokratie gestärkt. Die ministeriellen Bürokraten - wie die der jeweils eigenen Uni - hat Herr Claus häufiger auf dem Kieker und lässt sie auch spüren, was er von ihnen hält, wenn er sich nur richtig ärgert. Die Beispiele beginnen beim Streit mit der Uni-Verwaltung um die Beschaffung eines Kühlschranks oder um zeitnah erledigte kleinste Umbauten und endet längst nicht bei Briefen an Minister und Politiker, in denen er manche Willkür mit einem Schuss bissigen Humor kommentiert.

Herr Claus ist bei aller Bereitschaft zur Mitarbeit in Gremien auch sehr distanziert gegenüber dem dort oft inszenierten Gremienzirkus. Gerne zitierte er damals den Satz "Ein Kamel ist ein Pferd, das von einem Komitee erfunden wurde". Erlass- und Regelungswut sind ihm ein Greuel, langatmige Diskussionen und Entscheidungen im Hochschulalltag und im Ministerium ärgern ihn oft so, dass er rasch zu Feder oder Tastatur greift. Manchmal beugt das nicht nur seiner Magenverstimmung vor, sondern bewirkt sogar kleine Fortschritte.

Dann freut sich auch Herr Claus und findet mitunter Zeit zur

Vorbereitung der 8. und letzten von mir ausgewählten Rolle: Herr Claus als glänzender Redner

Nicht immer sind talentierte Autoren auch gute Redner, aber Herr Claus ist es in besonderer Weise. So gern sich sein Publikum von ihm fesseln lässt, und Sie werden es gleich wieder erleben, so belastend ist es, vor oder nach ihm reden zu müssen. Nach ihm wird heute keiner mehr sprechen, aber nun wissen Sie, wie mir zumute war und ist. Es soll ja auch Veranstaltungen gegeben haben, bei denen sich Redner kurzfristig wieder abmeldeten, nachdem sie erfuhren, dass Herr Claus auch auftritt.

Zu Ihrer Rolle als Redner, lieber Herr Claus, gehören neben vielen faszinierenden Vorträgen als eingeladener Redner bei Tagungen, Jubiläen und öffentlichen Großereignissen natürlich auch Ihre unnachahmlichen Nikolausvorlesungen. Ich hatte mit anderen Hörern die Gnade Ihres ersten Nikolausauftritts, nämlich am Nikolaustag 1974. Nach der kurzen Vorlesungspause zur Halbzeit betrat ein verkleideter Nikolaus den Hörsaal. Wir - völlig unvorbereitet - schauten irritiert, keiner ahnte, wer unter dem Kostüm stecken könnte. Aber schon bald war uns trotz Verkleidung und Stimmenverstellung klar: das war unser Claus als Nikolaus, der mit Geist und Humor über "himmlische Maschinen" vortrug.

Diese spontane Begeisterung über die 1. Nikolausvorlesung kann ich immer noch gut erinnern, in den Folgejahren hat mich mitunter gestört, welche Massenveranstaltung daraus wurden, wenn der Nikolaus in Dortmund oder später in Oldenburg vortrug. Aber man muss auch Verständnis haben, dass diese Kultveranstaltungen - in den letzten Jahren mitunter sogar an drei Standorten geboten - einen gewaltigen Zulauf haben und sogar im Lokalfernsehen übertragen wurden.

Falls einige Zuhörer die Nikolausvorlesungen nicht kennen: Eine dichte Folge von Gags und Anspielungen lässt kaum Zeit zum Atemholen und man vergisst leicht, dass Herr Claus bei aller Comedy durchaus ernsthafte Informatik-Probleme anspricht. Konzepte und Methoden der Informatik werden abgewandelt, ironisiert und bis hin zum Absurden auf weihnachtliche und/oder himmlische Themen an­gewandt. Reizvoll sind die dazu stets handgeschriebenen Folien und Zeichnungen, Herr Claus ist eben auch noch ein Karikatur-Talent.

Das waren sie, die acht von sicher noch mehr Rollen, die Herr Claus in seiner faszinierenden Persönlichkeit vereint.

Was nun das Ganze seiner Persönlichkeit ausmacht und im Innersten trägt, vermag ich nicht zu ergründen, Versuche dazu würden mich dann auch endgültig auf gefährliches Glatteis führen. Und Herr Claus macht es einem auch nicht leicht, noch näher an ihn ranzukommen.

Sie, Herr Claus, sind ein geselliger Mensch, der gerne lacht und vor allem andere zum Lachen bringt. Sie sind aber kein "Kumpeltyp". Bis auf Ihre ersten, praktisch gleichaltrigen Mitarbeiter und ganz frühe Kollegen haben Sie wohl im beruflichen Umfeld keinen mehr geduzt.

Im Kollegenkreis sind Ihnen Hemdsärmeligkeiten und nur taktisch begründete Vereinnahmungen eher zuwider. Sie vertrauen auf die Überzeugung Ihrer Argumente und die Kraft Ihrer Worte. Kungeln und Netzwerke zum Machterhalt sind Ihnen fremd. Sie bleiben also gerne etwas auf Distanz. Sie lassen aber niemanden alleine. Und dort, wo Sie qua Amt Verantwortung haben, übernehmen Sie diese nicht nur formal, sondern mit einer freundlichen, sehr menschlichen und warmen Art.

Dies haben alle beobachten können, die in Ihrer Nähe waren. Studierende sagen, dass Herr Claus bei aller fachlichen Autorität keine professorale Fassade aufbaut. Sie erleben ihn als Menschen, der mit seiner eigenen Begeisterung für die Informatik andere anstecken will.

Für seine Mitarbeiter spürt Herr Claus eine besondere Verantwortung. Und einige unter uns, lieber Herr Claus, wissen auch, dass Sie schwierige Persönlichkeiten in Ihrem Umfeld hatten, die sich auf Ihr Verständnis und Ihre Hilfe verlassen konnten.

Und mit welchen kleinen Gesten und besonderen Geschenken Herr Claus Freude bereitet, zeigt Ihnen, verehrtes Auditorium, ein ganz persönliches Beispiel: Noch heute nach über 20 Jahren hängt eine tolle, von Herrn Claus handgeschriebene, lateinisch abgefasste Urkunde bei uns zuhause, die er meiner späteren Frau geschenkt hat, als sie während ihrer Referendariatszeit für einige Monate seine damalige Sekretärin vertreten hat. Viele Stunden eigener Arbeit "nur" für eine Vertretungssekretärin, wo andere höchstens einen eiligen Blumenstrauß besorgen. Ja, auch das ist Herr Claus, auch hier ein menschliches Vorbild.

Es ist deshalb auch wenig erstaunlich, dass man Sie, lieber Herr Claus, nicht nur fachlich schätzt, sondern ganz einfach mag. Auch im Kollegenkreis, und das will ja schon was heißen.

Ihr akademischer Lehrer Hotz sagt neben dem fachlichen Lob zu Ihren besonderen Stärken: Herr Claus ist bereit Verantwortung zu übernehmen und sie auch durchzustehen, ist schnell und besitzt ein außerordentliches Stehvermögen und - dies finde ich besonders nachdenkenswert - Herr Claus ist sehr fair.

Ihr möglicherweise "häufigster Nachfolger", lieber Herr Claus, ist Herr Wegener. Er beerbte Sie auf dem Lehrstuhl in Dortmund, bei der Leitung des Bundeswettbewerbs Informatik und nun als Hauptherausgeber der Teubner-Informatik. Neben der Anerkennung Ihrer wissenschaftlichen Leistung sagt er zum Menschen Claus: Meine Gespräche mit Herrn Claus waren mit der ihm eigenen Hektik, die Sie ja sicher auch gut kennen. Ich war immer begeistert, wie er Neues anpackt und Ideen fast aus dem Nichts zur Realität macht. Seine Begeisterung ist ansteckend und man muss sich schon hüten, um nicht in all seine Projekte eingespannt zu sein.

Ich kann nicht alle aufzählen, die sich so positiv zu Ihnen geäußert haben. Als drei letzte Beispiele dienen

  • Herr Kollege Brauer: Herr Claus ist ein besonders aktiver Forscher und ein hervorragender akademischer Lehrer. Vor allem die GI hat ihm sehr viel zu verdanken. Ich schätze ihn sehr als Kollegen und Menschen.
  • Herr Kollege Ehrich: Überall, wo Herr Claus sich engagiert, überzeugt er durch Kompetenz und ist gleich im besten Sinne tonangebend. Ich freue mich immer, wenn ich ihn wieder sehe.
  • Herr Kollege Vollmar: Ich schätze Herrn Claus als Menschen und Kollegen außerordentlich, natürlich auch als begnadeten Redner, Pädagogen und Ideengeber.

Ich komme zum Schluss.

Lieber, verehrter Herr Claus. Das waren meine acht Sichten und einige Kollegenkommentare zu Ihrem Lebenswerk, mit dem Sie der Scientific Community und sehr vielen jungen Menschen so viel gegeben haben.

Die Ehrendoktorwürde zeichnet Sie verdientermaßen aus. Aber auch die Koblenzer Informatik darf sich glücklich schätzen, sich mit Ihnen als 1. Ehrendoktor dauerhaft schmücken zu dürfen.

Ich verneige mich mit Anerkennung und Dankbarkeit

  • für Ihre großen Leistungen in Forschung und Lehre,
  • für Ihren unermüdlichen Einsatz in vielen wichtigen Funktionen der deutschen Informatik und
  • für Ihr menschliches Vorbild.

Ich darf diese Anerkennung und Dankbarkeit ausdrücklich äußern auch im Namen vieler

  • Ihrer früheren Studierenden,
  • Ihrer ehemaligen Mitarbeiter und
  • Ihrer Kollegen aus ganz Deutschland.

Alle freuen sich mit Ihnen, lieber Herr Claus, und sagen: Herzlichen Glückwunsch zur Ehrenpromotion und alles Gute. Ad multos annos.

Ehrung von Prof. Dr. Volker Claus

Nach der Ehrung: Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Claus flankiert links von Prof. Dr. Jürgen Ebert, Dekan des Fach­bereichs Informatik der Universität Koblenz-Landau und rechts von Prof. Dr. Hans-Jürgen Appelrath, Universität Oldenburg