Workshop: Bildung und Identität im Werk Michael Endes

„Diese Piraten waren tollkühn, bärenstark und verwegen. Aber nun sah Jim zum ersten Mal mit eigenen Augen, dass es nicht genügte, derartige Eigenschaften zu besitzen, wenn es dabei an Klugheit fehlte.“[1]

 

Bildung im Sinne eines lebenslangen Selbstbildungsprozesses wird von Peter Bieri, Professor für zeitgenössische Philosophie, als Zusammenspiel von Weltorientierung, Aufklärung, historischem Bewusstsein, Artikuliertheit, Selbsterkenntnis, Selbstbestimmung, moralischer Sensibilität und poetischer Erfahrung beschrieben.[2]

Die Dimensionen ganzheitlicher Bildung, die Bieri hervorhebt, entsprechen der postmodernen Haltung kritischer Reflexivität in Bezug auf die Pluralität der möglichen Lebensformen. Bildung ist nach diesem Verständnis fundamental mit dem reflexiven Lesen von Literatur verknüpft, da die verwendeten Metaphern und die vorgeführten Sichtweisen der Figuren zur besseren Artikulationsfähigkeit eigener Empfindungen des Lesers sowie zur Erkenntnis führen können, dass zu bestimmten Geschehnissen und Sachverhalten auch anders gedacht und empfunden werden kann. Dies ermöglicht es dem Rezipienten, differenzierter zu empfinden und sein Selbstverständnis, seine Vergangenheit und Zukunftsentwürfe zu hinterfragen, permanent zu erweitern und zu vertiefen.

Postmoderne Identitätstheorien schließen an diesen Bildungsaspekt an, so definiert Andreas Reckwitz beispielsweise Identität „als die spezifische Form des Selbstverstehens, der Selbstinterpretation“[3] und betont Heiner Keupp das Wechselverhältnis zwischen dem Individuum und seiner Umwelt: „Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt.“[4] Damit verweist er auch darauf, dass relativ stabile Identitäten offen bleiben müssen für die Integration neuer Eindrücke. Die damit einhergehende Offenheit und Unabgeschlossenheit der Identitätskonstruktion kommt in Metaphern wie „Identitätsbausteine“ oder „Patchworkidentität“ zum Ausdruck.[5]

Florian Huber widmet sich in diesem Kontext dem Zusammenhang von narrativer Identität und Literatur für den Leser, wobei er auf die Bedeutung von metaphorischer Bezugnahme und Leerstellen in literarischen Texten eingeht, welche die Leser mittels Neuorganisation von bisher Bekanntem und dem Aufzeigen neuer narrativer Formen in geschütztem Raum zur imaginativen Verhandlung ihrer Identität anregen.[6]

 Im Rahmen der Tagung soll das Verhältnis von Bildung, Literatur und Identität für literarische Figuren wie Leser sowie der Zusammenhang mit literarischer Darstellung von Schule als Bildungsinstanz insbesondere an den Texten von Michael Ende betrachtet und diskutiert werden, da Texte wie Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer oder Die Zauberschule geradewegs dazu einladen. Auch der Selbstbildungs- und Identitätskonstruktionsprozess von Bastian in Die unendliche Geschichte ist in diesem Hinblick interessant, zumal er sogar auf dem Dachboden seiner Schule beginnt.

Workshop: Bildung und Identität_Bild


[1] Michael Ende: Jim Knopf und die Wilde 13. Stuttgart und Wien: Thienemann JAHR?, S. 210.

[2]  Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede von Prof. Dr. Bieri. Bern 2005. Zuletzt online abgerufen am 06. 02. 18. URL: https://www.hwrberlin.de/fileadmin/downloads_internet/publikationen/Birie_Gebildet_sein.pdf.

[3] Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist: Velbrück 2006, S. 45.

[4] Heiner Keupp: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt 2002, S. 28.

[5] Ebd., S. 7.

[6] Vgl. Florian Huber: Durch Lesen sich selbst verstehen. Zum Verhältnis von Literatur und Identitätsbildung. Bielefeld: transcript JAHR?, S. 49ff.

Wann 10.07.2018
von 13:00 bis 18:00
Wo ISSO-Institut Koblenz, Kornpfortstraße 15, 56068 Koblenz
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