Kooperation statt Konfrontation in Politik-Talkshows - Medienlinguist der Universität in Koblenz bewertet Tendenzen des Fernsehformats
Politainment - Polit-Talkshows sollen tendenziell informieren, aber auch gleichzeitig unterhalten. Diskussionen weisen vielfach deutlich konfrontative Züge auf und die Inszenierung politisch kontroverser Standpunkte scheint an der Tagesordnung. Obwohl sich Polit-Talkshows aufgrund der Einschaltquoten offenbar großer Beliebtheit erfreuen, ist spätestens seit der Bekanntgabe, dass Günter Jauch eine eigene Polit-Talkshow in der ARD moderieren wird, eine öffentliche Diskussion dieses Fernsehformates entbrannt. Diese gipfelt in der Frage: Gelten heutige Exemplare des Formates als überholt, wenig innovativ und sind Modifizierungen dieses Formates überhaupt realisierbar?
In der Tat mehren sich die Stimmen, die für einen Strukturwandel von Polit-Talkshows plädieren. Der Medienlinguist Sascha Michel der Universität in Koblenz und Herausgeber des Buches „Polit-Talkshows – Bühnen der Macht. Ein Blick hinter die Kulissen“, stellt fest, dass viele namhafte Politiker, Journalisten, Experten und Kabarettisten, die jahrelange praktische Erfahrung mit diesem Format sammeln konnten, erhebliche Kritik an der gegenwärtigen Ausrichtung äußern. „Die Kritik betrifft vor allem die Faktoren Gästeanzahl und -auswahl, die Rolle der Moderatoren und die Reduktion der Informationskomplexität“, so Michel.
Eine Diskussion mit vier bis sechs Gästen wird als kontraproduktiv angesehen. Medienprofis betrachten politische Einzelinterviews als gewinnbringender – auch für die allgemeine Gesprächskultur. Das ausführliche und zeitintensive Interview stelle das eigentlich gewinnbringende Format dar. Hinsichtlich der Gästeauswahl wird oft eingewendet, dass einerseits kaum Variationen bei der Besetzung der Gästeliste besteht, die Diskussionen nach Mitautor Dirk Niebel also zu „Selbstgesprächen im Regierungslager“ mutieren, und andererseits die zunehmende Berücksichtigung von „Betroffenen“ lediglich der Emotionalisierung dient. Hugo Müller-Vogg sieht in der Integration von Betroffenen ‚die „Verkörperung allen Elends“, die in dieser überzogenen Form unglaubwürdig scheint. Als inszeniert und stilisiert wird auch die Rolle der Moderatoren betrachtet, wenn ZDF-Journalist und Moderator Wolfgang Herles feststellt: „Die Rolle des Talkmoderators ist einerseits eine absurd überschätzte und überbezahlte Tätigkeit, andererseits steht und fällt mit ihnen der Quotenerfolg“.
Die Reduktion der Informationskomplexität wird dann zu einem Problem, wenn politische Sachverhalte und Inhalte unzulässig verkürzt, politische Prozesse banalisiert und politisches Handeln undurchsichtig wird. Wie Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, anmerkt, „werden belanglose Fensterreden gehalten, die sich sogar nicht selten nach Stimmungslage des Publikums richten und darauf abzielen, möglichst viel Applaus zu erheischen. Um derart vordergründige Zustimmung geht es allerdings in der Politik nicht“.
Was zeichnet sich für Polit-Talkshows demnach ab? Mit Blick auf die von Medienpsychologe Joe Groebel geforderten Elemente „neue junge Politikgäste, Mut zu neuen Themen auch außerhalb der Tagesaktualität, sinnvoller Einbezug des Web, Mut zur Langsamkeit bis hin zum Einstunden-Dialog“ gelangt Michel zu dem Schluss, dass „nur eine Reduzierung des konfrontativen und Steigerung des kooperativen Gesprächsverhaltens zu einer authentischen, sachbezogenen und informationsorientierten Diskussion führen kann“.
Ansprechpartner:
Sascha Michel
Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
Institut für Kulturwissenschaft
Seminar Medienwissenschaft
Universitätsstr. 1
56070 Koblenz
Tel.: 0261 / 287-2197
E-mail: michel@uni-koblenz.de
Date of news Jun 15, 2010 10:10 AM
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