Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Wässerwiesen

Wässerwiesen

Das Flüsschen Queich entspringt auf knapp 400m Höhe bei Hauenstein im Pfälzerwald. Es verliert auf seinem 51km langen Lauf in östlicher Richtung nach Austritt aus dem Mittelgebirge und mit der Durchquerung der Pfälzischen Rheinebene, die einen Teil der Oberrheinischen Tiefebene darstellt, stark an Gefälle und somit an Fließgeschwindigkeit. Hinter der Stadt Landau macht sich dies in Form eines breiten, aus den mitgelieferten Sedimenten des Buntsandsteins des Pfälzerwaldes bestehenden Schwemmfächers bis zur Mündung in Germersheim bemerkbar.
Ein Großteil des mageren Sandbodens ist von Wald bedeckt, jedoch werden etwa 600 Hektar extensiv als Grünland bewirtschaftet, überwiegend zur Heugewinnung. Von ökologischer, ökonomischer und kulturhistorischer Bedeutung ist das komplexe, manuell gesteuerte Schleusen- und Grabensystem, über das im Frühling und Sommer Wasser großflächig auf die Wiesen geleitet wird. Dabei wird Wasser aus der Queich durch Aufstauen abgezweigt und über Gräben und Wiesenschließen systematisch auf die Flächen geleitet, so dass der Wasserpegel in der umgebenden Wiesenaue langsam steigt und eine flache Bewässerung zustande kommt. Dieses System stammt aus dem Mittelalter und dient zur Verbesserung der Wasserversorgung während der Vegetationsperiode, der Anreicherung von Nährstoffen und der Erwärmung des Bodens, besonders in den kalten Nächten des Frühjahrs. Weitere positive Effekte sind die Entsäuerung und Durchlüftung des Bodens und die Anhebung des Grundwasserspiegels. Der Bewässerungszeitraum einer Wiese beträgt dabei 1-3 Tage je Bewässerungsphase.



Abb. 1: Queich-Wehr bei Offenbach/Queich (Foto: M. Alt)

 

 
Abb. 2: Wiesen-Bewässerer Gerhard Dörr an einer Wiesenschließe, Offenbach/Queich (Foto: M. Alt)


Diese Bewirtschaftungsform war früher an vielen pfälzischen Bächen weit verbreitet und führte zu erheblichen Mehrerträgen und zu einer besseren Futterqualität, wurde allerdings in den 1960/70er Jahren mit der zunehmenden Rationalisierung und Technisierung der Landwirtschaft und Einführung von Düngemittel nur an wenigen Standorten weitergeführt. Die Bewässerung findet zu zwei Zeiträumen statt, zwischen April und Mai sowie zwischen Juli und August.


Durch den festgelegten Bewässerungsplan entsteht ein Mosaik an Flächen mit unterschiedlichem Bewässerungseinfluss. Ein Teil der Flächen wurde durchgehend seit über 500 Jahren bis heute bewässert, während bei anderen Flächen die Bewässerung vor etwa 50 Jahren eingestellt wurde. Es existieren gedüngte, dreischürige Silagewiesen sowie ungedüngte, einschürige Mähwiesen. Auf einigen Flächen entstand reliefbedingt eine hohe kleinräumige Heterogenität im Feuchtegrad: Tiefer liegende Stellen sind länger mit Wasser bedeckt als höher stehende Flächen. Der Sandboden trocknet zudem im Sommer stark aus, vor allem in den exponiert liegenden Bereichen. So entsteht eine große Variation an trockenen bis nassen Wiesen, die unterschiedlichen Pflanzen und Tiergemeinschaften Lebensraum bietet.

 


Abb. 3: Idyllische Wiesen im Queichtal (Foto: M. Alt)


Die Wässerwiesen sind für den Forschungsschwerpunkt AUf LAND ein optimaler Untersuchungsstandort, da dort eine starke Wasser-Land-Wechselwirkung vorliegt.


So ist ein spannender Ansatzpunkt das Wasser selbst: Die Queich durchquert die Weinbaugebiete der Südwest-Pfalz und ist beeinflusst von deren Pflanzenschutzmitteln, zudem wird sie im Bereich der Wässerwiesen von zwei Kläranlagen gespeist. Dieses Wasser wird breitflächig auf die Wiesen aufgebracht und versickert dort. Überschüssiges Wasser gelingt durch Ablaufgräben wieder in die Queich und ihre Nebenbäche zurück. Da einige Landwirte Dünger nutzen, kann dieser so auf den Flächen ausgebreitet oder sogar ausgewaschen werden. So stellt sich die Frage, welche Stoffe aus dem Fluss auf die Wiesen transportiert werden und wie sich diese dort verhalten. Lagern sie sich ab? Werden sie vom organischen Bodenmaterial gebunden? Welche Effekte entstehen an Land? Verfolgt man den Weg des Wassers weiter, stellt sich die Frage, was auf den Flächen transportiert und ausgewaschen wird, bevor das nicht versickerte Wasser wieder in die Queich zurückgelangt.


In den Böden hat die Bewässerung zudem einen Einfluss auf die Redoxbedingungen und somit auf die mikrobielle Aktivität. Diese ist wichtig für den Ab- bzw. Umbau von organischer Bodensubstanz und deren physikochemischen Eigenschaften. So stellt sich die Frage, ob durch Veränderungen der  organischen Bodensubstanz das Bindungsvermögen von organischen Schadstoffen im Boden und die Art und Menge von emittierenden Treibhausgasen beeinflusst werden.


Welchen Einfluss hat die Bewässerung auf die Biodiversität? Dieser Frage wird anhand von Feldstudien nachgegangen. Für Flora und Fauna stellt das künstliche System eine besondere Bedingung dar, da es ganze Flächen für mehrere Tage unter Wasser setzt, jedoch durch Unebenheiten im Gelände ein heterogenes Mosaik bildet. Was passiert derweil mit Laufkäfern, wie kommen Pflanzen mit dem gesättigten Boden zurecht, gibt es Auswirkungen auf gekoppelte Systeme, wie den Pflanze-Herbivor-Parasitoid-Interaktionen, bietet die Heterogenität Rückzugsmöglichkeiten bzw. fördert sie den Artenreichtum?


Aus ökonomischer Sicht sorgt das Bewässerungssystem für einen Mehrertrag, jedoch beeinflusst es Ökosystemdienstleistungen, wie z.B. Bestäubung und Prädation. Diese Dienstleistungen sind eng mit dem Wert und der Bewertung der Queichwiesen verknüpft und werden in der lokalen Bevölkerung empirisch erhoben.


Aus der großen Vielfalt können gezielt und auf die jeweilige Fragestellung abgestimmte Wiesenareale ausgewählt werden, da sie bereits jahrelang unterschiedlichen Überflutungsszenarien unterliegen. Die neun involvierten Arbeitsgruppen des Instituts für Umweltwissenschaften befassen sich in Pilotprojekten umfangreich mit den Queichwiesen über alle Skalen und Kernfragen hinweg. Doch nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Studierende sind durch eigene Projekte stark in die aktuelle Forschung involviert. In Zusammenarbeit mit den ansässigen Landwirten und dem Naturschutz soll durch diese Untersuchungen ein umfangreiches Bild der ökologischen Zusammenhänge in einem anthropogen geprägten Wasser-Land-System erreicht und der fast in Vergessenheit geratene Wert der Wässerwiesen nach außen getragen werden.
 

zuletzt verändert: 26.09.2013 15:59

Kontakt