"Terror als Kommunikationsstrategie": Friedens- und Konfliktforscher Sascha Werthes zu den Anschlägen in Paris

"Terroristen nutzen ihre Anschläge als eine Art Kommunikationsstrategie, um Angst und Schrecken zu verbreiten, den 'Feind' bzw. Gegner zu demotivieren und zu verunsichern", sagt der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Sascha Werthes von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Universität Koblenz-Landau. Im Interview spricht er über die Attentate von Paris.

"Den Gefahren von Terrorismus, auch eines internationalen Terrorismus, kann man nicht mit militärischen Mitteln begegnen", sagt der Friedens- und Konfliktforscher Sascha Werthes von der Universität Koblenz-Landau. Foto: Fotolia

"Den Gefahren von Terrorismus, auch eines internationalen Terrorismus, kann man nicht mit militärischen Mitteln begegnen", sagt der Friedens- und Konfliktforscher Sascha Werthes von der Universität Koblenz-Landau. Foto: Fotolia

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo, der vereitelte Angriff auf den Thalys von Brüssel nach Paris, jetzt die Anschläge in Paris: Ist Frankreich ein bevorzugtes Ziel für terroristische Anschläge?

Vor dem Hintergrund des derzeitigen Stands der Ermittlungen ist es schwer zu sagen, ob Frankreich ein bevorzugtes Ziel für terroristische Anschläge ist. Terrorismus und terroristische Anschläge sind im eigentlichen Sinne keine militärische Strategie, bei der es um die Ausschaltung eines militärischen Gegners oder die Eroberung eines Territoriums geht. Terroristen nutzen ihre Anschläge als eine Art Kommunikationsstrategie, um zum einen Angst und Schrecken zu verbreiten, den 'Feind' bzw. Gegner zu demotivieren und zu verunsichern. Zum anderen sollen terroristische Akte jedoch auch Stärke und Entschlusskraft verdeutlichen; Sie sollen hierdurch auch mögliche Sympathisanten und Unterstützung für die Sache mobilisieren.

Terroristische Akte sollen jedoch auch den Gegner zu überzogenen und unverhältnismäßigen Reaktionen provozieren, da dies gegebenenfalls die Mobilisierung und Rekrutierung von neuen Mitstreitern und deren Radikalisierung erleichtert. Soziale Schieflagen und Missstände, wie wir sie in einigen Banlieues in französischen Großstädte oder auch im Brüsseler Problemviertel Molenbeek finden, bieten eine ideale Situation, in der rhetorisch geschickte radikale Gruppen und Akteure agieren können, um für ihre Sache zu mobilisieren und zu rekrutieren.

Erreicht der Terror mit den Anschlägen in Paris eine neue Qualität?

Für eine neue Qualität der terroristischen Bedrohung spricht das durchaus ernstzunehmende Bekenntnis des IS zu der Anschlagserie. Auch, dass die terroristischen Anschläge koordiniert und abgesprochen zeitgleich an verschiedenen Orten begannen, lässt befürchten, dass die Anschläge exemplarisch für eine neue Terrorstrategie des IS oder ihr verbundene terroristische Netzwerke stehen könnten.

Wie hoch ist die Gefahr in Deutschland für einen Anschlag?

Wie hoch die konkrete Gefahr von terroristischen Anschlägen in Deutschland ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Teil einer terroristischen Strategie ist es ja gerade, die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen und die Menschen in ihrem Sicherheitsempfinden nachhaltig zu verunsichern. Damit eignen sich viele Orte in vielen Ländern als mögliche Anschlagsziele.

Was halten Sie von der neu aufgeflammten Debatte darüber, dass sich Terroristen unter die Flüchtlingsströme mischen und einreisen können?

Es ist wohl leider nicht völlig auszuschließen, dass potenzielle Terroristen auch als Flüchtlinge getarnt nach Europa kommen könnten. Genauso wenig können wir jedoch völlig ausschließen, dass Terroristen getarnt als Touristen oder Geschäftsreisende nach Europa einreisen. Gewiss ist das alles möglich, wir können deswegen jedoch nicht jeden Fremden als potenziellen Terroristen betrachten. Viele der Flüchtlinge suchen bei uns Schutz vor dem Terror des IS oder anderer Gruppierungen in ihrem Land. Wir müssen hier dem Terror trotzen und unsere Ängste bezwingen und eine offene Gesellschaft bleiben, die Hilf- und Schutzbedürftigen entsprechend unterstützt. Eine sorgfältige Feststellung und Überprüfung der Identität von Flüchtlingen und sonstigen Einreisenden kann zumindest das Risiko mindern, dass bekannte Terroristen oder des Terrorismus Verdächtigte leicht und ungehindert einfach einreisen können.

Was können wir hier in Deutschland gegen die Gefahren eines internationalen Terrorismus tun?

Den Gefahren von Terrorismus, auch eines internationalen Terrorismus, kann man nicht mit militärischen Mitteln begegnen. Letztlich weisen terroristische Organisationen beziehungsweise Netzwerke in ihren organisatorischen und operativen Strukturen mehr Ähnlichkeiten mit internationalen kriminellen Netzwerken als mit regulären Armeen oder irregulären Milizen auf. Von daher kommt in der konkreten Gefahrenabwehr vor allem der polizeilichen Ermittlungsarbeit eine entscheidende Bedeutung zu, gegebenenfalls unterstützt durch nachrichtendienstliche Einrichtungen. Der Polizei kommt sicherlich auch beim Schutz von Großereignissen und potenziellen Anschlagszielen eine wichtige Rolle zu. Die transnationale und internationale Zusammenarbeit von Polizeibehörden ist natürlich auch gerade im Umgang mit der Bedrohung durch transnational operierende terroristische Netzwerke von entscheidender Bedeutung.

Wie sieht eine nachhaltige Terrorismusbekämpfung aus?

Nachhaltig und präventiv wird eine Terrorismusbekämpfung nur dann sein, wenn es gelingt, die Ursachen von Terrorismus zu beseitigen. Das heißt eben auch, soziale, politische und ökonomische Missstände nachhaltig zu beseitigen. Ganz konkret heißt das, dass wir uns gerade um die Menschen kümmern müssen - in Europa und anderswo und eben auch in Deutschland - die sozial, politisch oder auch ökonomisch marginalisiert und ausgegrenzt oder auch chancen- und perspektivlos sind. Studien zeigen, dass Radikalisierung häufig eine Gegenreaktion auf Ausgrenzung, ungerechte oder als ungerecht empfundene Behandlung oder gesellschaftliche Zustände ist. Diese und weitere Ursachen einer möglichen Radikalisierung gilt es in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus ist jedoch auch eine Überprüfung nationaler und außen- und wirtschaftspolitischer Entscheidungen im Hinblick auf die sozialen, politischen und ökonomischen Folgen für die jeweiligen Gesellschaften und die dortigen Menschen und Gruppen notwendig.

Ein weiterer ganz konkreter Ansatzpunkt liegt dort, wo auch radikale Gruppen strategisch versuchen, Menschen zu mobilisieren und zu rekrutieren. Es gilt, den geschickt medial inszenierten oder rhetorisch verführerischen Angeboten von radikalen Gruppen und ihren Demagogen eine überzeugende aufklärerisch und emanzipatorisch wirkende Alternative entgegenzustellen. Gerade hier sind präventiv wirkende Angebote durch zivilgesellschaftliche Akteure unterentwickelt oder auch unterfinanziert. Es gilt, innovative Ansätze für die sozialen Räume zu entwickeln, wo insbesondere junge Menschen anfällig für Radikalisierung sind beziehungsweise sich radikalisieren lassen könnten.

Das Interview führte Giovanna Marasco-Albry

Mainz, 18.11.2015


Dr. Sascha Werthes von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

Dr. Sascha Werthes ist Geschäftsführer der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Die Friedensakademie Rheinland-Pfalz – Akademie für Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung wurde im September 2014 gegründet und als "besondere wissenschaftliche Einrichtung" an der Universität Koblenz-Landau verankert. Sie verfolgt das grundsätzliche Ziel, bewährte Strategien der Krisenprävention und der zivilen Konfliktbearbeitung zu stärken und weiterzuentwickeln. Dazu entwickelt sie Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote und betreibt anwendungs- und problemorientierte Forschung zu friedenswissenschaftlichen und friedenspädagogischen Themen. Weitere Informationen unter: http://www.friedensakademie-rlp.de

 

Kontakt:

Dr. phil. Sascha Werthes
FRIEDENSAKADEMIE RHEINLAND-PFALZ
c/o Universität Koblenz-Landau, Campus Landau
Kaufhausgasse 9
D-76829 Landau
06341-280-38552
06341-280-38559 (Sekr.)

E-Mail: werthes@uni-landau.de

 

Pressekontakt:
Giovanna Marasco-Albry
Universität Koblenz-Landau
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Rhabanusstraße 3
55118 Mainz
Tel.: 0 61 31 – 3 74 60 - 36
E-Mail: marasco-albry@uni-koblenz-landau.de
web: www.uni-koblenz-landau.de


Datum der Meldung 18.11.2015 08:00