Griechenland- und Flüchtlingskrise im Polit-Talk 2015

Koblenzer Medienlinguist analysiert 58 Sendungen

Krisen bestimmten die Medienlandschaft und politische Agenda im Jahr 2015. Foto: fotolia

Krisen bestimmten die Medienlandschaft und politische Agenda im Jahr 2015. Foto: fotolia

2015 kann politisch als ein Krisenjahr bezeichnet werden: Die Griechenlandkrise, die bis Mitte des Jahres die politische Agenda bestimmt hat, wurde durch die Flüchtlingskrise abgelöst. Die bekannten öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows - Anne Will, Maybrit Illner, Hart aber fair, Günther Jauch, Menschen bei Maischberger - haben bis November in insgesamt 58 Sendungen über beide Krisen diskutiert und somit weitgehend die politische-mediale Agenda beeinflusst.

Sascha Michel, Medienlinguist an der Universität Koblenz-Landau und Experte für Kommunikation in Polit-Talkshows, hat die Titel aller 58 Sendungen nach zugrunde liegenden Denk- und Wahrnehmungsstrukturen analysiert: „Die Sendungen positionieren sich mit ihren Titeln sehr deutlich innerhalb der Diskurse, indem sie Deutungsmuster vorgeben. Damit bestimmen sie zum Beispiel Verantwortliche oder Betroffene und knüpfen an bekannten Erzählmustern an“, so Michel. Für die Griechenlandkrise kann Michel einen David-gegen-Goliath-Tiefenframe aller Sendungen ausmachen, der zum Beispiel bei der Sendung Anne Will mit Tsipras versus Europa oder bei Maybrit Illner mit Athen versus Europa konkret gefüllt wird. Für die Flüchtlingskrise wiederum lässt sich ein Jeanne-d’Arc-Tiefenframe herausarbeiten, der vor allem auf das entschlossene, aber weitgehend äußere Widerstände hervorrufende Handeln der Kanzlerin abzielt.

„Die Titel der Sendungen legen, als rhetorische Frage getarnt, Tatsachen nahe. Häufig entstehen dabei emotional beladene Neubildungen wie Flüchtlingskanzlerin, Krisen-Wut oder Trotzwahl, die wertend Stellung beziehen. Polit-Talkshows kommt mit rund drei bis sechs Millionen Zuschauern eine gewisse Bedeutung bei der Vermittlung öffentlich-politischer Diskurse zu, so dass eine allzu deutliche und einseitige Diskurspositionierung stets kritisch reflektiert werden sollte“.

Michel wirft dabei abschließend die Frage auf, ob die zunehmende Politisierung von Selfies – etwa die eine Willkommensbotschaft aussendenden Merkel-Flüchtling-Selfies – als Indiz für einen einsetzenden Wandel von der „Talkshow-„ zur „Selfie-Republik“ gewertet werden kann.

Die Studie „Krisentalk 2015: Wie positionierten sich Polit-Talkshows thematisch im Griechenland- und Flüchtlingsdiskurs?“, erschienen in der Mitgliederzeitschrift Sprachdienst der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), kann direkt beim Autor angefordert werden.

Ansprechpartner:

Sascha Michel
Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz
Institut für Kulturwissenschaft
Seminar Medienwissenschaft
Universitätsstr. 1
56070 Koblenz
michel@uni-koblenz.de
mobil: 0152 29758547

 


Datum der Meldung 02.12.2015 12:00