Lernort Grundschule: Potenzial Mehrsprachigkeit

Mehrsprachigkeit ist bereits im Grundschulalter eine Ressource. Das konnten Landauer Wissenschaftler nun erstmals empirisch belegen. Die Forscher sprechen sich daher für die Stärkung des Herkunftssprachenunterrichts aus. In einem ebenfalls vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Folgeprojekt soll eine Fortbildung zur Professionalisierung des pädagogischen Personals im Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Grundschule entwickelt werden.

Herkunftssprachenunterricht sollte in der Grundschule gefördert werden, denn Mehrsprachigkeit ist eine wichtige Ressource. Foto: Cololurbox

Herkunftssprachenunterricht sollte in der Grundschule gefördert werden, denn Mehrsprachigkeit ist eine wichtige Ressource. Foto: Cololurbox

 

„Mehrsprachigkeit ist bei Grundschulkindern eine Ressource, wenn sie mit Sprachkompetenz einhergeht“, so Anja Wildemann, Professorin für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Sprache an der Universität Koblenz-Landau. Bislang war für den deutschen Sprachraum nicht empirisch geklärt, ob Mehrsprachigkeit eine Ressource darstellt. In einem dreijährigen Forschungsprojekt haben sie und ihre Kollegen den Zusammenhang zwischen Sprachkompetenzen und Sprachbewusstheit bei ein- und mehrsprachigen Grundschülerinnen und -schülern überprüft.

Für 400 Schulkinder der Klassenstufen 3 und 4 in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben die Landauer Forscher Sprachprofile und Videodaten erhoben und ausgewertet. Mit Hilfe einer mehrsprachigen Geschichte, die die Wissenschaftler mit den Kindern anschauten und dazu Impulsfragen stellten, konnten sie metasprachliche Äußerungen vor dem Hintergrund ihrer erst- und zweitsprachlichen Kompetenzen erfassen. „Gibt man den Kindern im Unterricht beim Lösen von Aufgaben die Möglichkeit, auf ihre Herkunftssprache zurückzugreifen, dann tun sie das gerne“, fasst Wildemann die Beobachtungen zusammen. Mehrheitlich seien die Kinder gar nicht gewohnt, dass ihre Erstsprache im Unterricht eine Rolle spiele. Ganz im Gegenteil, sie fühlten sich meist als defizitärer Deutschsprecher wahrgenommen. Auch fanden die Forscher heraus, dass zweisprachige Kinder einsprachigen in manchen Bereichen überlegen sind: Sprachliche Phänomene feststellen und erklären konnten beide Gruppen, Sprachanalysen hingegen führten meistens zweisprachige Kinder durch.

„Kinder sollten sich möglichst früh mit Sprache und ihrer Funktionalität beschäftigen, um ein sicheres Sprachgefühl und eine Sprachbewusstheit zu entwickeln“, unterstreicht Wildemann. Denn Sprachbewusstheit ist ein wichtiger Motor, um Lesen und Schreiben zu lernen. Da die Kinder in der Grundschule große Neugierde zeigen, sich über Sprache zu unterhalten, ist es sinnvoll, Sprachkompetenzen und Sprachbewusstheit bereits in der Primarstufe zu schulen. Im Fach Deutsch ist der Kompetenzbereich „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“ vorgesehen. „Leider wird dieser in der Praxis häufig auf Grammatikunterricht reduziert“, so die Wissenschaftlerin, obgleich die KMK empfehle, hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprachen zu behandeln.

Jedes dritte Kind wird laut Statistischem Bundesamt mittlerweile in eine Familie mit Migrationshintergrund hineingeboren. Sprachheterogenität ist in Grundschulen somit Alltag. „Um das kulturelle und wirtschaftliche Potenzial dieser Entwicklung zu nutzen, sollte man Mehrsprachigkeit als Chance begreifen“, so Wildemann. Daher sollten im Fach Deutsch auch die Erstsprachen eingebunden und auch der Herkunftssprachenunterricht gestärkt werden. Bedenken, dass man als Lehrer nicht so viele Sprachen könne, kann Wildemann ausräumen. „Man kann auch mit ganz kleinen Dingen das Bewusstsein für Sprachen schärfen“, beispielsweise indem man Dinge im Klassenraum in mehreren Sprachen beschrifte, zweisprachige Bilderbücher einsetze oder mehrsprachige Bildlexika verwende. Sinnvoll sei auch, dass die verschiedenen Fächer Deutsch, Fremdsprachen- und Herkunftssprachenunterricht zusammenarbeiteten, wie das der Herkunftssprachenrahmenplan für Rheinland-Pfalz vorsehe. Dazu müssten den Schulen allerdings die Ressourcen entsprechend zur Verfügung gestellt werden, so Wildemann.

Wie Lehrkräfte Sprache im Deutschunterricht thematisieren können, ist Inhalt einer Fortbildung, die Wildemann und ihr Team in einem Folgeprojekt nun entwickeln und wissenschaftlich evaluieren werden. Untersucht werden soll auch, inwieweit ein an Mehrsprachigkeit orientierter Deutschunterricht sich auf die Sprachbewusstheit von Schülerinnen und Schülern und damit auf die Schülerleistungen auswirkt.

Die Landauer Projekte „Sprachkompetenz und Sprachbewusstheit“ (2013 bis 2016) sowie „MehrSprachen im Deutschunterricht“ (2016 bis 2019) wurden und werden gefördert im Rahmen des Forschungsschwerpunktes „Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

 

Die Studie:
Wildemann, Anja; Akbulut, Muhammed & Bien-Miller, Lena: Mehrsprachige Sprachbewusstheit zum Ende der Grundschulzeit – Vorstellung und Diskussion eines Elizitationsverfahrens. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht. Jg, 21, Nr. 2, 10/16, S. 1-15.

Akbulut, Muhammed; Bien, Lena; Reich, Hans H. & Wildemann, Anja: Metasprachliche Interaktionen in mehrsprachigen Lernsettings – ein Projekt zur Sprachbewusstheit im Grundschulalter. In: ide 4/ 2015, S. 119-128.

 

 

Kontakt:

Universität Koblenz-Landau
Institut für Bildung im Kindes- und Jugendalter
Prof. Dr. Anja Wildemann
August-Croissant-Straße 5
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-34136
E-Mail: wildemann@uni-landau.de

 

Pressekontakt:

Universität Koblenz-Landau
Kerstin Theilmann
Bürgerstraße 23
76829 Landau
Tel.: (06341) 280-32219
E-Mail: ktheilmann@uni-koblenz-landau.de


Datum der Meldung 15.11.2016 00:00
zuletzt verändert: 15.11.2016 11:39

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