Überraschende Interview-Ergebnisse zum Corona-Lockdown

Befragung von Koblenzer Kneipenbesitzer durch Forscher der Universität Koblenz-Landau

Kneipenwirten hatten großes Verständnis für die ersten Schließungen zu Beginn der Corona-Pandemie. Bild: Colourbox

Kneipenwirten hatten großes Verständnis für die ersten Schließungen zu Beginn der Corona-Pandemie. Bild: Colourbox

Auch auf Kneipenbesitzer in Koblenz, einer Stadt mit einer besonderen Kneipenvielfalt, hat die Corona-Pandemie weitreichende Auswirkungen. Inwieweit die Pandemie, der sogenannte Lockdown im März 2020 und die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen diese Vielfalt jedoch bedroht und der Standortvorteil – schließlich wirkt die Stadt nicht nur auf städtisches Publikum attraktiv, sondern sie ist auch ein Anziehungspunkt für Menschen aus den umliegenden und entfernteren Regionen - gefährdet sind, untersuchte eine Forschergruppe der Universität in Koblenz. Studierende der Universität in Koblenz im Rahmen eines Forschungsprojektes untersuchten unter der Leitung von Dr. Marc Hannappel am Institut für Soziologie der Universität in Koblenz kurzfristig im Mai 2020 die sozialen Auswirkungen der Pandemie und des Lockdowns auf die Koblenzer Kneipenlandschaft. Denn neben den wirtschaftlichen Auswirkungen für die betroffenen Besitzer von Bars, Kneipen oder Eventgastronomien sind auch negative soziale Folgen zu befürchten Trotz der damals gegebenen Umstände waren über dreizehn Kneipenbesitzer bereit, an der Befragung teilzunehmen.

Ein überraschendes Ergebnis der qualitativen Interviews war, dass die Kneipenbetreiber überwiegend großes Verständnis für die Schließungen während des Lockdowns im März zeigten. Aufgrund der hohen Unsicherheit und Unkenntnis über Verbreitungswege des Corona-Virus und über die Höhe der Sterblichkeit angesichts von COVID-19-Infektionen sorgten sich gerade die Gastronomen von Lokalen mit überwiegend älterer Stammkundschaft um deren Gesundheit.

Starke Vernetzung

Die Befragung ergab zudem, dass die Kneipenbesitzer vor allem in der Koblenzer Altstadt sehr gut untereinander vernetzt sind. Während des Lockdowns wurde dieses Netzwerk genutzt, um Informationen auszutauschen. Aber auch schon vor der Krise wurde das Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung genutzt. Denn die meisten Betreiber stehen der hohen Kneipendichte in Koblenz positiv gegenüber. Sie sehen die Kneipendichte weniger als Konkurrenz-Problem, sondern als Markenzeichen der Stadt, das viele Menschen aus dem Umland anzieht. Ein Verlust an Kneipen würde, so die Einschätzung der meisten Befragten, zu einem Verlust dieses Standortvorteils führen und langfristig der Kneipenkultur in Koblenz schaden. Der Verlust an Konkurrenz würde so auf lange Sicht dem eigenen Betrieb schaden, so die Überzeugung vieler Kneipen-Besitzer.

Neben den solidarischen Beziehungen unter diesen Wirten waren auch die Antworten der Befragten hinsichtlich der sozialen Beziehungen zu ihrer Kundschaft interessant. Kneipen, seien es Quartierskneipen, Arbeiterkneipen oder auch die sogenannten Eventkneipen erfüllen wichtige soziale Funktionen. Sie dienen dem Aufbau wie auch der Stabilität sozialer Kontakte und sind für viele Menschen ein wichtiger Ort, um soziale Beziehungen zu pflegen oder neue Kontakte zu knüpfen. Zudem dienen sie der Entspannung oder der Ablenkung vom Alltag und haben somit auch eine psychische Ventilfunktion. Die Gäste unterhalten sich über ihren Alltag und seine Probleme, sprechen über aktuelle politische Themen oder auch über persönliche Sorgen. Zudem wird hier – vom Alltag losgelöst - gefeiert. Die Kneipe ist zwar kein konfliktfreier Raum. Für die Mehrheit der Besucher steht jedoch ein geselliger Abend mit Freunden und Bekannten im Vordergrund.

Alle diese Funktionen konnten aufgrund des Lockdowns nicht aufrecht erhalten werden. Nicht nur für die Besitzer, sondern auch für eine große Zahl deren Kunden brach so ein wichtiger sozialer Interaktionsraum weg. So wurde in den Interviews neben den wirtschaftlichen auch die fehlende soziale Bindung zu ihren Kunden thematisiert. Als umso erfreulicher wurden Solidaritätsbekundungen während des Lockdowns wie T-Shirt-Verkaufsaktionen durch Stammkunden empfunden.

Deutlich wurde aber auch, welche psychische Belastung mit der Pandemie für die Besitzer verbunden war. Viele Menschen, deren beruflicher Alltag sich dadurch auszeichnet, anderen Menschen eine Ablenkung aus ihrem beruflichen Alltag zu ermöglichen und für eine gesellige wie auch angenehme Atmosphäre zu sorgen, gerieten in existenzielle Nöte.

Durch das Forschungsprojekt konnte ein Einblick hinter die Kulissen der Kneipenbetriebe gewonnen werden, der trotz der Krise überraschend optimistische Menschen zeigte. Aufgrund des zweiten Lockdowns bleibt nun die Frage offen, wie die Gastronomen mit dieser erneuten Schließung umgehen und ob sie den Maßnahmen mit gleichem Verständnis wie noch im Frühjahr begegnen. Am Institut für Soziologie der Universität in Koblenz wird daher gerade eine zweite Erhebung vorbereitet.

Hintergrundinformationen über das Forschungs-Projekt

Im Wintersemester 2019/20 startete am Institut für Soziologie am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau ein zweisemestriges Lehrforschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Marc Hannappel. In diesem Projekt sollte die Koblenzer Kneipenlandschaft unter sozio-kulturellen Aspekten untersucht werden. Ursprünglich sollten alle Koblenzer Kneipen erfasst und kartographiert sowie eine Auswahl unterschiedlicher Lokalitäten aufgesucht werden, um diese dann auf Basis von systematischen Beobachtungen der Einrichtung und Befragungen von Besitzern und Besuchern milieutheoretisch einzuordnen. Der Feldzugang wurde während des Wintersemesters 2019/20 vorbereitet und die Feldphase für März 2020 geplant. Durch die Entwicklung der COVID-19 Pandemie, den damit in Verbindung stehenden Lockdown sowie den erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen konnte dieses Forschungsvorhaben nicht mehr umgesetzt werden.

Gleichzeit waren alle Teilnehmer des Projektes überzeugt, dass sich dadurch auch aus soziologischer Perspektive eine einmalige Chance bietet, die Auswirkungen der Pandemie auf einen speziellen Kultur- und Wirtschaftszweig zu untersuchen. In kürzester Zeit wurden die Erhebungsinstrumente der neuen Lage angepasst und das Forschungsziel verändert. Ziel des Projektes war es nun, die Auswirkungen der Pandemie zu Zeiten des Lockdowns und während der ersten Lockerungen auf die soziale und wirtschaftliche Situation der Besitzer der Koblenzer Kneipen zu untersuchen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den sozialen Beziehungen zwischen Besitzer und deren Kunden.

 

Ansprechpartner:

Dr. Marc Hannappel

Institut für Soziologie
Universität Koblenz-Landau

Campus Koblenz
Universitätsstr. 1

56070 Koblenz

Tel.:             0261 287 1959
E-Mail:            marchannappel@uni-koblenz.de

 

 


Datum der Meldung 30.11.2020 00:00