Warum Fake News und Verschwörungsmythen derzeit Hochkonjunktur haben

Je länger die Corona-Krise anhält, umso mehr werden Falschnachrichten und Verschwörungstheorien verbreitet und geteilt. Eine Melange aus teils frustrierten, teils verblendeten Bürgerinnen und Bürgern scheint sich zu einer neuen Protestbewegung zu formieren. Warum lang anhaltende Krisen ein Nährboden für Fake News und Verschwörungsmythen sind, erläutert Medienpsychologe Prof. Dr. Stephan Winter im Interview.

Prof. Dr. Stephan Winter (Foto: privat)
Prof. Dr. Stephan Winter (Foto: privat)

 

Herr Professor Winter, das Coronavirus ist eine Biowaffe, Bill Gates will uns im Kampf gegen den Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen, und die Weltordnung soll gekippt werden – warum glauben Menschen, dass hinter der Pandemie eine Verschwörung steckt?

Prof. Dr. Stephan Winter: Gerade die jetzige Situation ist von großer Unsicherheit geprägt: Wir fühlen uns durch das Coronavirus und die damit verbundenen Einschränkungen bedroht, weite Teile des Alltags haben sich verändert. Wenn man dann einen vermeintlich Schuldigen – etwa Bill Gates – ausmachen kann, fällt es einigen leichter, die Situation zu verarbeiten. Außerdem gibt es theoretische Annahmen, dass man insbesondere unter Bedrohung Inhalte auswählt, die das eigene Weltbild bestätigen. Das würde heißen, dass Personen, die schon vorher eine gewisse Skepsis gegenüber Eliten hatten, nun verstärkt entsprechende Quellen aufsuchen und dort von Fake News oder Verschwörungstheorien beeinflusst werden. Diese Tendenz scheint sich momentan zu bestätigen.

Was kennzeichnet eigentlich Fake News und Verschwörungstheorien?

Als Fake News bezeichnet man absichtlich verbreitete Informationen, die nachweislich (und zum Teil offensichtlich) falsch sind, aber so aussehen sollen, als seien es journalistische Nachrichten. Donald Trump nutzt den Begriff, um missliebige Journalisten zu diskreditieren, weshalb manche Kollegen eher von Desinformation sprechen, wenn es um gezielt lancierte Fake News in sozialen Medien geht. Verbreitet werden sie aus politischen Motiven, zum Beispiel um bestimmten Politikerinnen oder Politikern zu schaden, oder auch aus kommerziellen Gründen: Sensationsheischende Schlagzeilen, die Vorurteile bedienen, werden häufig angeklickt und generieren so Werbeeinnahmen. Verschwörungstheorien können auf bestimmten Fake News aufbauen, sie kennzeichnet aber vor allem das zugrundeliegende Narrativ: Es geht meist um eine kleine Gruppe mächtiger Personen, die die Bevölkerung belügt und betrügt.

 

„Wenn Verschwörungsinhalte oder Fake News plausibel oder relevant klingen, können sie mit Whatsapp & Co. sehr schnell zirkulieren.“

 

Vor allem in sozialen Medien werden falsche Informationen zum Umgang mit dem Coronavirus verbreitet. Eine Fake News besagt zum Beispiel, dass man angeblich an der Universität Wien herausgefunden habe, dass Ibuprofen „die Vermehrung des Virus beschleunigt“ (Foto: Pixabay)
Vor allem in sozialen Medien werden falsche Informationen zum Umgang mit dem Coronavirus verbreitet. Eine Fake News besagt zum Beispiel, dass man angeblich an der Universität Wien herausgefunden habe, dass Ibuprofen „die Vermehrung des Virus beschleunigt“ (Foto: Pixabay)

 

Verschwörungsmythen gab es ja schon immer. Aber das Internet scheint die Verbreitung von dubiosen Inhalten zu erleichtern.

Das Internet hat in der Tat die Verbreitung von Verschwörungsmythen drastisch vereinfacht: Über Youtube oder Facebook-Gruppen kann man relativ gezielt ein größeres Publikum mit entsprechenden Videos oder Memes erreichen. Ein neuer Kanal sind hier auch Whatsapp-Gruppen: Stark verbreitet wurde zuletzt beispielsweise eine Sprachnachricht von „Elisabeth, der Mutter von Poldi“, die von angeblichen Erkenntnissen zur schädlichen Wirkung von Ibuprofen bei Corona-Infektionen berichtet. Wenn Verschwörungsinhalte oder Fake News plausibel oder relevant klingen, können sie mit Whatsapp & Co. sehr schnell zirkulieren. Das Problem der ungefilterten Weiterleitung ist insbesondere dann wahrscheinlich, wenn User eine geringere Medienkompetenz haben, also wenig Wissen über seriöse und unseriöse Quellen haben.

Viele Menschen üben privat oder öffentlich Kritik an den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Gibt es einen Punkt, ab dem aus berechtigter Kritik eine Verschwörungstheorie wird?

Kritik an politischen Entscheidungen gehört in jedem Fall zur demokratischen Auseinandersetzung dazu. Von daher wäre es völlig falsch, jeden, der Kritik an den Corona-Maßnahmen übt, direkt mit Verschwörungstheorien in Verbindung zu bringen. Ein Abwägen der psychologischen und sozialen Folgen eines Lockdowns ist zum Beispiel meines Erachtens wichtiger Bestandteil einer interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Thema. Schwierig wird es nur, wenn Personen einen finsteren Plan hinter allen Entwicklungen sehen und überhaupt nicht mehr offen für Informationen aus Wissenschaft und seriösen Medien sind. Auch Informationen, die der eigenen Meinung widersprechen, werden dann als Beleg für die Verschwörung gesehen, denn alle Journalisten oder Wissenschaftler, die schreiben, dass es das Coronavirus gibt, würde man als gekauft ansehen.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, die besonders anfällig für Verschwörungstheorien sind?

Es gibt an den Rändern des politischen Spektrums eine etwas höhere Neigung, an Verschwörungstheorien zu glauben. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass auch Narzissmus und ein übersteigertes Selbstbild damit zusammenhängen: Wenn man zu den wenigen gehört, die glauben, eine Verschwörung zu durchschauen, fühlt man sich möglicherweise überlegen.

 

„In der jetzigen Situation habe ich den Eindruck, dass die rechte Szene die Unzufriedenheit in der Bevölkerung erkannt hat und als Thema ,besetzen‘ will.“

 

Woher rührt eigentlich die Nähe von Verschwörungstheoretikern zu Rechtspopulisten und zur rechtsextremen Szene?

Die Kommunikation von Rechtspopulisten richtet sich häufig gegen Eliten, spricht von „Lügenpresse“ oder Politikern, die das Volk verraten. Das hat eine gewisse Nähe zu Erzählungen von Verschwörungstheoretikern. In der jetzigen Situation habe ich den Eindruck, dass die rechte Szene die Unzufriedenheit in der Bevölkerung erkannt hat und als Thema „besetzen“ will.

 

Ein bekannter Verschwörungstheoretiker ist der Aktivist Ken Jebsen
Ein bekannter Verschwörungstheoretiker ist der Aktivist Ken Jebsen
  

 

Glauben Sie, dass mit der Gruppierung „Widerstand2020“, die regelmäßig zu Protesten gegen die Corona-Maßnahmen aufruft, jetzt eine Partei für Verschwörungstheoretiker entstehen könnte?

Da ist jede Prognose schwer, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Personen, die dort protestieren, zu divers sind, um sich zu einer Partei zusammenzuschließen. Ich würde mir wünschen, dass die politische Debatte diejenigen, die ohne Extremismus Kritik an den Maßnahmen üben, besser einbindet und das Thema nicht den politischen Rändern überlassen wird.

 

„Das Label „Verschwörungstheorie“ sollte man nicht inflationär benutzen, sondern nur für falsche oder vollkommen unbelegte Annahmen zum konspirativen Wirken bestimmter Gruppen.“

 

Was kann ich tun, wenn jemand im Freundeskreis oder in der Familie an eine Verschwörung hinter der Corona-Pandemie glaubt?

Eine Patentlösung gibt es hier nicht. Wenn man etwas von Freunden geschickt bekommt, was sich als Fake News oder Verschwörungsmythos herausstellt, kann man denjenigen zum Beispiel auf die fragwürdige Quelle oder auf widersprechende Informationen aufmerksam machen. Das gelingt wahrscheinlich einfacher, wenn man es nicht von oben herab macht und den anderen nicht direkt als „Verschwörungstheoretiker“ abstempelt. Dementsprechend sollte man das Label „Verschwörungstheorie“ auch nicht inflationär benutzen, sondern nur für falsche oder vollkommen unbelegte Annahmen zum konspirativen Wirken bestimmter Gruppen.

 

 

Zur Person:

Stephan Winter ist seit 2018 Professor für Medienpsychologie an der Universität Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Meinungsbildung und -äußerung in sozialen Netzwerken sowie Glaubwürdigkeit und Informationsauswahl in fragmentierten Medienumgebungen.

 

 

Link-Tipp:

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat einen Leitfaden zum kompetenten Umgang mit Online-Wissenschaftsinformationen herausgegeben, in dem u. a. auch auf Arbeiten von Prof. Stephan Winter verwiesen wird: https://psychologische-coronahilfe.de/was-tun-wenn-sich-informationen-und-meinungen-die-man-im-internet-findet-widersprechen/  


Datum der Meldung 03.06.2020 00:00
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