COVID-19: Herausforderungen für humanitäre Hilfe

Die Corona-Pandemie überrollt auch die Staaten des Globalen Südens. Humanitäre Hilfsorganisationen bereiten sich dabei auf die speziellen Herausforderungen vor. Die Ebola-Epidemie hat sie gelehrt, verstärkt mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten. Dass sie außerdem als politische Advokaten auftreten, ist wichtig und richtig, findet Dr. Charlotte Dany, Geschäftsführerin der Friedensakademie.

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Dr. Charlotte Dany (Foto: Karin Hiller)
Dr. Charlotte Dany (Foto: Karin Hiller)

 

 

 

Die Ausbreitung des neuen Coronavirus stellt die Industrienationen vor erhebliche Herausforderungen. Nun wird befürchtet, dass die globale Pandemie schon bald auch Staaten des Globalen Südens überrollt. Die offiziellen Zahlen der Infizierten und Toten erhellen nur unzureichend das Ausmaß der Krankheitsausbreitung. Mangels ausreichender Testkapazitäten ist die Dunkelziffer insbesondere in den Entwicklungsländern sicherlich beträchtlich. Es gibt zudem erste bestätigte Fälle in griechischen Flüchtlingslagern. Die Dunkelziffer ist – wie überall – sicherlich beträchtlich.

Menschen in diesen Ländern oder auf der Flucht sind besonders gefährdet, denn es gibt kaum Möglichkeiten für Maßnahmen, die die Ausbreitung des Virus eindämmen könnten, wie Handhygiene oder physische Distanzierung. In manchen Armenvierteln oder Flüchtlingscamps leben Menschen in großer Dichte. Armut treibt sie trotz Gefahr einer Infizierung oder Krankheit zum Arbeiten. Außerdem gibt es in Krisen- und Konfliktregionen häufig keine effektive ärztliche Versorgung.

 

Covid-19 gießt somit Wasser auf die Mühlen der Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe.

 

Im Jemen wurden Krankenhäuser durch Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. Obwohl dort besonders verheerende Auswirkungen zu erwarten sind, wo ohnehin Infektionskrankheiten, wie Masern, Tuberkulose, HIV/Aids, Cholera oder Malaria, grassieren, gibt es in ökonomisch schwachen afrikanischen Staaten für viele Menschen nur eine schwer erreichbare Gesundheitsinfrastruktur mit kaum vorhandener medizinischer Ausstattung. Hinzu kommen indirekte ökonomische Schäden durch ausbleibende Geldtransfers von den nach Europa oder in die USA ausgewanderten Verwandten (so-genannte remittances), wie eine aktuelle Weltbank-Studie warnt.

Auch zeigt sich schon jetzt, dass durch die Covid-19-Situation in Syrien neue Konflikte entstehen und existierende verschärft werden. Groß ist daher die Angst vor einer Ausbreitung des Virus in armen sowie durch Konflikte, Kriege oder Naturkatastrophen ohnehin geschwächten Regionen in Zentralafrika, Lateinamerika und im Nahen Osten.

Angesichts der komplexen humanitären Notsituation drängen humanitäre Organisationen auf eine schnelle und frühe Reaktion, um dem Virus wirksam zu begegnen. Sie leisten Informationsarbeit und Aufklärung über Infektionswege und Vorbeugungsmaßnahmen. Dabei ziehen sie Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika, wo Hilfsorganisationen lange warnten, bevor es endlich zu einer politischen Reaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam – zu spät für viele Menschen. Laut Robert Koch-Institut starben in den am stärksten betroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone mehr als 11.000 Menschen am Ebola-Fieber. Auch war die Informationsarbeit zunächst nicht von Erfolg gekrönt, da Vertrauen in die Informationen fehlte. Besonders wichtig sei es daher, mit der „Bevölkerung in einen Dialog zu treten, welche Maßnahmen man jetzt gemeinsam ergreifen kann“, wie Anna Kühne, Epidemiologin für Ärzte ohne Grenzen, in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte.

 

Eine der größten privaten Hilfsorganisationen ist „Ärzte ohne Grenzen“. Sie leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten wie hier in Kongo (Foto: Juan Carlos Tomasi/Ärzte ohne Grenzen)
Eine der größten privaten Hilfsorganisationen ist „Ärzte ohne Grenzen“. Sie leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten wie hier in Kongo (Foto: Juan Carlos Tomasi/Ärzte ohne Grenzen)

 

Covid-19 gießt somit Wasser auf die Mühlen der Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe, die von Praktikern und Praktikerinnen angestoßen wurde und die Diskussionen auf dem UN World Humanitarian Summit in Istanbul 2016 geprägt hat. Lokalisierung erfordert, dass humanitäre Hilfe mehr durch lokale Organisationen oder Menschen geleistet werden sollte Der Grund: Deren Arbeit wird von der Bevölkerung stärker akzeptiert, und die Effekte ihrer Handlungen können durch lokale Expertise besser antizipiert werden. Internationale humanitäre Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die oftmals ihre Hauptquartiere in westlichen Industrienationen haben, sollten sich hingegen auf Finanzierungs-, Unterstützungs- und Koordinierungsleistungen beschränken oder am besten ihre Hauptquartiere ganz in die Länder des Globalen Südens verlegen. Das Coronavirus könnte hierzu beitragen. Schon heute arbeiten viele humanitäre Organisationen verstärkt mit lokalen Partnern zusammen, die besonders krisenerfahren sind. Einige von Ebola betroffene Staaten können dabei auf eine nun vorhandene Infrastruktur und geschultes Personal sowie Experten und Expertinnen zurückgreifen.

 

Es ist richtig und wichtig, dass humanitäre Organisationen auch weiter politische Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken und für mehr Solidarität und Humanität in der Krise kämpfen.

 

Die Reaktion auf das Virus regt außerdem einige humanitäre Organisationen zu mehr politischem Engagement an. Der Versuch politischer Einflussnahme durch Kampagnen (political advocacy) ist für humanitäre Organisationen eine durchaus umstrittene Strategie. Sie versuchen zwar, sich möglichst aus politischen Diskussionen herauszuhalten, um ihre eigentliche Aufgabe – Menschenleben zu retten und Leid zu lindern – nicht zu gefährden. Doch die Situation in den Flüchtlingscamps ermuntert viele humanitäre Organisationen, allen voran Ärzte ohne Grenzen, schon seit längerer Zeit zu political advocacy.

Im Zuge der Ausbreitung des Virus fordern sie, dass die Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln geräumt und die Geflüchteten in Sicherheit gebracht werden. Außerdem sollen Medikamente in Entwicklungsländern zugänglich gemacht werden. In beiden Fällen unterstreichen die Gefahren von Covid-19 die Dringlichkeit bereits bestehender Bemühungen, zu einer humanitären Flüchtlingspolitik in Europa beizutragen und den Zugang zu wichtigen Medikamenten zu erleichtern und zu verbilligen. Das ist umso wichtiger, als die internationale Solidarität in der medialen, öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit vor den lokalen und nationalen Sorgen in den Hintergrund rückt. Es ist daher richtig und wichtig, dass humanitäre Organisationen auch weiter politische Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken und für mehr Solidarität und Humanität in der Krise kämpfen.  

 

Zur Person:

Dr. Charlotte Dany leitet die Friedensakademie als Geschäftsführerin. Zu Danys Expertise gehören humanitäre Krisen, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit sowie Partizipation und Teilhabe gesellschaftlicher Akteure in globaler Politik.

 

Friedensakademie-Blog

Eine ausführlichere Version dieses Beitrags können Sie auf dem Friedensakademie-Blog nachlesen: http://friedensakademie-blog.eu/2020/04/08/covid-19-herausforderungen-fuer-humanitaere-hilfe/. In der Blog-Reihe „Frieden und Konflikt in der Covid-19 Pandemie“ finden Sie weitere Beiträge von Friedensakademie-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Bisher erschienen sind: „Die Bazooka heilt keine Menschen“ von Jun. Prof. Dr. Janpeter Schilling sowie „Verbunden in Quarantäne?“ von Annalena Groppe. 

 


Datum der Meldung 12.05.2020 00:00
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