Corona und der in Kauf genommene „soziale Tod“

Der „soziale Tod“ steht als Metapher für Formen sozialer Ausgrenzung und Missachtung. Angesichts der vermutlich länger andauernden Corona-Krise müssen wir uns mit dieser Gefahr verstärkt auseinandersetzen, findet Michaela Bauks, Professorin für Bibelwissenschaft und Religionsgeschichte der Universität Koblenz-Landau.

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Prof. Dr. Michaela Bauks (Foto: Henriette Kriese)
Prof. Dr. Michaela Bauks (Foto: Henriette Kriese)

 

 

 

In einem Interview mit dem Tagesspiegel am 26. April 2020 äußerte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble einen Satz, der die Diskussionen um die gebotenen Verordnungen zu Zeiten der Corona-Krise aufwallen ließ: Trotz der absoluten Gültigkeit der Aussage, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, „schließt [sie, gemeint ist die Würde] nicht aus, dass wir sterben müssen“.

Ich war sehr erstaunt, dass diese in meinen Augen so banale wie richtige Feststellung auf viel Unverständnis stieß und dahingehend interpretiert wurde, dass das Leben verschiedener Menschen(gruppen) gegeneinander ausgespielt werde. Doch muss in Betracht gezogen werden, dass die auf den ersten Blick „clean“ wirkende Lösung eines Lockdown psycho-soziale Konsequenzen nach sich zieht, die ebenso elementar sind und deshalb bei solch drastischen Maßnahmen berücksichtigt werden müssen.

Ich möchte jetzt nicht über die Isolierten der Pflegeheime oder die durch elektronische Babysitter beschäftigten (Klein-)Kinder sprechen. Nein, ich meine die Folgen für die bundesdeutsche Durchschnittsgesellschaft, die einerseits überaltert ist und andererseits einen extrem hohen Anteil an Singlehaushalten aufweist. Anders als die romanischen Länder, die wir gern durch hohen Sozialaustausch, Körperlichkeit und Familienbezug charakterisieren, prägt uns ein Zusammenleben, das weniger vom Kollektiv als von zeitlich gebundenen und spontanen Kontakten lebt.

 

Es muss in Betracht gezogen werden, dass die auf den ersten Blick „clean“ wirkende Lösung eines Lockdown elementare psycho-soziale Konsequenzen nach sich zieht.

 

In Zeiten wie diesen wird diese doch recht isolierte Lebensform zu einem Problem. Denn es scheint fast so, als sei das heimliche Ideal in den politischen Köpfen immer noch der Haushalt (griechisch oikos), eine Art Gehöft, von der Hausfrau umsichtig geführt, in das Familienmitglieder der verschiedenen Generationen integriert sind und so in schweren Zeiten zueinander halten können. Und selbst die heute immer seltenere „klassische“ Familie mit beiden Eltern in einem Haushalt und Kindern wird zwischen normalem Alltag, Homeoffice und Homeschooling erbarmungslos zerrieben.

 

Einsamkeit trifft nicht nur Kinder und Senioren. Die durch den Coronavirus bedingten Kontaktbeschränkungen verstärken dieses negative Gefühl (Foto: Piaxabay)
Einsamkeit trifft nicht nur Kinder und Senioren. Die durch den Coronavirus bedingten Kontaktbeschränkungen verstärken dieses negative Gefühl (Foto: Piaxabay)

 

Ich bin Bibelwissenschaftlerin, forsche über historisch-anthropologische Themen und Fragen ausgehend von der alttestamentlichen Literatur. Es geht darin um Menschenbilder und gesellschaftliche Entwürfe, die die Verhältnisse des Alten Orients im 1. Jahrtausend v. Chr. widerspiegeln. Hier ist der oikos oder hebr. bayit mit seiner Mischpoke eine wichtige soziale Einheit, die, wie die Literatur deutlich zeigt, auf Gedeih und Verderb zusammenhielt, zumal eine individualisierte Lebensform kaum Aussicht auf Überleben kannte.

Das Kollektiv war also die Sozial- und Hausratsversicherung und ggf. auch für die Haftung bzw. Wiederherstellung von Recht gegenüber Dritten mit verantwortlich. In diesen Verhältnissen kam die häufig zitierte Warnung, dass ein Mensch für dieses oder jenes Vergehen „aus dem Kollektiv herausgeschnitten werde“ einem Todesurteil gleich. In Asylstädten trafen Menschen zusammen, die aus ihren Bezügen herausgefallen waren und ihr Leben nun mit anderen „Gebannten“ verbrachten (Deuteronomium 19,5.11-13). Weitere vom Schicksal Gezeichnete wie zum Beispiel Aussätzige (2 Könige 7,3) fristeten ein ähnliches Dasein. Ich stelle mir diese Orte, von denen wir nur eine vage Vorstellung haben, etwa wie die Ansiedlungen für Aussätzige im Mittelalter vor. So entstanden zum Beispiel an der wichtigen Verkehrslinie des Rheins zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert fünf Leprosorien (eine Art Leprakolonie) in Köln, Koblenz, Remagen, Lorsch und Andernach, die erst im 18. Jahrhundert verschwanden.

 

Das Bewusstsein, dass der soziale Tod dem physiologischen vergleichbar ist, haben wir weitgehend verloren.

 

Diese Form des „sozialen Todes“ haben die biblischen Texte durchaus reflektiert und zudem metaphorisch auf das persönliche Befinden übertragen. So lassen eine Reihe von Psalmentexten erkennen, dass ein Ausschluss aus dem gewohnten Kontext wegen Krankheit mitunter ebenso gefürchtet ist wie der physische Tod (Ps 41,5-11; 55,5-9; 88,15-19; vgl. auch Hiob 19,13-20). Und dieser Vergleich geschieht – darin unterscheidet sich das alte Israel von unseren christlich geprägten Vorstellungen – in einer Kultur, die keine Jenseitshoffnung kennt und die Erfüllung des guten Lebens im Hier und Jetzt sucht.

Das Bewusstsein, dass der „soziale Tod“ – verstanden als ein von außen verordneter Ausschluss aus den gewohnten Lebensbezügen – dem physiologischen vergleichbar ist, haben wir weitgehend verloren. Es geht mir dabei nicht um Gleichheitsgrundsätze (Inklusions- und Integrationsbestrebungen in die sogenannte Kerngesellschaft), sondern um eine Infragestellung des Primats der Medizin, das heißt der Ansicht, dass zum Zweck der Vermeidung und des Ausschlusses von Ansteckung jedes Mittel recht sei und der Schutz des Lebens über allem stehe. Jede(r) kennt Situationen im medizinischen Bereich, in denen der Schutz des Lebens angesichts der Frage nach der Würde des Menschen zu einer heiklen Frage wird.

 

Der Mensch lebt in elementarer Weise von Begegnung, und diese Einsicht droht durch eine Politik, die allein auf Kennzahlen und statistischen Werten fußt, konterkariert zu werden.

 

Der Gefahr eines sozialen Todes und seiner Folgen müssen wir uns angesichts der vermutlich länger andauernden Corona-Krise verstärkt stellen. Der Mensch lebt in elementarer Weise von Begegnung, und diese Einsicht droht – neben der sonst meist allein ökonomisch argumentierenden Kritik, die für weitgehendere Öffnung plädiert – durch eine Politik, die allein auf Kennzahlen und statistischen Werten fußt, konterkariert zu werden.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland als eng besiedeltes Land im Zentrum Europas gelegen gut beraten wäre, den schwedischen Weg zu gehen. Doch ich möchte eindringlich erinnern, dass zum guten Leben viel mehr gehört als virenfrei zu sein, und die politischen Entscheidungen diesen – wenn auch komplizierten – Zusammenhang nicht ausblenden dürfen bei der Suche nach dem rechten Maß für die Bewältigung der Krise.

 

Zur Person:

Michaela Bauks ist nach 10 Jahren an der Universität Montpellier seit 2005 als Professorin für Bibelwissenschaft (Altes Testament) und Religionsgeschichte am Campus Koblenz tätig. Ihr besonderes Forschungsinteresse gilt historisch-anthropologischen Fragen und den Mythen zur Urgeschichte (Gen 1-11).


Datum der Meldung 19.05.2020 00:00
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