DiAmant B

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Diagnosekompetenz mit Videovignetten entwickeln - Der Einfluss von Feedback

Projektleiter

Jürgen Roth in Zusammenarbeit mit Alexander Kauertz, Gerlinde Lenske und Björn Risch

Projektmitarbeiterin

Patrizia Enenkiel

 

Zusammenfassung

Die Diagnose von Schülerarbeitsprozessen ist ein zentraler Bestandteil des Schulalltags einer Lehrkraft. In einer Interventionsstudie soll untersucht werden, ob die diagnostischen Fähigkeiten von Mathematik-Lehramtsstudierenden mithilfe von Videovignetten gefördert werden können und welchen Einfluss der Zeitpunkt des eingesetzten Feedbacks auf die Entwicklung der diagnostischen Fähigkeiten hat.

Theoretischer Hintergrund

Diagnosekompetenz ist für die Steuerung von Lehr-Lern-Prozessen besonders bedeutsam (Horstkemper 2006). Weinert (2000) definiert diagnostische Kompetenz als „ein Bündel von Fähigkeiten, um den Kenntnisstand, die Lernfortschritte und die Leistungsprobleme einzelner Schüler sowie die Schwierigkeiten verschiedener Lernaufgaben im Unterricht fortlaufend beurteilen zu können, sodass das didaktische Handeln auf diagnostische Einsichten aufgebaut werden kann“. Studien, wie beispielweise COACTIV, konnten zeigen, dass diagnostische Fähigkeiten von Lehrpersonen die Mathematikleistungen ihrer Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen. Jedoch legen die Ergebnisse der COACTIV-Studie auch offen, dass Mathematiklehrkräfte das Leistungsniveau, die Leistungsheterogenität und die Leistungs-bereitschaft ihrer Klassen nur sehr ungenau einschätzen können. (Vgl. Brunner et al. 2011) Diese Ergebnisse legen nahe, dass eine realitätsnahe Lernumgebung für Lehramtsstudierende entwickelt werden muss, um sie auf diese Anforderungen im Lehrerberuf bestmöglich vorzubereiten. Als wichtiger Bestandteil dieses Lernprozesses gilt das Feedback, welches die Studierende nach einer erbrachten Leistung erhalten. Feedback zeigt dem Lernenden Diskrepanzen zwischen aktueller Leistung und zu erreichenden Zielzustand auf und liefert damit wertvolle Informationen für den Lernprozess (vgl. Hattie & Timperley 2007). In der Literatur wird zwischen verschiedenen Feedbackvarianten unterschieden (vgl. Lipowsky 2015). Knowledge of results (KOR) gibt dem Lernenden die Information ob seine Lösung richtig oder falsch ist. Bei Knowledge of correct results (KCR) wird dem Lernenden die bzw. eine richtige Lösung dargeboten. In der elaborierten Rückmeldeform wird zwischen Instruction based elaboration - und Extra-instructional elaboration Feedback unterschieden. Neben dar Darbietung der richtigen Lösung wird dem Lernenden beim Instruction based elaboration zusätzliche Informationen gegeben, die dieser bereits aus der Instruktionsphase kennt; beim Extra-instructional elaboration Feedback erhält der Lernende dagegen für ihn unbekannte Zusatzinformationen (vgl. Kulhavy & Stock 1989). Auch der Zeitpunkt des Feedbacks nach erbrachter Leistung kann Einfluss auf die Wirksamkeit des Lernens haben (vgl. Lipowsky 2015). Dabei wird zwischen sofortigem und verzögertem Feedback unterschieden. Die bisherigen Befunde zum Einfluss von Feedback auf die Leistung von Lernenden sind sehr uneinheitlich und legen nahe, dass die Wirksamkeit des Feedbacks von weiteren Faktoren (beispielsweise Aufgabenschwierigkeit, Kognitionen, die sich auf das Selbst des Lernenden beziehen und Umgang der Lernenden mit dem Feedback) abhängig ist (vgl. Lipowsky 2015, Krause 2007).

Forschungsfragen

Aufgrund der dargestellten Befundlage werden folgende Forschungsfragen abgeleitet:
1) Kann die Diagnosekompetenz von Mathematik-Lehramtsstudierende mithilfe von Video-vignetten gefördert werden?
2) Welchen Einfluss hat der Zeitpunkt des Feedbacks auf die Entwicklung der Diagnose-kompetenz von Mathematik-Lehramtsstudierenden?
3) Gibt es Unterschiede hinsichtlich des Umgangs mit Feedback zwischen den Feedback-gruppen?

Methode

Mithilfe des digitalen Videotools ViviAn (Videovignetten zur Analyse von Unterrichtsprozesse) sollen die Forschungsfragen überprüft werden. Zu jeder Videovignette werden passende Diagnoseaufträge entwickelt und durch mehrere Expertenratings validiert. Die Expertenratings dienen (1) als Vergleichsmaß für die Antworten der Studierenden auf die Diagnoseaufträge und (2) als elaboriertes Feedback, das die Studierenden nach der Bearbeitung der Diagnoseaufträge erhalten.
In einer Interventionsstudie mit Pre-Post-Design wird das Videotool ViviAn in einer Mathematik-Lehrveranstaltung der Universität Koblenz-Landau eingesetzt. Im Pre- und Posttest wird mit einer Testvignette die diagnostische Fähigkeit der Lehramtsstudierenden erhoben. Die In¬tervention besteht aus mehreren Trainingsvignetten, in denen die Studierende nach Bearbeitung der jeweiligen Diagnoseaufträge Rückmeldung auf Basis eines Instruction based elaboration - Feedbacks erhalten. Neben einer möglichen Musterlösung erhalten die Studierende also zusätz¬liche Erklärungen, die ihnen aus der Lehrveranstaltung bekannt sind. Die Studierenden der Experimentalgruppe 1 (EG1) erhalten das Feedback als gesammelte Rückmeldung nach der Bearbeitung aller Diagnoseaufträge für die jeweilige Trainingsvignette. Die Studierenden der Experimentalgruppe 2 (EG2) hingegen erhalten nach jeder Beantwortung eines Diagnoseauftrags sofortige Rückmeldung. Um die Wechselwirkung mit weiteren Einflussfaktoren zu untersuchen, werden zu Beginn und am Ende der Studie Fragebögen eingesetzt, in denen unter anderem Einstellungen, Selbstwirksamkeitserwartungen und Vorerfahrungen der Studierende erhoben werden.

Literatur

Brunner, M., Anders, Y., Hachfeld A. & Krauss, S. (2011). Diagnostische Fähigkeiten von Mathematiklehrkräften. In M. Kunter et al. (Hrsg.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften – Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 215–234). Münster: Waxmann
Hattie J. & Timperley, H. (2007). The Power of Feedback. Review of Educational Research, 77(1), S. 81–112
Horstkemper, M. (2006). Fördern heißt diagnostizieren – Pädagogische Diagnostik als wichtige Voraussetzung für individuellen Lernerfolg. In G. Becker et al. (Hrsg.), Diagnostizieren und Fördern-Stärken entdecken – Können entwickeln (Friedrich Jahresheft XXIV) (S. 4–7). Seelze: Friedrich-Verlag.
Krause, U.-M. (2007). Feedback und kooperatives Lernen. Münster: Waxmann Verlag
Kulhavy, R. W. & Stock W. A. (1989). Feedback in Written Instruction: The Place of Response Certitude. Educational Psychology Review, 1 (4), S. 279 – 308.
Lipowsky, F. (2015). Unterricht. In E. Wild et al. (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (S. 69–105). Heidelberg: Springer-Verlag
Weinert, F. E. (2000). Lehren und Lernen für die Zukunft – Ansprüche für das Lernen in der Schule, Pädagogisches Institut Bad Kreuznach