KuPäd

Erfassung von kulturellen und pädagogischen Überzeugungen von Deutsch-, Fremdsprachen- und Herkunftssprachenlehrkräfte

B. Projektleitung

Prof. Dr. Norbert Wenning & Dr. Gerlinde Lenske

C. Projektskizze

In Teilprojekt 3 werden zu MZP 1 die interkulturellen und pädagogischen Überzeugungen, die Selbstwirksamkeitsüberzeugung sowie die Zielorientierungen der Lehrkräfte aller drei Professionen (n = 180) erfasst. Möglichst zeitnah werden der Grad der Integration sowie das akademische Selbstkonzept der SchülerInnen erhoben. Hierbei wird zum Großteil auf etablierte Ratingskalen rekurriert (s. Tabelle im Anhang). Im Anschluss wird der Einfluss der Überzeugungen und Zielorientierungen auf den Grad an Integration, das akademische Selbstkonzept und die Unterrichtsqualität (hierzu werden zum Teil Daten aus Teilprojekt 2 verwendet) analysiert. Zum MZP 2 werden jeweils drei Lehrkräfte (Deutsch-, Fremdsprache und Herkunftssprache) in Gruppensettings videografiert, während sie metasprachliche Schülerinteraktionen (Filmvignetten) analysieren, diskutieren und in Gruppenarbeit einschätzen. Teilprojekt 3 fokussiert in Kooperation mit Teilprojekt 4 auf das Verhalten in der Gruppendiskussion und prüft, inwiefern Über-zeugungen und Ziele hierbei eine Rolle spielen. Daten aus KuPäd werden in Teilprojekt 4 mit den Daten aus den Teilprojekten 1 und 2 zusammengeführt. Dabei werden Zusammenhänge und Wirkmechanismen der in den einzelnen Teilprojekten erfassten Teilkompetenzen untersucht.

C.1 Zusammenfassung und zentrale Fragestellung

Überzeugungen und Ziele von Lehrkräften gelten als Teilkomponente professioneller Kompetenz (vgl. Baumert & Kunter, 2006). Die Ausprägung interkultureller Überzeugungen von Sprachlehrkräften unter-schiedlicher Professionen ist bislang unerforscht, ebenso die Effekte der Überzeugungen auf die Unterrichtsqualität im Sprachunterricht, den Grad der Integration und das akademische Selbstkonzept der SchülerInnen. Teilprojekt 3 setzt an dieser Forschungslücke an und erforscht entsprechende Überzeugungen bei Deutschlehrkräften, die besonders in ihrer unterrichtlichen Tätigkeit von den Abweichungen sprachlicher Vorkenntnisse „betroffen“ sind, bei Fremdsprachlehrkräften, die aufgrund ihrer Ausbildung interkulturelle Überzeugungen haben sollten, und bei Herkunftssprachlehrkräften, die – so vielfach die Darstellung in einschlägiger Literatur – qua Herkunft bzw. Funktion „interkulturell“ sind. Aus der Forschung zu pädagogischen Überzeugungen, zur Selbstwirksamkeitsüberzeugung und zu Zielorientierungen geht hervor, dass diese die Unterrichtsqualität und die Schülerentwicklung beeinflussen. Diese Variablen werden in Teilprojekt 3 ebenfalls erfasst, um zu prüfen, wie sie zusammenhängen und welche Effekte – allein oder in Interaktion – auftreten. Auf der Basis der Ergebnisse werden Implikationen für die Forschung und die Praxis abgeleitet.
Leitfrage 3: Über welche Überzeugungen und Ziele verfügen Sprachlehrkräfte und welchen Einfluss haben sie?

ForschungsfragenHypothesen
FF1 Welche interkulturellen, pädagogischen Überzeugungen, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und Zielorientierungen haben Sprachlehrkräfte?

H

Die Überzeugungen und Zielorientierungen von Deutsch- und Fremdsprachenlehrkräften sind vergleichbar mit dem von Lehrkräften naturwissenschaftlicher Fächer und der Mathematik (Vergleich mit den Ergebnissen aus anderen Studien, bspw. COACTIV)
FF2 Lassen sich Gruppenunterschiede erkennen? In einschlägiger Literatur besteht zum Teil die Annahme, dass Lehrkräfte, die selbst Migrationshintergrund haben, besonders förderliche interkulturelle Einstellungen mitbringen. Hierfür fehlt es jedoch an theoretischer Fundierung und außerdem gibt es widersprüchliche Befunde. Deshalb wird keine (gerichtete) Hypothese formuliert.
FF3 Haben die Überzeugungen und Zielorientierungen einen Einfluss auf den Grad an Integration, das Schülerselbstkonzept und die Unterrichtsqualität?

H

H

Interkulturelle Überzeugungen beeinflussen den Grad an Integration und das Schülerselbstkonzept.

Zielorientierungen, pädagogische Überzeugungen und Selbstwirksam-keitsüberzeugungen beeinflussen die Unterrichtsqualität.

 

C.2 Stand der Forschung und eigene Vorarbeiten

An deutschen Schulen ist ein Anstieg in Bezug auf die Heterogenität der Schülerschaft wahrzunehmen, insbesondere die sprachlich-kulturelle Diversität hat zugenommen (vgl. Bender-Syzmanski, 2007). Die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien (TIMSS, IGLU, PISA) verdeutlichen, dass SchülerInnen mit Migrationshintergrund in Deutschland bildungsbenachteiligt sind (vgl. Baumert, 2002; Baumert et al., 2005; Ceri, 2008; Diefenbach, 2010; Prenzel & Baumert, 2008; Schwantner et al., 2013). Die Frage nach den Ursachen für die Bildungsbenachteiligung ist bisher nur teilweise beantwortet (vgl. Diefenbach, 2010; Eckhardt, 2008). Ein erklärungsmächtiger Faktor ist die sprachliche Entwicklung der SchülerInnen. Studien zu Übergangsempfehlungen verdeutlichen, dass SchülerInnen mit Migrationshintergrund bei vergleich-barem kognitiven Potenzial schlechtere Empfehlungen bzw. sachinadäquate Beurteilungen erhalten, woraus Fehlzuweisungen resultieren (Aktionsrat Bildung, 2007). Neben mangelnder diagnostischer Kompetenz werden stereotype Vorstellungen und Vorurteile gegenüber Migranten(kindern) als Ursachen für solche Fehlentscheidungen angenommen (Strasser, 2012). Vorurteile, Vorstellungen, subjektive Theorien, Einstellungen, Ziele, Werthaltungen und Axiome werden in der Literatur häufig als Beliefs oder Über-zeugungen bezeichnet (vgl. Pajares, 1992; Richardson, 1996; Op’t Eynde et al., 2002; Calderhead, 1996) und gelten als Komponente professioneller Kompetenz (vgl. Baumert & Kunter, 2006). Es wird theoretisch angenommen, dass Überzeugungen dem Wissen vorgeschaltet sind, indem sie während eines Lern-prozesses eine Filterfunktion übernehmen, die Bedeutungsbeimessung steuern sowie die Motivation und die Leistung beeinflussen. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass Überzeugungen auch die Anwendung von Wissen beeinflussen können. Die Wirkweise bzw. das Zusammenspiel ist bislang weder theoretisch noch empirisch hinreichend geklärt (vgl. Trautmann, 2005; Wischmeier, 2012).

Für den Bereich pädagogischer, insbesondere lerntheoretischer Überzeugungen liegt bereits eine solide Forschungsbasis vor (z.B. Sembill & Seifried, 2009). Ein mehrfach replizierter Befund ist bspw., dass konstruktivistisch orientierte Überzeugungsmuster sich förderlicher auf die Schülerleistung auswirken als stark transmissive Überzeugungsmuster (z.B. Staub & Stern, 2002; Voss et al., 2013; Dubberke et al., 2008). Die Bedeutung von pädagogischen Überzeugungen ist unstrittig (etwa Oser, 1998; Fend, 2008), ebenso wie die Bedeutung der Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Empirische Evidenz für den Einfluss der Selbstwirksamkeitsüberzeugung auf die Schülerleistung, die Unterrichtsqualität und die Lehrermotivation bzw. die berufliche Zufriedenheit ist gegeben (vgl. Bandura, 1997; Klassen et al., 2009, 2010; Skaalvik & Skaalvik, 2007; Tschannen-Moran & Wollfolk Hoy, 2001; Wolters & Daugherty, 2007). In Bezug auf die Zielorientierungen von Lehrkräften finden sich Zusammenhänge zur Unterrichtsqualität und zu Burnout, z.B. negative Effekte für ability-avoidance goals (vgl. Butler & Shibaz, 2008; Retelsdorf et al., 2010).

In der Forschung zu Lehrerüberzeugungen in Bezug auf SchülerInnen mit Migrationshintergrund wurde sich lange auf Leistungserwartungen konzentriert (vgl. Jussim & Harber, 2005). Zu Einstellungen gegenüber (kultureller) Heterogenität im Schulkontext liegen bisher kaum Ergebnisse vor (vgl. Trautmann & Wischer, 2011; Hachfeld, 2013). Erste Befunde lassen darauf schließen, dass kulturelle Diversität in Klassenräumen bei Lehrkräften überwiegend negativ konnotiert ist (Heintze et al., 1997) und kulturelle stereotype Vorstellungen bei Lehrkräften existieren (Allemann-Ghionda, 2006). Aktuelle Befunde lassen darauf schließen, dass sich multikulturelle Überzeugungen von Lehrkräften im Vergleich zu egalitären Überzeugungen förderlicher auf das Selbstkonzept der SchülerInnen auswirken (Hachfeld, 2012). Welche interkulturellen Überzeugungen bzw. Stereotype Sprachlehrkräfte in Bezug auf sprachliche Heterogenität aufweisen, ist bislang unklar – ebenso deren Wirkung. Dieser Forschungslücke nimmt sich Teilprojekt 3 an.

Literatur

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