Interview mit unserer Universitätspräsidentin Kallenrode

Bevor das Seminar steht, die PowerPoint an die Wand geworfen werden kann und mit der inhaltlichen Arbeit begonnen wird, muss einiges im Vorfeld funktionieren und koordiniert werden. Viele Mitarbeiter*innen im Hintergrund sichern, dass alle Prozesse reibungslos vonstattengehen. An der Spitze dieser Hintergrundprozesse steht Frau Prof. Dr. Dr. h.c. May-Britt Kallenrode - unsere Präsidentin der Universität Koblenz-Landau. Mit der Hochschulstrukturreform sieht sich die bald nun eigenständig stehende Universität Koblenz mit zahlreichen neuen, außeralltäglichen Problemen konfrontiert. Im Interview mit dem AStA spricht Frau Kallenrode über Herausforderung in der Hochschulstrukturreform, Zukunftsperspektiven und ob sie hier an der Uni ein Studium beginnen würde.

Warum glauben Sie sind sie eine gute Präsidentin für uns Studierende, worin liegen ihre Qualitäten?

Als Präsidentin möchte ich, dass die Universität gut in Forschung und Lehre aufgestellt ist. Das heißt zu versuchen, unter den gegebenen Rahmenbedingungen des Landes, trotz mancher Schwierigkeiten, gute Studienbedingungen zu schaffen. Nicht nur aus Geld ergeben sich Freiräume, auch aus der Organisation von Studium und Lehre. Dazu gehört, dafür zu sorgen, dass wir ein gemeinsames Verständnis für Studium und Lehre haben. Was heißt es eigentlich zu studieren? Ist Studium Bildung oder Ausbildung? Ich glaube, dass muss man immer wieder thematisieren und immer wieder hinterfragen.
Daneben bin ich noch verantwortlich für den ganzen organisatorischen Teil einer großen Einrichtung, wie die einer Universität, wovon die Studierenden in ganz vielfältigen Maße betroffen sind. Eigentlich möchten sie ja gar nicht drüber nachdenken, wie eine Universität funktioniert, sondern im Prinzip müssen ganz viele Mitarbeiter*innen und die Hochschulleitung das „Organisieren“. Alles was im Hintergrund läuft, soll laufen. Das ist genauso wie im Haushalt, wo man erst von der Existenz einiger Bestandteile erfährt, wenn es mal nicht funktioniert. Eigentlich sollte die Universität eine Einrichtung sein, die funktioniert - bei gleichzeitig hohen Qualitätsansprüchen.

Gerade diese Alltäglichkeit wird durch die Hochschulstrukturreform immer wieder hinterfragt. Ganz neue Fragen, Möglichkeiten und Problematiken gewinnen an Relevanz. Worin sehen Sie die größte Herausforderung des Hochschulstrukturprozesses?

Die allergrößte Herausforderung ist, aus meiner Sicht, gar nicht mal die Hochschulstrukturreform, sondern in Zeiten der Hochschulstrukturreform den Regelbetrieb sehr gut aufrecht zu erhalten. Das heißt im Idealfall sollten in Forschung und Lehre die Hochschulstrukturreform gar keine merkbaren Auswirkungen haben. Aus Sicht eines Studierenden sollte Hochschulstrukturreform etwas sein, bei der im Hintergrund diskutiert wird, wo irgendwann ein Präsidium sitzt und vielleicht noch, was nachher auf meinem Zeugnis steht: nämlich „Universität Koblenz-Landau“ oder zukünftig bald „Universität Koblenz“. Aber ich als Student, ich als Wissenschaftler möchte ein gutes Studium, eine gute Lehre und eine gute Forschung - und das hat zu funktionieren. Alles andere darf das nicht beeinträchtigen!

Bei der Hochschulstrukturreform im Augenblick ist die schwierigste Situation, dass die Randbedingungen durch das Land noch nicht klar festgelegt sind. Wir haben zwar den Ministerratsbeschluss, aber wir haben kein Gesetz. Das heißt also, wir fangen auch nicht wirklich an, etwas umzusetzen. Wir denken zwar über vieles nach und diskutieren über zahlreiche Ideen, aber die Klarheit eines eindeutigen Gesetzes fehlt uns. Wenn dann diese Klarheit gegeben ist, wird dann sicher auch über Finanzierung gesprochen werden müssen. Und dann wird man sehen, dass man einen schlanken Strategiebildungsprozess an beiden Standorten so aufgebaut bekommt, dass die Universitäten jeweils das machen, was Universitäten immer machen müssen. Sich In einem partizipativen Prozess klar zu werden, was sind eigentlich Ziele in Studium und Lehre, Forschung, Reichweite in die Region hinein - das wäre ein Prozess, der sowieso laufen müsste.

… etwas konkreter, wo treten spezifische Probleme auf?

Spezifische Auswirkungen der Hochschulstrukturreform stellen sich immer da, wo ein Standort etwas für den Anderen macht. Also sei es, wenn Leistungen am Standort Koblenz für den Standort Landau erbracht werden. so ist es zum Beispiel bei den E-Klausuren oder wenn am Standort Landau Leistungen für den Standort Koblenz erbracht werden, wie es zum Beispiel bei der Lehrevaluation der Fall ist. Das sind die Stellen, auf die wir am meisten schauen müssen, damit nicht ein Standort im Regen steht.
Dabei müssen beide Standorte lernen, für sich selbst zu denken und lernen, aus dem Verständnis einer Mittelgroßen Universität zu kommen und jetzt plötzlich eine eher kleine Universität zu sein. Der Wechsel von einer mittelgroßen zu einer kleinen Einrichtung ist nicht wie ein Auf- oder Abstieg in eine andere Liga, sondern eher, als würde man von Feldfußball zu Hallenfußball übergehen. Dass mittelgroß oder klein ist nicht eine Frage von schlechter oder besser, es ist nur eine andere Gruppe, in der man spielt. Auch dort ist der Schritt zu schaffen, sich den Bedingungen anzupassen.

…Die Qualität der Lehre ist also nicht beeinträchtigt durch das kleiner werden der Universität?

Die Qualität der Lehre ist nicht beeinträchtigt! Wir wollen rein aufgrund der Hochschulstrukturreform weder Studiengänge einstellen noch modifizieren. Selbstverständlich bauen wir immer Studienangebote um, weil sich Studienangebote weiterentwickeln, dass ist ja auch im Interesse der Studierenden. Wir haben bestimmte Bereiche identifiziert, wo wir mit dem Land nachverhandeln müssen, weil zum Beispiel die Didaktiken sehr stark in Landau vertreten sind. In Koblenz haben wir die Fachdidaktik nicht in voller Breite, aber natürlich, wenn Koblenz getrennt ist, muss auch dafür gesorgt sein. Wir haben somit kein Problem, die Qualität aufrecht zu erhalten. Wir werden lediglich an einigen Stellen neue Ansprechpartner*innen haben.

Veränderungen, wie die einer Hochschulstrukturreform ist immer ein Prozess aus Chancen und Risiken. Bringt die Hochschulreform auch neue Möglichkeiten?

Wir haben jetzt die Möglichkeit, viel in Frage zu stellen. Dass wird uns auch manchmal verunsichern, das wird manche Veränderungen mit sich bringen, aber wenn man vernünftig an die Veränderungen herangeht, können das natürlich auch positive Veränderungen sein. Das ist ein Prozess, den wir nicht als Hochschulleitung von „Oben“ durchziehen können. Letztendlich ist das Neuerfinden eine Aufgabe, die die ganze Uni bewältigen muss- das heißt, auch die Studierenden. Wir brauchen Sie in diesem Prozess.

Wenn die Hochschulstrukturreform abgeschlossen ist, wo sehen sie die Uni in 10 Jahren?

Nach 10 Jahren sehe ich die Uni als eine Universität, die ein sehr hohes Maß an Autonomie gegenüber dem Land hat; Als eine Universität, die ganz stark in der Region verwurzelt ist und Verantwortung für die Region übernimmt, aber auch von der Verantwortung der Region für die Universität profitiert; die aber auch der Breite und Bedeutung des Lehramtes Rechnung trägt; die über ein starkes fachliches Angebot jenseits des Lehramts verfügt. Da würde ich ganz stark den Zwei-Fach-Bachelor und den fachwissenschaftlichen Anschluss an den Zwei-Fach-Bachelor sehen.

Wenn Sie jetzt ein Studium beginnen müssten, würden Sie mit ihrem Wissen zur Hochschulstrukturreform an die Uni Koblenz gehen?

Die Situation würde mich persönlich nicht schrecken. Die Frage nach den Studienanfang ist ja eigentlich die, was mich inhaltlich interessiert. Sie fragen jetzt eine Präsidentin, die ursprünglich Physikerin war: also Organisationsentwicklung würde mich momentan interessieren. Ich glaube dafür wäre Koblenz kein schlechter Ort, da gäbe es inhaltliche Anknüpfungspunkte. Wenn es fachlich nicht passt, dann kann ich es mir nicht vorstellen in Koblenz zu studieren. Für die Physik wäre ich nicht unbedingt nach Koblenz gegangen – für die Materialwissenschaft vielleicht eher. In meinen beruflichen Stationen in Lüneburg und Osnabrück habe ich erlebt, wie zwei Universitäten ihre Hochschulstrukturreform überlebt haben und sich weiterentwickeln konnten, deshalb wäre die aktuelle Hochschulstrukturreform nichts das was mich per se schrecken würde ein Studium anzufangen. Ich glaube die Wahl des Studiums ist eine ganz, ganz individuelle Entscheidung und die Hochschulstrukturreform dürfte nur einen kleinen Teil dieser Entscheidung ausmachen.

Was würden Sie gerne noch den Studierenden sagen?

Liebe Studierende, ihr habt bisher sehr gut an dieser Universität zusammengearbeitet. Wir wissen, dass es an einigen Stellen nicht immer ganz rund läuft, doch bisher haben wir das gemeinsam alles bewerkstelligt. Wir werden auch gemeinsam die Hochschulstrukturreform meistern. Ich freue mich auf Ihr Engagement!

 

 

 


Datum der Meldung 14.08.2020 01:53