Rezension "Handeln. Entscheiden. Performen. (2021)

Mit dem Band Handeln. Entscheiden. Performen – mit einem Vorwort von Sibylle Peters versehen – liegen zwei Studien vor, die sich Formaten widmen, in denen Kinder und Erwachsene mit performativen Mitteln gesellschaftliche Fragen untersuchen. Sie sind an den Leitfragen orientiert, wie solidarisches Handeln und Zusammenleben gelingen kann und welche Rolle Theater und Performance dabei spielen können (S. 11). Gemeinsam ist beiden Studien der Ansatz einer transdisziplinären partizipativen künstlerischen Forschung mit Kindern. Liegt der Schwerpunkt bei Hannah Kowalski auf „Theater als Entscheidung“, zielt die Studie von Maike Gunsilius auf „Dramaturgien postmigrantischer Performance“. Beide Forschungen sind aus dem künstlerisch-wissenschaftlichen Graduiertenkolleg Versammlung und Teilhabe (2012–2014) und Performing Citizenship (2015-2017) am FUNDUSTHEATER/Forschungstheater in Hamburg hervorgegangen.

 

Der Frage, wie das kollektive Entscheiden, Abstimmen und Performative zusammenspielen, liegt ein Verständnis von Demokratiebildung zu Grunde, dass das Demokratische weniger als statisches, allein äußerliches, juristisches Moment betrachtet, sondern in seiner Dynamik, als sowohl die Kunst als auch Bildung bewegendes Moment, das immer wieder neu herzustellen und weiterzuentwickeln ist, und mit all den Theaterprozess vor, hinter und auf der Bühne begleitenden Widersprüchen, Ambivalenzen, Machtverhältnissen dazu herausfordert, (im Sinne von Derrida, der von einer kommenden Demokratie spricht) eine Alterität ohne hierarische Differenz zu denken.

Die Besonderheit der Studie von Hannah Kowalski liegt darin, dass es ihr gelingt, Prozesse von kollektiven Entscheiden, Abstimmen als performative künstlerische Praxis konkret nachzuzeichnen und wissenschaftlich zu begründen. Dabei helfen ihr performative Analysekategorien von Zeit, Raum, Körper und Dinge. Damit schließt sie ein Forschungslücke, die sich reduziert auf die bloße Beschreibung von rein äußerlich, partizipativ bestimmten Verfahrensweisen.

Maike Gunsilius Fokus liegt in Anlehnung an Hans-Thies Lehmann u.a. auf der Formulierung eines Konzepts einer relationalen Dramaturgie, wie sie hier insbesondere innerhalb einer zeitgenössischen kulturellen Bildung vor allem dazu dienen soll, „das zentrale Versprechen auf soziale und kulturelle Partizipation von kindlichen und jugendlichen Bürger*innen der postmigrantischen Gesellschaft einzulösen“ (S. 217). Indem die Reflexion dieses Versprechens selbst Gegenstand künstlerischer Arbeit wird, untersucht sie konkret das kritische Potenzial von Performance für eine Relationale Dramaturgie: „Sichtbar und hörbar werden dann nicht nur einzelne Subjekte in ihrem Selbst- und Weltverhältnissen, sondern soziale Relationen, die immer auch Machtverhältnisse sind.“ (Gunsilius, S. 223)

Nicht zuletzt sei hervorgehoben, dass dieser Band nicht nur durch eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis besticht, sondern auch durch konkrete Vermittlungsformate in Gestalt einer Performance Lecture, eines Fragenkatalogs sowie Handlungsempfehlungen. Sie laden dazu ein, selbst in Bildungskontexten im Sinne einer Demokratiebildung zu experimentieren.

 

Kristin Westphal


Datum der Meldung 14.07.2021 00:00
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