„An Auschwitz scheitert jede Gewissheit“

„An Auschwitz scheitert jede Gewissheit“ 


Wissenssoziologische Perspektiven auf die Möglichkeit
einer skeptischen Erinnerungspolitik

Oliver Dimbath, Valentin Rauer & Nina Leonhard

 

Session 2-5: An Auschwitz scheitert jede Gewissheit … 1/2

E 413

Donnerstag, 14:00-16:00 Uhr

 

Valentin Rauer (Istanbul)

Staatliche Gewalterinnerung nach Auschwitz. Eine Analyse der Rede des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble vom 31.01.2018

 

Manfred Prisching 

(Graz)

Stimmungen in der Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit

 

Session 3-5: An Auschwitz scheitert jede Gewissheit … 2/2 

E 413

Donnerstag, 16:00-18:00 Uhr

 

Diemut König (Saarbrücken)

 

 

„Mein Großvater war Nazi. Ja, tut mir leid.“ Deutschsein als Stigma. 
Herausforderungen und Potenziale der erinnerungspädagogischen Jugendarbeit

 

Jochen Kibel 
(Berlin)

 

Skeptizismus als inkrementelle Gewissheit. Die zeitliche Stabilisierung eines „negativen Geschichtsbildes“

 

In seiner Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 31. Januar 2018 gemahnt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble im Rückgriff auf Volkhard Knigge an die Notwendigkeit zur kollektiven Selbstbeunruhigung. Dass es der Gedächtnis- und Erinnerungspolitik in Deutschland nicht allein bedarf, um kulturelle Werte hoch-, sondern auch um das Wissen um Gefahren des Politischen wachzuhalten, wird in folgendem Zitat der Rede deutlich:

„An Auschwitz scheitert jede Gewissheit. Und das Vertrauen in den menschlichen Fortschritt, den Sinn von Geschichte, die zivilisierende Kraft der Kultur, die Gewissheit über die Grenzen dessen, was Menschen an Leid, Schmerz und Erniedrigung ertragen und was sie anderen Menschen zufügen können. An Auschwitz scheitert die Gewissheit über uns selbst. Deshalb müssen wir sensibel sein, wachsam, selbstkritisch.“1

Wissen und Gewissheit als irgendwie sozial verbrieftes Wissen ist ohne Vergangenheitsbezug nicht vorstellbar. Gleichwohl aber ist der Vorgang des Erinnerns kein temporaler Rückgriff, sondern ein konstruktiver Akt. Gewissheit erwächst der Konstruktion; ihre Legitimation als ‚sicheres‘ Wissen gewinnt sie nicht aus ‚objektiver Wahrheit‘, sondern aus der sozialen Verständigung über ihre Geltung. Der gedächtnistheoretisch ‚normale‘ Vorgang in Gruppen ist, dass vergangenheitsbezogene Informationen in Erbauungsnarrativen arrangiert werden, die ein Kollektiv seiner Kohäsion versichern sollen. Über die Auswahl und das Arrangement solcher Narrative und über die Konstruktion der sie repräsentierenden Symbole (‚Gedächtnisorte‘) entscheidet Erinnerungspolitik als vermachteter sozialer Prozess. Die hierfür zuständigen beziehungsweise den Prozess strukturierenden Institutionen lassen sich als Apparat der Gedächtnispolitik beschreiben. In Deutschland liegt – als Lehre aus ‚der Geschichte‘ – eine besondere Variante von Erinnerungspolitik vor, die einen ganz spezifischen gedächtnispolitischen Apparat hervorgebracht hat. Kollektives Erinnern erfüllt hier nicht mehr eine ausschließlich zusammenhaltstiftende Funktion, sondern hat die Aufgabe, kollektive Wachsamkeit gegenüber der ideologischen Kraft allzu gewissen Wissens zu gewährleisten. Dass eine solche selbstreflexive Erweiterung oder gar Umorientierung eine Lücke in der sozialen Kohäsionskonstruktion der nationalen Gemeinschaft und kollektiver Identität hinterlässt und kaum der Erbauung dient, indem beharrlich an das Unangenehme erinnert wird, ist eine selbstauferlegte Bürde, die immer wieder Angriffen ausgesetzt ist.

Der Arbeitskreis ‚Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen‘ schlägt vor, den Zusammenhang von Erinnerungspolitik und gedächtnispolitischem Apparat aus wissenssoziologischer Sicht genauer zu analysieren. Mit Blick auf die deutsche Besonderheit werden Beiträge erbeten, die

 

a) das Verhältnis von Erinnerungspolitik, gedächtnispolitischem Apparat, Geschichte und Politik empirisch und/oder analytisch beleuchten,

b)  über Forschungen berichten, welche sich mit Abstimmungsproblemen zwischen individueller Erfahrung bzw. individuellem Erinnern und Erzählen (vergangenheitsbezogener Gewissheit) und erinnerungspolitischer Agenda (vergangenheitsbezogener Skepsis) befassen und

c)  im internationalen Vergleich oder mit Blick auf transnationale Institutionen zu einer Komparatistik erinnerungspolitischer Vorgänge sowie gedächtnispolitischer Apparate gelangen und Antworten auf die Frage liefern, welche Typen politischerGewissheitsgeneratoren welche mentalitäre Wirkung entfalten.

 

Vorschläge im Umfang von max. 3.000 Zeichen zu diesen und weiteren sich aus diesem Papier ergebenden Fragen werden bis zum 31. März 2019 erbeten an Oliver Dimbath (dimbath@uni- koblenz.de) und Nina Leonhard (nina.leonhard@berlin.de).

 

Anmerkungen:

1 https://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/004/541266, Zugriff am 19.11.2018page19image3808577424