Braucht Wissenschaft Gewissheit?

Braucht Wissenschaft Gewissheit?


Paradigmatische Herausforderungen
in einer globalen und pluralen (Wissenschafts-)Welt
(AK Wissenskulturen & AK Globalisierung)

Reiner Keller & Angelika Poferl

 

Session 1-6: Braucht Wissenschaft Gewissheit? 1/3

E 414

Donnerstag, 11:00-13:00 Uhr

 

Angelika Poferl (Dortmund) & 

Reiner Keller
(Augsburg)
 

Braucht Wissenschaft Gewissheit? Einführung

 

Manfred Prisching
(Graz)

Verwissenschaftlichung und Gewissheitsschwund – strukturelle Gründe für ein Paradoxon

Oliver Neun 
(Kassel)

Wahrheit, Realismus und „öffentliche Soziologie“

Anna Roßmann  (Bamberg)

Ist Wissenschaft ohne Gewissheit möglich?

Session 2-6: 

Braucht Wissenschaft Gewissheit? 2/3

Arbeitskreis Wissenskulturen & Arbeitskreis Globalisierung

 

E 414

Donnerstag 14:00-16:00 Uhr

Angelika Poferl

Reiner Keller

 

 

Markus Gottwald (Nürnberg-Erlangen) & Matthias Klemm 
(Fulda)

 

Verzweifelte Gewissheiten: Wissenschaftliche Erkenntnis in pluralen Handlungsfeldern 

 

Diana Kerber (Dortmund)

Zwischen Gewissheit und Wahrheit – 

Zum Vorgehen bei der Erfassung von Problematisierungswissen am Beispiel 

der Migration brasilianischer Frauen

 

Lena M. Friedrich (Koblenz)

Sozialstruktur im (Be-)Griff? Eine wissens- 

und kultursoziologische Reflexion der Sozialstrukturanalyse

 

 

Session 3-6: Braucht Wissenschaft Gewissheit? 3/3

E 414

Donnerstag, 16:00-18:00 Uhr

 

Tina Massing

(Koblenz)

„Das Pathos der unerfüllten Erwartungen“: Eine pragmatistische Kritik der Suche nach Gewissheit

Maya Halatcheva-Trapp 
(Dortmund)

Zwischen Gewissheit und Ungewissheit. Intuitives Erkennen in der Soziologie

Hubert Knoblauch (Berlin)

Auf dem Weg zu einer empirischen Wissenschaftstheorie

 

Folgt man üblichen Betrachtungen des Begriffsgebrauchs, dann bezieht sich der Begriff der Gewissheit auf (subjektive) Überzeugungen oder Annahmen des Zutreffens von Sachverhalten, während der Begriff der Wahrheit sich auf das tatsächliche Zutreffen bezieht, das entlang spezifischer Kriterien feststellbar ist. Eine solche Grundunterscheidung wird freilich dann und häufig unterlaufen, wenn man sich "Gewissheit verschafft", wenn also Prüfverfahren zum Einsatz kommen, welche die Annahme des Zutreffens in den Nachweis des Zutreffens überführen. Solche Prüfverfahren können als Strategien der Erzeugung von "Sicherheit" durch "Beweismittel" verstanden werden, die ihrerseits in ganz unterschiedlicher Weise konstituiert werden können: als Augenschein und sinnliche Wahrnehmung, als Durchführung eines Experimentes, als Vollzug von geordneten Verfahren, als logisch konsistenter Argumentationsgang, als "Stimmigkeit" innerhalb eines (kosmologischen, religiösen) Deutungsrahmens. "Gewissheit" und "Wahrheit" beziehen sich dabei nicht auf beliebige Formen oder Gebiete des Wissens, sondern auf Wissen über ein spezifizierbares "So und nicht anders sein" von Wirklichkeiten. Für dessen Prüfung stehen konsentierte Verfahren bereit. Deren Einsatz kann die Gewissheit in (Selbst)Täuschung, die Wahrheit in Falschheit überführen. Verfahren der Konsentierung unterscheiden sich nach sozialen Einbettungen und Graden der Explikation. Religiöse Kosmologien setzen auf Glaube und Transzendenz, polizeilich- juristische oder journalistische Fallaufklärung auf Indizienketten, wissenschaftliche Forschung auf systematisierte Erkenntnissuche und Falsifikation, politisch- ideologische Überzeugungen auf die normative „Richtigkeit“ des Weltbildes; die (unter Bedingungen der digitalen Welt zunehmend virtuellen) Gesinnungsgemeinschaften "der Überzeugten" liefern für Letzteres exemplarische Beispiele.

In wissenschaftlichen Wissenskulturen kann die "Wahrheit" bzw. "Angemessenheit von Aussagen" (als deren begründete Geltung relativ zu bzw. in einem spezifischen situierten Aussagezusammenhang) durch methodisch angeleitete Verfahren hergestellt und geprüft werden. Dabei muss unweigerlich mit der Gewissheit operiert werden, dass die Verfahren der Prüfung (hinlänglich) "funktionieren". Auch wenn die wissenschaftliche Haltung durch den permanenten Zweifel gekennzeichnet ist, so muss dieser Zweifel doch immer wieder (vorläufig) suspendiert werden, wenn Aussagen nicht nur logisch kohärent sein sollen, sondern am (und zum Teil auch gegen den) "Widerstand der Gegenstände" empirisch gewonnen, überprüft und mit Geltungsanspruch versehen werden. Es kann an allem gezweifelt werden, aber nicht, oder doch nur vorübergehend und bis auf ein pragmatisch Weiteres, an den Verfahren der Prüfung von Zweifeln selbst – sofern und solange wissenschaftliche Aussagen nicht ohnehin der Beliebigkeit oder schieren Definitionsmachtverhältnissen anheimgestellt werden sollen.

Die gesteigerten Spezialisierungen, Konkurrenzbedingungen, Beschleunigungen und Fragmentierungen der wissenschaftlichen Wissensproduktion bringen erwartbar und unweigerlich mehr Fälschungen und Nachlässigkeiten mit sich, ganz abgesehen davon, dass selbst innerhalb von wissenschaftlichen "Gewissheitsgemeinschaften" sowohl der Wille als auch die Ressourcen der Prüfung fehlen können. Die Gewissheitsannahme bleibt wissenschaftsintern auf das "beste Wissen und Gewissen" derjenigen angewiesen, die eine Aussage hervorbringen. Darüber hinaus wird die Frage, was denn als "gewiss" angenommen werden kann, im Kontakt der Weltkulturen und angesichts der wechselseitigen Entgrenzungen von Wissenschaft und Gesellschaft zunehmend virulent – zumindest verlässt sie die Bahnen, die durch die historische globale Dominanz einer modernen, okzidentalen Epistemologie und der dieser mittlerweile attestierten, ihrerseits kontrovers diskutierten Zentrismen (Logo-, Ethno-, Andro-, Anthropozentrismus) vorgezeichnet waren. In der sich globalisierenden und zugleich fragmentierten Wissenschaftslandschaft der Gegenwart, in der ganz unterschiedliche wissenschaftliche Wissenskulturen aufeinandertreffen, stellt sich daher die Frage nach dem Verhältnis von Gewissheit und Wahrheit in den Wissenschaften in historisch neuer Weise. Eingeladen sind theoretisch, methodologisch und empirisch orientierte Beiträge, die sich mit dem Verhältnis von Gewissheit und Wahrheit in der Soziologie und anderen Disziplinen beschäftigten. Mögliche Fragen bzw. Themen für Beiträge wären:

 

  • Welche Momente des Forschungsprozesses arbeiten mit Gewissheitsannahmen?

  • Welche Verfahren der Konsentierung von Gewissheit finden sich in solchen Forschungen?

  • Wie sind Gewissheit und Wahrheit zueinander relationiert und welche Prüfverfahren des Zutreffens von Annahmen kommen wie zum Einsatz?

  • Ist Wissenschaft ohne Gewissheit möglich?

  • Welche Beziehungen bestehen zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen

    Gewissheitsgemeinschaften, und welchen Veränderungen sind sie

    unterworfen?

  • Was wäre eine angemessene Beschreibung der Wissensform, die in

    wissenschaftlichen Forschungen erzeugt werden: Gewissheiten, Wahrheiten, Interpretationen? Und wie verhalten sich diese Begriffe zueinander, zur "Wirklichkeit" und zu anderen Wissensformen (etwa den Gewissheiten des Alltags)?

  • Wie verhalten sich neue Erkenntnisbewegungen in den Sozial- und Geisteswissenschaften (bspw. als Erkenntnispolitik, als postqualitative Forschung oder "arts based research") zur Frage der Gewissheit bzw. Wahrheit?

 

Bitte senden Sie Ihr Abstract von max. 3000 Zeichen bis zum 31.03.2019 an reiner.keller@phil.uni-augsburg.de und angelika.poferl@tu-dortmund.de.