„Das steht so im Protokoll!“

Die organisationale Produktion von Gewissheit
(Arbeitskreises Interpretative Organisationsforschung)

Sylvia Marlene Wilz

 

Session 3-3: Das steht so im Protokoll …

E 313

Donnerstag, 16:00-18:00 Uhr

 

Christopher Dorn
(Hagen)

„Sicher ist sicher?“ – Wie organisationale Praktiken der Gewissheitsproduktion Unsicherheit bei den Mitgliedern erzeugen

Bettina Grimmer & 

Stephanie Schneider
(beide Siegen)

Praktiken der Vergewisserung in ‚misstrauischen‘ Organisationen. Fallbearbeitung im Jobcenter und im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Simon Egbert 
(Berlin)

Predictive Policing und die (Re-)Produktion organisationaler (Un-)Gewissheiten

Martin Vogel 
(Hannover)

Abwesenheit organisieren – oder: Stellvertretungen als „Gewissheitsproduzenten“?

Wären Organisationen nichts anderes als soziale Gebilde, die arbeitsteilig und geregelt definierte Ziele verfolgten und sich durch Formalität, Rationalität und Unpersönlichkeit auszeichneten – dann könnte man annehmen, sie seien ein Garant für die Produktion von Gewissheit. Zweifelsohne zielt der Vorgang des Organisierens darauf, Unsicherheit zu reduzieren: Organisationen haben eine gewisse Stabilität, sie beruhen erkennbar auf routinemäßigen, wenn nicht standarisierten Abläufen und sie versuchen, ein möglichst hohes Maß an Erwartbarkeit herzustellen – zum Beispiel mit Blick auf ihre Zwecke und Aufgaben, ihre Verfahren und Vorgehensweisen oder die Anforderungen an ihre Mitglieder. Wie andere Sozialformen auch können Organisationen das Problem grundsätzlicher Ungewissheit aber nicht auflösen: Handeln ist auch in Organisationen immer kontingent, organisationale Strukturen und Prozesse unterliegen beständigem Wandel, und Organisationen haben ebenso, wie es in anderen sozialen Kontexten der Fall ist, mit Unerwartetem und Abweichendem zu rechnen.

Um auf diese unvermeidliche Ungewissheit und Zukunftsoffenheit zu reagieren und gleichzeitig Stabilität und Erwartungssicherheit herzustellen, entwickeln Organisationen typische Muster, die auf die Voraussagbarkeit des Handelns zielen. Sie etablieren beispielsweise formale Verfahren, Verfahren der Kontrolle und der Bewertung, sie kennen Maßnahmen der Vertrauensbildung und sie treffen auf dem Weg von Entscheidungen Festlegungen für Anschlusshandlungen und -prozesse. Diese Muster der Produktion von Gewissheit und Handlungssicherheit sind in Organisationsstrukturen verdichtet – und zwar sowohl in der materialen Ordnung als auch in der symbolischen Ordnung: Gewissheit wird hergestellt im Rahmen von formalen Vorgaben, kodifizierten Regeln, Routinen und Standards, und im Rahmen von geteilten Normen und interpretativen Mustern (Giddens 1992).

Das bedeutet, dass das Herstellen von Gewissheit auf der Basis von geteiltem Wissen in Organisationen spezifische Formen des Wissens, der Kommunikation, der praktischen Vorgehensweisen und des Ratifizierens und Konservierens von Gewissheit erfordert (man denke nur an Software, an Praktiken wie Audits, Rankings, Checklisten, Tages- und Geschäftsordnungen, Protokolle, informelle Zusammenkünfte, Vier-Augen-Gespräche oder Telefonate; Groddeck/Wilz 2015, Power 1997, Stinchcombe 2001). Es bedeutet zudem, dass das Wissen, das Gewissheit schaffen kann und soll, eine unterschiedliche Reichweite hat: Es ist nicht für alle in gleichem Maße erkennbar und zugänglich, Akteure sind in unterschiedlichem Maß involviert, und Wissen wird nicht für alle in gleichem Maße und zu jedem Zeitpunkt sichtbar offengelegt und konserviert (Brown/Duguid 2001; Luhmann 1964). Sowohl in sachlicher als auch in zeitlicher und sozialer Hinsicht bleiben Gewissheiten also immer graduell und instabil.

So sehr Organisationen also darauf zielen, Gewissheit herzustellen, sie produzieren gleichzeitig für sich und ihre internen und externen Umwelten immer wieder Ungewissheit: Gewissheit besteht auf der Basis von Routinen und Sozialisation im Sinne ‚tatsächlicher‘, inkorporierter Gewissheit neben ‚behaupteter‘ Gewissheit im Sinne ebenso gelebter, aber prekärer Gewissheit des Handelns, beispielsweise im Modus des „als ob“, im „bootstrapping“ (Ortmann 2004) oder in Form von „hypocrisy“ (Brunsson 1989). Zudem kann Gewissheit immer in Krisen geraten (wann kippt Gewissheit, wann „driften“ (Ortmann 2010) Routinen, wann setzt sich äußere Ungewissheit in innere um?), und genau die Verfahren und Vorgehensweisen, die Gewissheit herstellen sollen, können selbst zur Quelle von Ungewissheit werden – weil sie a) in Frage gestellt werden können, b) im Wandel ihrer Umwelt situiert sind und c) auch Organisationen das Problem der Herstellung von Sicherheit immer nur selektiv bearbeiten können.

Von großem Interesse ist also, empirisch zu untersuchen, wie Organisationen Gewissheit herstellen und wie organisationale Praktiken der Produktion von Gewissheit und des Bearbeitens von Ungewissheit aussehen. Zudem ist es immer wieder wichtig zu klären, wie die skizzierten Charakteristika des Zusammenhangs von Organisation und Gewissheit konzeptionell gefasst werden können. Das betrifft unterschiedliche analytische Ebenen: Organisationen produzieren Ungewissheit für ihre externe und ihre interne Umwelt, gleichzeitig produzieren externe und interne Umwelten Ungewissheit für Organisationen (Luhmann 2006; Weick 2009), und in Organisationen wird das Problem von Un-/Gewissheit auf der Ebene von Strukturen, Prozessen und Praktiken, von Interaktionen sowie auf der individuellen Ebene der Organisationsmitglieder bearbeitet. Zum zweiten sind damit empirische Phänomene angesprochen, die für Organisationen und ihre Mitglieder grundsätzlich und in besonderem Maße ungewissheitsgenerierend sind – zum Beispiel die Frage der Regulierung von Mitgliedschaft (etwa mit Blick auf lang- oder kurzfristige Beschäftigungsorientierungen oder das Herstellen von Bindung und Identität). Zum dritten sehen sich Organisationen in historisch spezifischen Situationen mit Phänomenen konfrontiert, die in besonders eindrücklicher Weise mit Ungewissheiten und der daraus resultierenden Notwendigkeit der angemessenen Produktion von Gewissheit verbunden sind: Aktuell wäre hier etwa an den „Dieselskandal“ (als Ausdruck der wechselseitigen Produktion von Ungewissheit zwischen Unternehmen, Politik und Gesellschaft) zu denken, an die Debatten um ‚fake news‘ und die Frage, wie Organisationen mit dem Wandel von Wissen und Wissensformen umgehen, an Prozesse der Digitalisierung und damit verbundene neue Anforderungen an Informationssicherheit und Datenschutz, aber auch an Herausforderungen für Organisationen, die seit längerem andauern, wie die Konsequenzen immer neuer Informations- und Kommunikationstechnologien oder die Folgen von Globalisierung und interkultureller Kooperationen und Abstimmungsnotwendigkeiten.

All diese Aspekte des Themas „Gewissheit“ möchte der Arbeitskreis „Interpretative Organisationsforschung“ mit Blick auf theoretisch-konzeptionelle Fragen und mit Blick die empirische Analyse von Praktiken des Herstellens von Un-/Gewissheiten in Organisationen diskutieren. Vorschläge für einen Beitrag zu dieser Veranstaltung erbitten wir bis zum 31.03.2019 an Sylvia Marlene Wilz, Fern Universität in Hagen (sylvia.wilz@fernuni-hagen.de).

Literatur:

Brown, J. S., Duguid, P. (2001): Knowledge and organization: A social-practice perspective. Organization Science 12(2): 198-213.

Brunsson, N. (1989): The organization of hypocrisy: Talk, decisions, and actions in organizations. Chichester, New York: Wiley.

Groddeck, V. v., Wilz, S. M. (Hg.) (2015): Formalität und Informalität in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS.

Giddens, A. (1992): Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Campus Verl.

Luhmann, N. (1964): Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin: Duncker & Humblot.

Luhmann, N. (2006): Organisation und Entscheidung. Wiesbaden: VS Verl.

Ortmann, G. (2004): Als ob. Fiktionen und Organisationen. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften.

Ortmann, G. (2010): On drifting rules and standards. Scandinavian Journal of Management 26(2): 204-214.

Power, M. (1997): The audit society. Rituals of verification. Oxford: Univ. Press.

Stinchcombe, A. L. (2001): When formality works: Authority and abstraction in law and organizations. Chicago: Univ. of Chicago Press.

Weick, K. E. (2009): Making sense of the organization: The impermanent organization. Chichester: Wiley.