Die kommunikative Konstruktion von (Un-)Gewissheit

Die kommunikative Konstruktion von (Un-)Gewissheit


Oder: Über den Um- und Rückbau der institutionellen Ordnung
des Polizierens im Kontext breiterer Governance-Trends
(AK Polizieren)

Jo Reichertz & Peter Stegmaier

Session 5-2: Die kommunikative Konstruktion von (Un-)Gewissheit

E 414

Freitag, 09:00-11:00 Uhr

 

Peter Stegmaier (Twente)

Einführung

Nathalie Pasche,

Nora Locher,

Esteban Piñeiro &

Martina Koc 
(alle Muttenz, CH)

Neue Akteure der Ordnungsherstellung am Beispiel der „ordnungsdienstlichen Sozialarbeit“ in der Schweiz

 

Bernadette Hof 
(Halle-Wittenberg)

Ordnungskonstrukte gewerblicher Sicherheitsdienstleister

Jo Reichertz
(Essen)

Verändern die digitalen Informations- und Kommunikationsmedien die polizeiliche Ermittlungsarbeit?

 

Institutionen und Handlungsformen, auch die zur Herstellung gesellschaftlicher Ordnung und Führung (wie Polizei, Politik, Wissenschaft, Medien) sind immer im Wandel begriffen. Mitunter geschieht dieser Wandel (a) schnell und sprunghaft oder (b) läuft gar auf Diskontinuität bisher gepflegter Strukturen hinaus. Neben Weiterentwicklung (Kontinuität) kommt es zu Abwicklung (Diskontinuität). So werden Veränderungen zum Beispiel politisch just dann lanciert und als besonders legitim herausgestellt, wenn es jüngst Vorfälle gab, auf die mit „verschärften Maßnahmen“ reagiert werden soll, wie nach terroristischen Anschlägen oder stark in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückten Gewaltverbrechen. Oder es werden bestimmte gesetzlichen Vorgaben gezielt abgeschafft (Gesetze aufgehoben), abgewickelt (z. B. Gegenstände der Treuhandarbeit) oder diskontinuiert (Auflösung von Regierungsbezirken, Atomausstieg, Glühbirnenverbot, Divestment von finanziellen Anlagen in fossilen Energieträgern, um nur wenige Beispiele zu nennen). Polizeireformen, Politikwandel, Medienumbrüche, der Wandel von Status und Rolle der Wissenschaften gehen einher mit der Umstellung auf Verfahren und -strukturen, die auf Governance hin angelegt sind, zur Koordination und Kooperation im Umgang mit spezifischen Bereichen gesellschaftlicher Ordnung selbst (statt Annahme der Möglichkeit, überall „Steuerung“ betreiben zu können mit der Gewissheit auf Wirkung) bieten für diese Prozesse hinreichend Anschauungsmaterial.

Die Gegenprobe gilt es ebenfalls anzustellen: Wo passieren markante Ereignisse und baut sich starker Veränderungsdruck auf, ohne dass jedoch Anpassungen erfolgen oder Regime des Umgangs mit Problemen beendet werden (zu denken ist hier etwa an die bei zahlreichen Schlüsselakteuren zu beobachtende Untätigkeit und Abschieben von Verantwortung im Dieselskandal, das Wegsehen von den Umständen in Flüchtlingslagern in Griechenland oder bei der Flucht über das Mittelmeer, die Ausbeutung von Migranten in der italienischen und spanischen Landwirtschaft, die Tolerierung mafiöser Strukturen in weiten Teilen der Wirtschaft und Kommunen, Umwelt- und Technikprobleme wie marode Kernkraftwerke in der Grenzregion zu Belgien und Frankreich oder das langjährige Gewährenlassen der Giftmülldeponie Ihlenberg in Mecklenburg-Vorpommern trotz Verdachts auf Grenzwertüberschreitungen).

In den hier angeführten Beispielen lassen wir bewusst die Grenzen zwischen Polizieren im engeren Sinne und anderen Gegenständen von Politik, Wissenschaft und Medien offen. Es geht uns darum, den Wandel der Gewissheiten beim Polizieren nicht nur als Frage der Polizei zu begreifen, sondern im Verhältnis zu anderen und breiteren Entwicklungen der Herstellung, Stabilisierung, Erhaltung und Auflösung von Ordnung. Wir möchten Polizieren im gesellschaftlichen Kontext untersuchen, und wir möchten Ordnungsarbeit auch – wo angemessen – im Sinne des in der Praxis immer wichtiger werdenden Governance-Ansatzes zu hinterfragen, da gerade hinter dem Siegeszug dieses Konzepts in der Praxis einige der wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Veränderungen stecken dürften.

Die Frage ist, ob dieser Umbau der institutioneller Ordnung des Polizierens und der Governance neue Gewissheiten und damit Sicherheiten oder mehr Ungewissheit und damit auch mehr Unsicherheiten produziert und mit welchen zentralen (soziologischen) Konzepten der Wandel gerechtfertigt wird (etwa schnellerer Kulturwandel institutioneller Ordnungen durch Reformen, Krisenherausforderungen; Medialisierung/Mediatisierung, komplexe Mehrebenenprozesse durch Globalisierung/Europäisierung oder Verknüpfungen von privatunternehmerischen Wirtschafts- und staatlich-öffentlichen Verwaltungslogiken). Veränderungen der Ordnung und der Ordnungsherstellung bringen erfahrungsgemäß stets auch Veränderungen der Wissensordnungen mit sich.

Veränderungen der Ordnung und der Ordnungsherstellung betreffen aber auch Formen der Governance-Kommunikation und der Verfügung über die Medien der Kommunikation. Insofern ist (mediale) Kommunikation nicht nur ein zentrales Mittel zum Umbau, Abbau wie Aufbau von (Un-)Gewissheit als auch jeder Art von Legitimation, sondern auch Ausdruckdieses Prozesses: Die Ersetzung der überwiegend oralen Kultur der Fallbearbeitung in fast allen staatlichen wie privaten Organisationen durch Softwarepakete, die einen zwingenden Blick auf die Fallbearbeitung und den Arbeitseinsatz entfalten, führt zu neuen Gewissheiten wie neuen Ungewissheiten. Da also Kommunikation grundlegend an allen Prozessen der Konstruktion von (Un-)Gewissheit beteiligt ist, macht es Sinn, diese Prozesse der kommunikativen Konstruktion von (Un-)Gewissheit empirisch wie theoretisch zu beleuchten.

Ziel der Veranstaltung ist zu diskutieren,

 

  • wie die Veränderung der Wahrnehmung, Definition und Kategorisierung der

    bestehenden Ordnung und deren Institutionen kommunikativ geschaffen wird;

  • wie es zu einer kommunikativen Delegitimierung alter Institutionen kommt und wie

    die Umstrukturierung legitimiert wird;

  • wie die alte Gewissheit einer Ordnung zur Ungewissheit wird und es dann zu einem

    teilweisen Glauben an die Gewissheit der Neuordnung kommt

  • und wie mit Blick auf Polizieren die gesellschaftlichen Begleitumstände und breiteren Trends in – empirisch rekonstruierbarer – Wechselwirkung stehen.

 

Mit dieser Veranstaltung des AK Polizieren soll der Versuch unternommen werden, eine Gegenwartsdiagnose der aktuellen Wandlungsprozesse von Governance zu entwerfen, welche auch die Bedeutung der Kommunikation und der Medien einbezieht.

Die Organisatoren des Arbeitskreises Polizieren freuen sich über Einreichungen, die das Thema der Gewissheit anhand eigener theoretischer und/oder empirischer Arbeiten diskutieren.

Wir bitten um einen aussagekräftigen einseitigen Abstract bis zum 31.03.2019 an Jo Reichertz (Jo.Reichertz@kwi-nrw.de) und Peter Stegmaier (p.stegmaier@utwente.nl).