Fraglosigkeit in Frage stellen

Fraglosigkeit in Frage stellen


Herausforderungen der ethnographischen Erkundung kulturtypischer Konstruktionen von Gewissheit
(AK Ethnographie)

Paul Eisewicht & Peter Stegmaier

Session 3-4: Fraglosigkeiten in Frage stellen … 1/3 

E 314

Donnerstag 16:00-18:00 Uhr

 

Nathalie Schwichtenberg
(Berlin)

Vertrauen in Wissen. Gedanken zu einer vergleichenden ethnographischen Feldstudie zum Verständnis der kulturtypischen Konstruktion von Un-/Gewissheit in der Wissensproduktion

Florian Elliker
(St. Gallen)

Gewissheiten aushandeln, Ungewissheit aushalten. Zum Verhältnis von Prekarisierung und (ethnischer) Vielfalt im Kontext gesellschaftlicher Transformation

Thorsten Benkel (Passau)

Dekonstruktion der Gewissheit. Ethnographische Recherchen in Produktionsstätten religiöser Bastelexistenz

 

 

Session 4-1: Fraglosigkeiten in Frage stellen 2/3

E 113

Freitag, 09:00-11:00 Uhr

 

Lilian Coates 

(Mainz)

Gewissheit und Gewissen. Loyalitätskonflikte in der Ethnographie

Max Kaufmann 
(Hagen)

Ungewissheit systematisch nutzen – Mediatisierte Personalauswahl in sozialen Netzwerken

Marc Strotmann (München)

Im Zweifel für den Zweifel? Zum Standort des Erzählers in der zeitgenössischen Ethnographie

 

Session 5-1: Fraglosigkeit in Frage stellen … 3/3 

E 113

Freitag, 11:00-13:00 Uhr

 

Max Gropper (Bayreuth)

Der Fremde und die Gewissheit der Ungewissheit: Zur Typisierung  des Anderen in der phänomenologisch orientierten ethnographischen Forschung

Christine Keller (Dortmund/Heidelberg)

„Warten auf…“ – Konfrontation mit dem Sosein des Wartens

Tania Günther (Koblenz)

Konversion zur Hochsensibilität. Zur charismatischen Transformation beschädigter Identitäten

 

 

Ethnographien arbeiten sich an den Welten und Welt(an)sichten der Menschen, mit denen sie zu tun haben, ab und erarbeiten dabei dichte Beschreibungen dieser Welten. Und vielleicht liegt im Bestreben, das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden zu finden, es vergleichend und deutend zu verstehen, die besondere Sensibilität ethnographischer Forschung für die Pluralität und Konstruktionsnotwendigkeit sozialer Lebenswelten begründet.

Insbesondere die soziologische Ethnographie folgt dabei im Kern einer einfachen Losung: fremde Welten der eigenen Gesellschaft zu erschließen und (durch Teilnahme, Beobachtung und Gespräche mit den Bewohnern dieser fremden Welten) zu beschreiben. Dabei werden typischerweise Gewissheiten (mehr noch als das ‚bloße‘ Wissen) der Menschen in der forschungspraktisch handhabbar gemachten Welt – das, was wir als „das Feld“ der jeweiligen Ethnographie bezeichnen – für Außenstehende durch die Forschungsarbeit prinzipiell verstehbar gemacht (warum, was für wen, wann und wie fraglos gültig, d. h. gewiss wird). Vermeintliche Gewissheiten über das Feld (man wüsste schon, warum, was für wen, wann und wie fraglos gültig ist) werden im Zuge dessen hinterfragt und kontrastiert. Wo Gewissheiten des Feldes und Ungewissheiten der Forschenden aufeinandertreffen, können Lernprozesse zumindest bei den Forschenden einsetzen – und wenn die Beforschten die Forschung rezipieren, auch bei diesen. Ethnographisches Forschen ist so verstanden immer auch ein Prozess der Vergewisserung.

Dazu, die Perspektive der Menschen im Feld und die dahinter vermutete soziale (Lebens-) Welt zu erfassen, liegt mittlerweile eine Vielzahl an ethnographischen Programmen vor, derer sich Forschende bedienen (können). Aus der Wahl des als adäquat vermeinten Feldzugangs und des methodischen Vorgehens, welches die Positioniertheit der Ethnographinnen und Ethnographen bedingt, resultiert einerseits eine relative Gewissheit der Forschenden, dass sie das Richtige tun: d. h. dass sie in der Passung von Feld, Forschungsfrage, Theorie und Methode sinn- und möglichst auch kausal-adäquate Aussagen treffen können. Andererseits ist im prinzipiellen methodischen Zweifel der Forschenden stets auch die Ungewissheit darüber impliziert, ob das jeweilige Vorgehen angemessen ist. Mit besonderer Schärfe stellt sich dabei die Frage, ob bestimmte situative Forschungsstrategien bzw. ob überhaupt die generelle Forschungsentscheidung geeignet sind dafür, die Perspektive der Beforschten in den Blick zu bekommen – insbesondere dann, wenn es dabei um deren implizite Gewissheiten geht.

Ganz vereinfacht und zugespitzt formuliert – und unbeschadet anderer Konzeptionen – lässt sich dazu ein eher phänomenologischer von einem eher hermeneutischen Lösungsvorschlag unterscheiden: Der eher phänomenologische Lösungsvorschlag basiert auf „eidetischer Reduktion“, d.h. auf der Klärung der Frage danach, was an etwas, wovon ich Bewusstsein habe, das Wesentliche bzw. das es strukturell Bestimmende ist: Das je Intendierte wird dabei seiner Konkretionen entkleidet – phänomenologisch: es wird reduziert – bis sein unveränderlicher Kern (also eben seine Struktur, sein Wesen) erkannt ist. Eidetische Reduktionen auf der Basis der Variation konkreter Gegebenheiten sind das, was Ethnographinnen und Ethnographen, die sich als phänomenologisch orientiert verstehen, vor allem durchführen: sie klammern eigene Vorannahmen und Vorurteile (vulgo: Gewissheiten) qua eidetischer Reduktion und Variation aus. Der eher hermeneutische Lösungsvorschlag basiert darauf, die ins Feld mitgebrachten Vorannahmen und Vorurteile (vulgo: Gewissheiten) des bzw. der Forschenden zu explizieren, qua Feldkontakt zu irritieren und aus diesem ‚Dialog‘ heraus reflexiv zu hinterfragen. Der eher hermeneutische Lösungsvorschlag zielt dem damit verbundenen Erkenntnisanspruch nach weniger auf eine als adäquat begriffene Erfassung des Feldes ab als vielmehr auf die Erfassung des Feldes aus einem bestimmten Dialog heraus, die dann im Diskurs weiter dialogisch reflektiert und überformt werden kann. Solcherlei konzeptionelle Differenzen machen augenscheinlich, dass sich die Frage nach den Fraglosigkeiten keineswegs nur an das je ‚in Frage stehende‘ Feld stellen lässt, sondern dass auch die von den Forschenden begangenen Wege relativer Erkenntnisgewissheiten Gegenstand der für diese Veranstaltung in Betracht kommenden Beiträge sein kann bzw. sein soll.

Das Thema Gewissheiten trifft damit einen Kern ethnographischen Arbeitens – nämlich die Gewissheiten der Menschen im Feld, die Frage, wie Wissen im Feld zu fraglosen Selbstverständlichkeiten wird und mit welchen Folgen Gewissheiten verschiedener Menschen in verschiedenen Rollen in Feldern aufeinanderprallen, konkurrieren und um Geltung ringen. Es trifft aber auch den Kern jeder/jedes interpretativ Forschenden, wenn es um die Frage geht, wie wir mittels bestimmter Methoden Gewissheit über das Feld und die Menschen darin erlangen und wie Forschende mit Ungewissheiten (in der Methodenwahl, aber auch in der Anwendung der jeweiligen Erhebungs- oder Auswertungsmethode) umgehen, gerade angesichts der zunehmenden Pluralisierung von Verfahren (und damit potentiell zunehmender Unübersichtlichkeit und Unsicherheit).

Die Organisatorinnen und Organisatoren des Arbeitskreises Ethnographie freuen sich über Einreichungen, die das Thema der Gewissheit in der ethnographischen Forschung anhand eigener ethnographischer Arbeiten oder/und methodologischer Überlegungen diskutieren. Wir bitten um einen aussagekräftigen einseitigen Abstract bis zum 31.03.2019 an Paul Eisewicht (paul.eisewicht@tu-dortmund.de) und Peter Stegmaier (p.stegmaier@utwente.nl).