Neutrale Dritte in Interaktion(en)

Neutrale Dritte in Interaktion(en)


(AK Interaktionsforschung)

Justus Heck & Florian Muhle

Session 1-5: Neutrale Dritte in Interaktion 1/2

E 114

Freitag, 09:00-11:00 Uhr

 

Florian Muhle 
(Bielefeld) &

Justus Heck 
(Bielefeld) 

Eine kurze Einführung

Carina Liebler 
(Marburg)

Paradoxien richterlicher Unvoreingenommenheit

Katherina 
Charlotte Lampe 
(Bielefeld)

„Der Schiri ist keine Pfeife – fair geht vor!“ Funktionen und Folgen der Schiedsrichter entscheidungen im Handball

Florian Muhle 
(Bielefeld)

Fußball ohne neutralen Dritten. Empirisch begründete Überlegungen zur Entscheidungsfindung und Konfliktlösung im Alternativfußball

 

Session 4-2: Neutrale Dritte in Interaktion 2/2 

E 114

Freitag, 11:00-13:00 Uhr

 

Peter Münte
(Bern)

Vom unparteiischen, über den allparteilichen zum manipulierenden Dritten. Theoretische und empirische Aspekte mediatorischen Handelns

Paul Eisewicht
(Dortmund)

Die Rückkehr des Beraters? Kaufberatende Dritte im Online-Shopping

Joachim Fischer
(Dresden)

Neutrale Dritte zwischen individuellen und zwischen kollektiven Akteuren. Zum analytischen Potential einer Sozialtheorie der Tertiarität

Justus Heck
(Bielefeld)

Die Inventionen neutraler Dritter zwischen Akzeptanzbeschaffung und kritischer Beobachtung

 

Seit einigen Jahren ist in der Sozialtheorie wieder ein vermehrtes Interesse an der Relevanz des Dritten für Konstitution und Wandel sozialer Zusammenhänge zu erkennen (Bedorf et al. 2010; Lindemann 2010; Göbel 2011). In diesem Kontext werden ganz unterschiedliche „Grundfiguren des Dritten“ (Bröckling 2010: 168) unterschieden, die in je eigener Weise dazu beitragen Ego-Alter-Beziehungen zu transformieren. Der Hinzutritt des Dritten kann dabei einerseits stabilisierende und für Gewissheit sorgende Wirkungen auf dyadische Beziehungen entfalten, wenn er z.B. hilft Verhalten als Kommunikation zu interpretieren (Lindemann 2006). Andererseits zeitigen Dritte aber auch desintegrierende und Ungewissheit generierende Wirkungen, wenn sich Parteien etwa auf die Konkurrenz um das richterliche Urteil einstellen (Luhmann 1999: 107) oder versuchen mit Hilfe von Täuschung des Dritten Vorteile zu erzielen (Heck 2019).

Aus theoretischer Perspektive haben sich Soziologinnen und Soziologen im Anschluss an Simmel unter anderem mit der Rolle von Dritten unter Bedingungen von Konflikt und Konkurrenz befasst (Simmel 1908; Aubert 1963; Werron 2010). Sie haben gezeigt, dass neutrale Dritte in besonderer Weise Voraussetzung vieler Konflikte und Konkurrenzen sind, gleichzeitig aber die Bedingungen grundlegend transformieren, unter denen Kontrahenten streiten oder konkurrieren (Heck 2016, 2019). In Kampfsituationen gelten die üblichen Gewissheiten normkonformen Verhaltens des Gegenübers weit weniger als sonst. Eine wichtige Aufgabe neutraler Dritter scheint es daher zu sein, für Gewissheit in Bezug auf die Geltung und Sanktionierung von Normen zu sorgen. Sie überwachen implizit oder explizit Interaktionsnormen, bestrafen Regelbrüche oder entscheiden in umstrittenen Situationen. Darüber hinaus haben die Streitparteien eine größere Gewissheit, dass ihr Handeln in Anwesenheit Dritter nicht unbemerkt und folgenlos bleibt, wodurch auch das Verhalten von Streitparteien ‚zivilisiert‘ und offene Konflikte einhegt, wenn nicht gar vermieden werden (Garcia 1991; Stok 1930) Bedingung für diese Transformation ist die Neutralität der Dritten, die jedoch nicht einfach institutionell gegeben ist, sondern interaktiv hergestellt werden muss. Hierauf verweisen insbesondere empirische und in erster Linie konversationsanalytische Arbeiten zu einzelnen Rollen neutraler Dritter wie Richtern, Mediatoren oder Journalisten. Sie arbeiten heraus, wie Vertreterinnen und Vertreter dieser Rollen ihre Neutralität darstellen und welche Schwierigkeiten sie hierbei bearbeiten müssen (Atkinson 1992; Clayman 1992, 2002; Jacobs 2002; Scheffer 2001).So ziehen die Parteien zuweilen die Neutralität der Dritten in Zweifel oder unterminieren sie sogar aktiv durch Versuche des ‚auf die eigene Seite- Ziehens‘. Das heißt, die Neutralität der Dritten ist – wenn auch institutionell abgesichert – keineswegs gewiss, sondern ebenso wie der Streit, in welchem sie intervenieren, Gegenstand kontinuierlicher Aufführung und Aushandlung.

Diese Problematik wollen wir im Rahmen der Veranstaltung näher in den Blick nehmen und dabei versuchen, die von Simmel inspirierte Soziologie des Dritten auf der einen und die entsprechenden Arbeiten der Konversationsanalyse auf der anderen Seite stärker als bisher aufeinander zu beziehen. Unter der Berücksichtigung beider Stränge zielt die Veranstaltung dabei darauf ab, das Wissen über neutrale Dritte in Interaktion(en) zu vertiefen. Dabei können folgende (aber auch weitere) Aspekte im Vordergrund der Beiträge stehen:

 

 

  • Welchen Unterschied machen neutrale Dritten für die Art und Weise, wie Parteien streiten oder konkurrieren?
  • Inwiefern trägt die triadische Interaktion zur Vergewisserung des Handelns und Entscheidens neutraler Dritter bei? Inwiefern erschwert die Interaktion ihre ‚Arbeit‘?

  • Wie transformieren neutrale Dritte bestehende (Un-)Gewissheiten der dyadischen Interaktion?

  • Wenn neutrale Dritte Instanzen einer erfolgreichen Bearbeitung von Konflikten und Konkurrenzen sind, schaffen sie nicht auch zusätzliche Probleme? Wenn ja, welcher Art sind diese Probleme?

  • Was sind typische Krisen in den beschriebenen Dritten-Konstellationen?

  • Wie stellen neutrale Dritte ihre Neutralität interaktiv dar und her? Ist die Neutralität eine formalisierte Norm oder eine implizite Erwartung? Inwiefern sind Verstöße gegen die Neutralität folgenlos oder entschuldbar? Inwieweit ist die Erwartung von Neutralität institutionell abgestützt?

  • Welchen Bearbeitungsfokus haben die jeweiligen Dritten-Rollen? Bearbeiten sie einen Streit im Namen des Volkes, moderieren sie nur eine Interaktion, versuchen sie Personenänderungen auf einer oder beiden Seiten zu erreichen? Wie verändert sich das Handeln neutraler Dritter je nach Bearbeitungsfokus?

 

Bitte schicken Sie ihre Abstracts bis zum 31.03.2019 im Umfang von bis zu 2 Seiten an Justus.Heck@uni-bielefeld.de und Florian.Muhle@uni-bielefeld.de

 

Anmerkungen:

1 Für weitere Literatur dazu siehe Heck (2016).

 

Literatur:

Atkinson, J. M. (1992): Displaying neutrality: formal aspects of informal court proceedings, in: Drew, P.; Heritage, J. (eds.), Talk at work: interaction in institutional settings, Cambridge, 199–211.

 

Aubert, V. (1963): Competition and Dissensus: Two Types of Conflict and of Conflict Resolution, In: The Journal of Conflict Resolution, 7 (1), 26–42.

Bedorf, T./Fischer, J./Lindemann, G. (eds.) (2010): Theorien des Dritten. Innovationen in Soziologie und Sozialphilosophie, München [u.a.].

Bröckling, U. (2010): Gesellschaft beginnt mit Drei. Eine soziologische Triadologie, in: Bedorf, T.; Fischer, J.; Lindemann, G. (eds.), Theorien des Dritten. Innovationen in Soziologie und Sozialphilosophie, München [u.a.], 161–183.

Clayman, S. E. (1992): Footing in the achievement of neutrality: The case of news interview discourse, in: Drew, P.; Heritage, J. (eds.), Talk at work: interaction in institutional settings, Cambridge, 163–198.

Clayman, S. E. (2002): Disagreements and third parties, In: Journal of Pragmatics, 34 (10-11), 1385–1401. Garcia, A. (1991): Dispute Resolution Without Disputing: How the Interactional Organization of Mediation
Hearings Minimizes Argument, In: American Sociological Review, 56 (6), 818–835.

Göbel, A. (2011): Dritter Sein / Being the Third, In: Zeitschrift für Soziologie, 40 (2), 142–155.
Heck, J. (2016): Der beteiligte Unbeteiligte. Wie vermittelnde Dritte Konflikte transformieren, In: Zeitschrift
für Rechtssoziologie, 36 (1), 58–87.

Heck, J. (2019): Die Angst des Schiris vor dem Elfmeter. Zur Interaktionssoziologie des Fußballspiels, In:
Sport und Gesellschaft. Zeitschrift für Sportsoziologie, Sportphilosophie, Sportökonomie,
Sportgeschichte, 16 (1).

Jacobs, S. (2002): Maintaining neutrality in dispute mediation: managing disagreement while managing not
to disagree, In: Journal of Pragmatics, 34 (10), 1403–1426.

Lindemann, G. (2006). Die Emergenzfunktion und die konstitutive Funktion des Dritten: Perspektiven einer
kritisch-systematischen Theorieentwicklung. In: Zeitschrift Für Soziologie, 35 (2), 82–101.

Lindemann, G. (2010): Die Emergenzfunktion des Dritten - ihre Bedeutung für die Analyse der Ordnung
einer funktional differenzierten Gesellschaft, In: Zeitschrift für Soziologie, 39 (6), 493–511.

Luhmann, N. (1999[1981]). Ausdifferenzierung des Rechts: Beiträge zur Rechtssoziologie und
Rechtstheorie. Frankfurt am Main.

Scheffer, T. (2001): Asylgewährung. Eine ethnographische Analyse des deutschen Asylverfahrens, Stuttgart.
Simmel, G. (1908): Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/document/54620/1/ssoar-1908-simmel-Soziologie__
Untersuchungen_uber_die.pdf.

Stok, W. (1930): Zur Soziologie der dreigliedrigen Gruppe, In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 88 (3), 522–544.

Werron, T. (2010): Direkte Konflikte, indirekte Konkurrenzen / Direct Conflict, Indirect Competition, In: Zeitschrift für Soziologie, 39 (4), 302–318.