Selbstermächtigung: Medienwissenschaftliches Forschungsthema

DER BÜRGER HAT DAS WORT. POLITISCHE SELBSTERMÄCHTIGUNG IN TWITTER UND FACEBOOK?

Durch die „neuen“ (Internet-)Medien ergeben sich nun nicht nur neue Wege der politischen Inszenierung, sondern auch – in diesem Ausmaß bisher nicht mögliche – Einblicke in die Politikaneignung und „kommunikative Selbstermächtigung“ von Bürgern / Wählern. In unterschiedlichen Kommunikationsformen haben Nutzer die Gelegenheit, mittels Kommentaren, Anregungen oder neuen Dokumentations-Werkzeugen am politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess zu partizipieren, wenn nicht sogar zu beeinflussen oder in neuen Netzwerken ihre eigenen Diskurse zu gestalten. In jüngerer Zeit sind insbesondere Facebook und Twitter ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, zeigen doch u.a. der „Fall Guttenberg“, „Stuttgart 21“ oder „Occupy Wallstreet“ sehr eindrücklich, dass durch die Netzwerkbildung bestimmter Gruppen politische Diskurse initiiert oder zumindest mit nachhaltigen Konsequenzen verstärkt werden können.

In unserer Forschung soll es darum gehen, Kommentare von Usern zu politischen Akteuren, Parteien oder Institutionen in eben diesen sozialen Netzwerken – am Beispiel von Facebook und Twitter – mit unterschiedlichen Methoden (z.B. Text- und Gesprächsanalyse, Diskursforschung, Frameanalyse, GABEK) an Fallbeispielen zu analysieren. In solchen Netzwerken gibt es einen empirischen Zugriff auf Sprachhandlungen und Stile des Kritisierens von Autorität, des Selbstzuschreibens von Kompetenz, des Vergemeinschaftens gegen „die da oben“, des strategischen Strebens nach Dominanz und Diskursmacht innerhalb solcher Szenen / Subkulturen und vieles mehr.

Voraussetzung für ein angemessenes Verständnis dieser Praktiken ist, die neuen Kommunikationsformen und (Teil-)Öffentlichkeiten strukturell zu verstehen, um ihre Potenziale oder auch Problematiken für den politischen Prozess diskutieren zu können. Wer kommuniziert dort mit wem? Was für eine Art von Kommunikation findet dort eigentlich statt? Warum und wozu äußern sich zum Beispiel Bürger in aller Öffentlichkeit so despektierlich über Autoritäten, als ob sie im privaten Wohnzimmer oder am Stammtisch säßen, ungeachtet möglicher juristischer Konsequenzen? Haben wir hier wirklich eine Form von Selbstermächtigung vor uns?

Politische Kommunikation ist ein Forschungsfeld etlicher Koblenzer Medien- und Kulturwissenschaftler. An diesem Thema beteiligt sind Prof. Dr. Michael Klemm, apl. Prof. Dr. Helmut Ebert, apl. Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke und Sascha Michel.

Auswahlliteratur:

  • Diekmannshenke, Hajo (2005): Mitwirkung von allen? Demokratische Kommunikation im Chat. In: Jörg Kilian (Hg.): Sprache und Politik. Mannheim: Dudenverlag, 258-277.
  • Diekmannshenke, Hajo (2012): Chatten – Bloggen – Twittern. Möglichkeiten der Partizipation im Internet. In: Jörg Kilian / Thomas Niehr (Hgg.): Politik als sprachlich gebundenes Wissen. Erwerb, Entwicklung und (Aus-) Wirkung politischer Sprache im lebenslangen Lernen und politischen Handeln. Bremen (erscheint)
  • Habscheid, Stephan / Michael Klemm (Hg.) (2007): Sprachhandeln und Medienstrukturen in der politischen Kommunikation, Tübingen.
  • Klemm, Michael (2007): Die feinen Nadelstiche des Vergnügens. Fallstudien zur „widerständigen“ Medienaneignung. In: Michael Klemm / Eva Maria Jakobs (Hgg.). Das Vergnügen in und an den Medien. Interdisziplinäre Perspektiven. Frankfurt am Main u.a., 249-270.