Audiovisuelle Kulturen: Multimodalität

MULTIMODALES ERZÄHLEN, ARGUMENTIEREN, ERKLÄREN. ZUR ANALYSE AUDIOVISUELLER DISKURSE AN DER SCHNITTSTELLE VON POLITIK, WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT

 

Ausgangsfragen: Wie werden bewegte Bilder, Sprache, Ton und andere multimodale Zeichensysteme systematisch aufeinander bezogen, um in aktuellen Mediendiskursen Geschichten zu erzählen, komplexe Sachverhalte zu erklären oder Positionen zu begründen / zu widerlegen? Und wie kann man diese Phänomene systematisch beschreiben und kategorisieren? Wie verändern sich durch die zunehmende Verwendung solcher „Clips“ die Wissenschafts-, Medien- und politische Kultur?

Ausgangssituation: In Fernsehen wie Internet erleben wir derzeit eine zunehmende Dynamisierung. Wo früher etwa Ansagerinnen bedächtig den Programmablauf vorlasen, wird heute in aufwändiger Clip-Ästhetik ein 30-sekündiges Feuerwerk an multimodalen Zeichen geboten, um Sendungen beim Publikum attraktiv zu machen. Wo früher das gesprochene Wort in Diskussionen genügte, wird die Argumentation heute durch komplexe Einspielfilme dynamisiert oder gar ersetzt. Der Trend geht zu immer knapperen und komplexeren Formaten. Das analytisch Reizvolle an solchen Mikro-Genres wie Programmtrailer, Einspieler, (Wahl-)Werbespot, Wissenschaftsanimation oder Kurznachrichtenfilm ist, dass hier hochverdichtet erklärt und argumentiert werden muss, nicht in der epischen und argumentativen Breite eines Dokumentarfilms, sondern in wenigen Sekunden und in eindringlichen Zeichenkomplexen.

Ansatzpunkte: Solche „Clips“ können als gesellschaftliche Diskursfragmente (vgl. u.a. Fraas / Klemm 2005), aber auch als Fenster zur gegenwärtigen „Medienkultur“ (Klemm 2008) interpretiert werden, zeigen sie doch exemplarisch, wie relevante Themen heute in hoher multimodaler Verdichtung präsentiert und popularisiert werden (sollen). Im Fokus des Projekts stehen deshalb vor allem Kurzfilme ("Komprimate" wie z.B. politische Spots, TV-Einspieler, Programmtrailer, Beiträge in Jahresrückblicken) zu Diskursen, die an Schnittstellen von Wissenschaft und Politik ansetzen und in denen gesellschaftlich zentrale Themen mit wissenschaftlichen Argumenten behandelt und entsprechendes Wissen sowie präferierte Einstellungen audiovisuell popularisiert werden sollen (aktuell z.B. bei der sog. "Energiewende"). Typisch für solche Filme ist, dass sie an etablierten Mustern anknüpfen, die das Potenzial zur Attraktion und Emotionalisierung haben, da sie zum Beispiel Topoi der Hoffnung oder Angst aktivieren. Wie diese Erzählungen, Erklärungen und Argumentationen en detail multimodal konstruiert werden und welche Strategien des präzisen „Verwebens“ von Sprache und Stimme mit Bildern und Geräuschen die Macher dabei entwickeln, wollen wir in unserem Projekt erforschen.

Fragestellungen:

  • Was ist die „Botschaft“ eines audiovisuellen Beitrags und wie argumentieren die Produzenten für diese Botschaft?
  • Insbesondere: Mit welchen Modes und Codes erklären / argumentieren sie?
  • Wie können wir die Erklärungen / Argumentation durch bewegte Bilder und Kameraoperationen beschreiben?
  • Wie können wir die Erklärungen / Argumentation durch Musik und Ton beschreiben? Wie können wir die Erklärungen / Argumentation durch prosodische Mittel beschreiben?
  • Vor allem: Wie spielen diese Modes und Codes zusammen, um die Erzählung / Erklärung / Argumentation als Ganze zu konstitutieren?
  • Und methodologisch: Wie können wir diese multimodalen Zeichen so systematisch wie möglich analysieren und so exakt wie möglich beschreiben / interpretieren?

Eine solche diskursive Funktion audiovisueller Zeichenkomplexe wurde bisher nur sporadisch erforscht. Während Fotografien sowie das Zusammenspiel von Sprache und statischem Bild im Rahmen des Multimodalitätskonzepts von der Medienlinguistik inzwischen vergleichsweise gut beschrieben worden sind (vgl. u.a. Diekmannshenke / Klemm / Stöckl 2011), ist die ungleich komplexere Semiose von gesprochenem Wort, laufenden Bildern und Ton bislang nur in Ansätzen analysiert oder gar kategoriell erfasst worden, etwa in Werner Hollys Konzept der ‚Transkriptivität‘ audiovisueller Zeichen. Ein Schwerpunkt des transdisziplinären Forschungsprojekts liegt daher auf der Analyse des Zusammenspiels von Sprache, Bild und Ton, das heißt das multimodale audiovisuelle Kommunikat soll ganzheitlich erfasst werden.

Zielsetzung: Das Projekt zielt gleichermaßen auf Grundlagenforschung und angewandte Forschung zur modernen Medien- und Wissenschaftskultur:

  • Semiotische und rhetorische Strukturen: Wie werden Sprache, Bild und Ton beim Erklären und Argumentieren systematisch aufeinander bezogen? Und wie können wir diese komplexen Zusammenhänge systematisch analysieren, beschreiben und kategorisieren?
  • Wissenschaftskultur: Wie wird Wissenschaft auf der multimodalen Medienbühne präsentiert? Wie wird sie emotionalisiert und dramatisiert zu modernem (fernsehgerechtem und politisch relevantem) „Scientainment“?
  • Medienkultur : Was können wir lernen über die medienspezifische Konstitution wichtiger aktueller Diskurse? Welchen persuasiven Charakter gewinnen multimodale Zeichen in diesem Zusammenhang? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann man im internationalen Vergleich feststellen?

 

Ein anderer Forschungsschwerpunkt bei der Analyse multimodaler Kommunikation ist die Erforschung der strategischen Nutzung von Fotos (und Sprache) in der politischen Kommunikation, insbesondere für die Selbstdarstellung von Politiker(inne)n im Rahmen "visueller Politik".

 

Projektgruppe:

Prof. Dr. Michael Klemm, apl. Prof. Dr. Helmut Ebert, Sascha Michel, Dr. Thomas Metten, apl. Prof. Dr. Hajo Diekmannshenke

 

Auswahlliteratur:

  • Diekmannshenke, Hajo / Michael Klemm / Hartmut Stöckl (Hg.) (2011): Bildlinguistik. Theorien – Methoden – Fallbeispiele. Berlin: Erich-Schmidt-Verlag.
  • Fraas, Claudia / Michael Klemm (Hg.) (2005): Mediendiskurse. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Frankfurt am Main u.a.: Lang (= Bonner Beiträge zur Medienwissenschaft 4).
  • Klemm, Michael (2007): Der Politiker als Privatmensch und Staatsperson. Wie Spitzenpolitiker auf persönlichen Websites in Text und Bild ihre Images konstruieren (wollen). In: Stephan Habscheid / Michael Klemm (Hg.): Sprachhandeln und Medienstrukturen in der politischen Kommunikation. Tübingen: Niemeyer, 145-175.
  • Klemm, Michael (2008): Medienkulturen. Versuch einer Begriffsklärung. In: Hamid Reza Yousefi / Klaus Fischer / Regine Kather / Peter Gerdsen (Hg.): Wege zur Kultur. Gemeinsamkeiten – Differenzen – Interdisziplinäre Dimensionen. Nordhausen: Bautz, 127-149.
  • Klemm, Michael (2011a): Bilder der Wissenschaft. Verbale und visuelle Inszenierungsstrategien der populären Wissenschaftspräsentation. In: Olivier Agard / Christian Helmreich / Hélène Vinckel [Hg.]: Das Populäre. Untersuchungen zu Interaktionen und Differenzierungsstrategien in Literatur, Kultur und Sprache. Göttingen: V&R Unipress, 437-455.
  • Klemm, Michael (2011b): Bilder der Macht. Wie sich Spitzenpolitiker visuell inszenieren (lassen) – eine bildpragmatische Analyse. In: Hajo Diekmannshenke / Michael Klemm / Hartmut Stöckl (Hg.): Bildlinguistik. Berlin: Erich-Schmidt-Verlag, 187-209.
  • Klemm, Michael (2012a): Verstehen und Verständigung aus medienwissenschaftlicher Sicht: Von der nationalen Brille zur transkulturellen Perspektive? In: Hamid Reza Yousefi / Klaus Fischer  (Hg.) (2012): Verstehen und Verständigung in einer veränderten Welt. Probleme, Theorien, Perspektiven. Berlin, 35-47 (im Druck)
  • Klemm, Michael (2012b): Wenn Politik auf Video-Einspieler trifft. Zur multimodalen Argumentation in der politischen Fernsehdiskussion „Hart aber fair“. In: Heiko Girnth / Sascha Michel (Hg.). Multimodale Kommunikation in Politik-Talkshows. Stuttgart: Ibidem (in Vorbereitung).
  • Klemm, Michael / Carmen Trierweiler (2012): Darf Angela, was Frank-Walter darf? Visuelle Selbstdarstellungsstrategien von Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern im Vergleich. In: Kathleen Starck (Hg.). Landauer Vortragsreihe "Gender" (Arbeitstitel). Bielefeld. (in Vorbereitung)