18.-20.05.2017 - Tagung - Das Politische in der Literatur der Gegenwart

glass-dome-207153_640.jpgDie Auslassungen des Erzählers in Christian Krachts Roman Faserland (1995) sind in der Rezeption nicht nur weitgehend unbesehen übernommen, sondern zugleich als paradigmatische Sicht auf das Politische in der Literatur der Gegenwart etabliert worden. Die demonstrative Abkehr von der Politik, die in Faserland nicht zuletzt aus ästhetischen Gründen geschieht und die die Sphäre der Politik nur mehr als Reservoir für Beleidigungen aufruft („Halt’s Maul, du SPD-Nazi“, Faserland, S. 57), verunklarte eine mögliche politische Lesart der Texte, so scheint es, nachdrücklich. Spätestens mit der Pop-Literatur war offenbar eine politische Literatur, eine littérature engagée, die dezidiert Stellung im Politischen bezieht, unmöglich geworden. Die avantgardistische Literatur der 1990er Jahre grenzte sich somit nicht nur ästhetisch und formal, sondern auch hinsichtlich ihres Verhältnisses zu der Politik und dem Politischen von den literarischen Vorgängern ab.

Die verbreitete These des Unpolitischen in der Literatur der Gegenwart beruht jedoch auf einem strukturellen Denkfehler, da sie die Kategorien der politischen Artikulation und Partizipation, die etwa an Texten der Nachkriegsliteratur erarbeitet wurden, nun an Texte anlegt, die ihre mögliche politische Semantik nicht aufgrund ihrer Erzählung der Politik, sondern aufgrund ihrer Erzählung des Politischen gewinnen. Das Politische – als Abgrenzung zu der (Tages-)Politik und dem Politikbetrieb – kann hier sowohl als eine „Modalität der Existenz des gemeinsamen Lebens als auch eine Form kollektiven Handelns“ verstanden werden, das in eine komplexe wie variable Struktur im Kontext „von Macht und von Gesetz, vom Staat und der Nation, von der Gleichheit und der Gerechtigkeit, von der Identität und der Differenz, von der citoyenneté und Zivilität“ eingebettet ist und somit die Aushandlungen des Gesellschaftlichen durch die Gesellschaft in den Blick nimmt (Pierre Rosanvallon: Pour une histoire conceptuelle du politique, S. 14).

Zudem versucht die Literatur der Gegenwart nun nicht mehr auf das System der Politik direkt einzuwirken, um dort beständige Veränderungen zu etablieren. Vielmehr öffnet die Literatur einen unabschließbaren politischen Diskurs und verabschiedet Letztbegründungen; das Gesellschaftliche wird zu der „fortgesetzte[n] Stiftung und Institution seiner selbst“ (Claude Lefort und Marcel Gauchet: Über die Demokratie. Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen, S. 96). In der Diskursivierung des Politischen versprechen nun, wie etwa Richard Rorty gezeigt hat, literarische Texte, die im Gegensatz zu der rationalisierenden Philosophie „Gefühl und Sympathie“ (Chantal Mouffe: Dekonstruktion, Pragmatismus und die Politik der Demokratie, S. 20) ansprechen, einen größeren Erfolg als der Versuch der philosophischen Setzung von Gründen (Richard Rorty: Kontingenz, Ironie und Solidarität, S. 91). Die Literatur beschränkt sich laut Rorty eben nicht auf den Versuch der mimetischen Abbildung von textexterner politischer ‚Wirklichkeit‘, sondern fungiert selbst als innovatives politisches Handeln, durch das die politische/soziale ‚Wirklichkeit‘ ausgehandelt wird.

 

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