Hätten wir es wissen müssen?

Die einfache und für manche vielleicht überraschende Antwort auf diese Frage ist:
Ja, wir hätten es wissen müssen. Dieser Ausbruch war vorhersehbar.

 

Auch wenn die Hektik der Reaktion, das Ausmaß der Improvisation, anfängliche Fehleinschätzungen und die Unsicherheit, die man nun im Umgang mit der COVID-19-Pandemie erlebt, nur aus der Unvorbereitetheit zu erklären sind, mit der die Gesellschaften zahlreicher Länder von diesem Geschehen überrascht wurden, so zeigt ein etwas genauerer Blick in die Fachliteratur doch, dass es an Warnungen von wissenschaftlicher Seite nicht gefehlt hat. Eines der jüngsten Beispiele dafür ist das ziemlich genau ein Jahr vor dem Ausbruch in der Fachzeitschrift „Viruses“ erschienene Review von Yi Fan et al. aus der Gruppe des chinesischen Virusforschers Peng Zhou (pdf-Dokument im Anhang) vom Wuhan Institut für Virologie. Es ist übrigens das Institut, das jüngst in (unbewiesenen) Zusammenhang mit der Entstehung des Ausbruchs durch einen angeblichen Laborunfall gebracht worden ist. Der Beitrag beschäftigt sich mit Coronaviren in Fledertieren und fasst die Ergebnisse zahlreicher früherer Veröffentlichungen zusammen.

Fledertiere sind ein regelrechtes Sammelbecken für Viren. Nicht nur Coronaviren, sondern zum Beispiel auch das Ebolavirus oder Tollwutviren finden sich in diesem natürlichen Reservoir, das viele verschiedene Spezies umfasst. Fledertiere beherbergen sogar eine größere Vielfalt zoonotischer Viren als alle anderen Säugetierspezies. Bereits drei Ausbrüche durch Coronaviren bei Menschen bzw. Haustieren waren aus diesem Erregerreservoir hervorgegangen, nämlich das Severe Acute Respiratory Syndrome SARS (2003), das Middle East Respiratory Syndrome MERS (2012) und das Swine Acute Diarrhea Syndrome SADS (2017), zwei davon hatten ihren Ursprung in China (SARS und SADS). In ihrer Übersicht zeigen die chinesischen Forscher auf, dass eine große Vielfalt an Coronaviren in Fledertieren existiert, teilweise gibt es mehrere Coronavirus-Typen nebeneinander in der gleichen Fledertierspezies, was einen Genaustausch und das ständige Entstehen neuer Coronaviren begünstigt. China hat eine hohe Biodiversität und beheimatet zahlreiche Fledertier-Spezies. Diese leben in der Nähe von Menschen und Nutztieren und können überdies weite Strecken zurücklegen. Die meisten beschriebenen Fledertier-Coronaviren kommen folglich in China vor. Die chinesische Esskultur und der Verzehr von frisch geschlachteten Wildtieren begünstigen überdies den Übertritt von Fledertier-Coronaviren über die Speziesbarriere. In dem Beitrag wird hervorgehoben, dass es unter den SARS-CoV-ähnlichen Fledertier-Coronaviren eine Reihe von Vertretern gibt, die den menschlichen ACE-2-Rezeptor, also den Rezeptor, an den SARS-CoV und nun auch SARS-CoV-2 andocken, nutzen können. Dies ist übrigens aus früheren Arbeiten bereits seit vielen Jahren bekannt. So hatte eine Arbeitsgruppe aus dem gleichen Institut 2013 in der Zeitschrift Nature darüber berichtet, dass sie ein lebendes SARS-CoV-ähnliches Virus, das den ACE-2-Rezeptor von Menschen, Hufeisennasen (Fledertierart) und Schleichkatzen nutzen könne, aus dem Stuhl einer Fledermaus isoliert hätten (Xing-Yi Ge et al.). In ihrer Schlussfolgerung sagen die Autoren voraus, dass voraussichtlich weitere SARS- und MERS-ähnliche Ausbrüche durch Coronaviren entstehen werden, und dass der Ausgangspunkt vermutlich China sein wird. Aber das war nicht die erste Warnung dieser Art. Bereits im Jahr 2007 gab es im Nachgang zum SARS-Ausbruch am Ende eines Übersichtsartikels den Hinweis, dass die Existenz eines großen Reservoirs von SARS-CoV-ähnlichen Viren in Fledertieren zusammen mit der Esskultur in China eine tickende Zeitbombe darstelle. Die Möglichkeit eines Wiederauftretens von SARS und anderen neuen Viren aus Tieren oder Laboren (!) solle nicht ignoriert werden und bedürfe der „Preparedness“ (Cheng et al.). Zitat: "The presence of a large reservoir of SARS-CoV-like viruses in horseshoebats, together with the culture of eating exotic mammals in southern China, is a time bomb".

Diese Gefahr war auch in Fachkreisen in Deutschland nicht unbekannt und wurde in Szenaren sowohl im Hinblick auf ein mögliches SARS-ähnliches Virus als auch im Hinblick auf neue hochpathogene, leicht übertragbare Influenza-Viren immer wieder betrachtet. Auch die Schwachstellen wurden durch die verantwortlichen Fachinstitutionen schon vor Jahren erkannt: Die Bevorratung von Atemschutzmasken, Schutzanzügen oder Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern beispielsweise.

Doch die erforderlichen Konsequenzen wurden durch die Verantwortlichen nicht gezogen. Man kann nur hoffen, dass sich das nach der SARS-CoV-2-Pandemie ändert, denn es könnte mit einem noch aggressiveren Erreger mit höherer Pathogenität und höherer Kontagiosität durchaus noch viel schlimmer kommen.

Cheng-et-al

Yi-Fan-et-al

Xing-Ji-Ge-et-al