Drohender Rückbau der Informatik veranlasst Dekan an der Universität in Koblenz zum Rücktritt

Der Dekan des Fachbereichs Informatik tritt zurück, da er für die Informatik an der Universität Koblenz keine Perspektive mehr sieht. Vorgaben der Landesregierung, die fachwissenschaftliche Informatik in Koblenz zugunsten der Lehramtsausbildung zu dezimieren, gaben hierzu den Anlass.

Nach nur zehn Monaten Amtszeit gibt Prof. Dr. Jan Jürjens die Leitung des Fachbereichs Informatik am Universitätsstandort Koblenz-Metternich auf. Ausgelöst haben diese Entscheidung, die dem Informatiker und Mathematiker nach eigenen Angaben sehr schwerfällt, Differenzen zwischen der Hochschulleitung und dem Fachbereich Informatik hinsichtlich der strategischen Ausrichtung des Fachbereichs und der dafür nötigen Ressourcen.

Hintergrund sind Bestrebungen des Bildungs- und des Wissenschaftsministeriums, die Lehramtsausbildung an der zukünftigen Universität Koblenz zulasten der Fachwissenschaften weiter auszubauen. Für den Fachbereich Informatik bedeutet dies, dass zwei fachwissenschaftliche Professuren entzogen werden sollen, um sie durch Didaktikprofessuren zu ersetzen. Dies führe, so Jürjens, aufgrund der bereits zum Zerreißen gespannten Personaldecke vermutlich dazu, dass die bestehenden Studiengänge des Fachbereichs Informatik nicht in der gewohnten Qualität fortgeführt werden können.

„Der Fachbereich Informatik unternimmt außerordentliche Anstrengungen, um seinen Beitrag zur Lehrerbildung zu leisten. So hat er eine Carl-Zeiss-Stiftungsprofessur für Informatik und ihre Didaktik eingeworben, und auf diese Weise der Universität 2,8 Mio EUR an Drittmittel zugeführt.“, erklärt der scheidende Dekan. „Diese Anstrengungen werden allerdings nicht gewürdigt, sondern von uns wird nun die Aufgabe von zwei Fachprofessuren verlangt, obwohl wir bereits jetzt die Qualität unserer Lehre nur erhalten konnten, indem die Mitglieder im Fachbereich weit mehr leisten, als sie müssten und auf Dauer durchhalten können.“ Der Fachbereich habe der Hochschulleitung Alternativen zur Absicherung der Lehramtsausbildung aufgezeigt, jedoch seien diese nicht berücksichtigt worden. „Zusammen mit ähnlichen Entwicklungen an anderen Fachbereichen droht somit, dass unser Fachbereich und die Universität Koblenz in Bezug auf ihre Ausstattung aus einer Startposition in ihre Selbstständigkeit entlassen werden, die ihr mittelfristig keine erfolgreiche Existenz ermöglichen wird. Dies wird nun leider auch mit der Verabschiedung des Neustrukturierungsgesetzes am 07.10. im Landtag weiter zementiert, nachdem ja bereits eine äußerst schlechte Finanzierungssituation für die zukünftige Universität Koblenz gegeben ist. Da es mir nicht gelungen ist, diesen Schaden von meinem Fachbereich abzuwenden, ziehe ich die Konsequenz und lege mein Amt als Dekan nieder.“

Dieser Vorfall kommt zu einer Zeit genereller Verunsicherung unter den Angehörigen des Fachbereichs und der gesamten Universität. Dem Dekan wurde bereits zugetragen, dass die Ministerpräsidentin die Zukunft der Koblenzer Informatik vorzugsweise in der Unterstützung der Lehrerbildung und nicht als eigenständiges Fach sieht. Für Letzteres scheint vorrangig der Standort Kaiserslautern auserkoren. Hinzu kommt die Befürchtung auch bei Mitgliedern anderer Fachbereiche, die eigenständige Universität könne mittelfristig zu jener Erziehungswissenschaftlichen Hochschule zurückgebaut werden, aus der sie einst hervorgegangen ist, oder mit der ansässigen Hochschule fusioniert werden. Anderslautende Beschwichtigungen des Wissenschaftsministers konnten diese Bedenken bislang nicht ausräumen.

Der Rücktritt des Dekans ist ein außergewöhnlicher Akt, der die schwelenden Sorgen der Koblenzer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zutage bringt. Eine Nachfolge zu finden ist Aufgabe einer parlamentarischen Fachbereichsleitung; dies gestaltet sich indes aufgrund der prekären Situation derzeit jedoch als schwierig.

 

 

Hintergrund zum Universitätsstandort Koblenz

Der Universitätsstandort Koblenz verfügt über vier Fachbereiche. Der Fachbereich Informatik wurde mit der Umwandlung der damaligen Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz in die Universität Koblenz-Landau gegründet. Die Wurzeln des ersten Informatikstudiengangs reichen jedoch noch weiter, bis ins Jahr 1978, zurück. Als forschungsorientierte Einrichtung widmet sich der Fachbereich der Kern- und angewandten Informatik sowie Spezialgebieten des Informationsmanagements und der Wirtschaftswissenschaften.

Der Fachbereich verfügt über 20 Stellen für Vollprofessuren und vier Juniorprofessuren. Unterstützt werden diese durch ca. 100 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen etwa eine Hälfte mit Lehraufgaben betraut und eine Hälfte in Forschungsprojekten beschäftigt sind.

Über 2.000 Studierende studieren derzeit am Fachbereich Informatik. Die meisten von ihnen, knapp 1.500, sind in einem der sechs forschungsorientierten Studiengänge im Bereich der Digitalisierung immatrikuliert, die Prof. Jürjens durch die aktuellen Entwicklungen bedroht sieht. Daneben bietet der Fachbereich drei Lehramtsfächer (knapp 400 Studierende) und ein Fach im Zwei-Fach-Bachelor (knapp 200 Studierende) an.


Datum der Meldung 09.10.2020 00:00