Schwerpunktheft 1/2016 der Zeitschrift "Politische Psychologie" mit dem Schwerpunkt "Die Rolle politischen Vertrauens in Kommunikationsprozessen" erschienen

Heft 1/2016 der Zeitschrift „Politische Psychologie“ befasst sich schwerpunktmäßig mit der Rolle von Vertrauen im politischen Prozess und in der politischen Kommunikation. Der Begriff „Vertrauen“ begegnet einem in der Politikberichterstattung häufig, in der Regel im Zusammenhang mit der Wahrnehmung, dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Politik zurückgegangen und auch kein Ende dieses Trends abzusehen ist. Auch der politikwissenschaftlichen Forschung ist dieses Thema nicht unbekannt: Beispielsweise werden der Zusammenhang zwischen sozialem und politischem Vertrauen untersucht oder die Beziehung zwischen politischem Vertrauen und politischer Unterstützung/Partizipation. Die Befunde dieser Forschungsrichtung widersprechen sich jedoch häufig.

Die Bündelung von Beiträgen zum Thema Vertrauen in einer Zeitschrift, die sich der Untersuchung von Fragestellungen an der Schnittstelle von Politik und Psychologie widmet, ist naheliegend. Zum einen ist Vertrauen eine psychologische Ressource von Individuen, kein politisches Phänomen. Die Erforschung der Rolle von Vertrauen in der Politik sollte somit psychologisch fundiert sein. Zum anderen basieren die Beziehungen zwischen politischen Akteuren und Bürgern auf Kommunikationsprozessen. Dies wird häufig übersehen – und damit auch die Tatsache, dass Vertrauen (beispielsweise in den Sender einer politischen Information) bereits hier eine Rolle spielen dürfte. Dies wird insbesondere vor dem Hintergrund der Verlagerung der der politischen Kommunikation in die digitalen Medien deutlich. Die Digitalisierung eröffnet einerseits direkte Kommunikationsmöglichkeiten zwischen politischen Akteuren und Bürgern, andererseits sind jedoch ein Missbrauch und damit ein Vertrauensverlust in Hinblick auf die Kommunikationsbeziehung möglich. Damit rücken auch andere Disziplinen in den Blickpunkt, wenn es um die Analyse von Vertrauen im politischen Prozess geht.

Der Beitrag von Julia Dupont, Evelyn Bytzek, Melanie C. Steffens und Frank M. Schneider beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von politischen Informationen, hier sogenannten Wahlversprechen, als glaubwürdig. Politisches Vertrauen stellt hier die unabhängige Variable dar, die einen Einfluss auf die Informationswahrnehmung und -verarbeitung haben sollte. Sie zeigen, dass sowohl das allgemeine Vertrauen in Politikerinnen als auch das Vertrauen in die Versprechen gebende Partei einen zentralen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit eines Wahlversprechens ausüben, auch bei Kontrolle von Effekten, die von der Konkretheit und der Verbindlichkeit des Versprechens und der persönlichen Betroffenheit vom Thema des Versprechens ausgehen.

Die weiteren drei Beiträge untersuchen politisches Vertrauen als abhängige Variable im Kommunikationsprozess. Lukas Otto und Michaela Maier analysieren, wie Charakteristika sogenannter soft news (Negativität und Privatisierung) auf das Vertrauen in individuelle Politiker und politische Akteure allgemein (also Zynismus) wirken. Die Analysen zeigen einen starken Effekt von negativer Information auf das Vertrauen in die dargestellten Politiker sowie auf allgemeinen politischen Zynismus. Privatisierung dagegen hat zunächst keinen negativen Einfluss auf die beiden abhängigen Variablen.

Eine ähnliche Richtung hat der Beitrag von Jürgen Maier und Carolin Jansen, die den Einfluss des negative campaigning in TV-Duellen auf das Vertrauen in Kanzlerkandidaten untersuchen. Auf der Basis von Inhaltsanalysen können sie zeigen, dass Angriffe eine populäre Strategie (vorrangig der Herausforderer) in den TV-Duellen 2002, 2009 und 2013 waren. Auf der Basis von Befragungsdaten konnten allerdings keine systematischen Hinweise dafür gefunden werden, dass die wahrgenommene Häufigkeit von Angriffen das Vertrauen in die Kandidaten zerstört.

Franziska Ehrke, Susanne Bruckmüller und Melanie C. Steffens untersuchen dagegen den Einfluss der sozialen Vielfalt in Parteien auf politisches Vertrauen. Sie können zeigen, dass eine (fiktive) vielfältige Partei als weniger kompetent, aber wärmer eingeschätzt als eine (ebenfalls fiktive) homogene Partei. Da sich jedoch Wärme als der stärkere Prädiktor für politisches Vertrauen erweist, ist letztlich das Vertrauen in die vielfältige Partei höher als in die homogene Partei.

 

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Datum der Meldung 05.10.2016 00:00
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