Einstellungen zur Europäischen Union

Die Projektphase 2014 bis 2016 wird in diesem Teilprojekt im Zeichen der Europawahl 2014 stehen. In diesem Kontext wollen wir wie schon 2009 mit internationalen Kooperationspartnern eine Studie zur strategischen Parteienkommunikation sowie eine Studie zu deren Wirkung durchführen. Die Glaubwürdigkeit der medialen Botschaften (z.B. des Kampagnenmaterials) wird als mediierende Variable berücksichtigt. In der ersten Projektphase wurde ein explizites Maß zur Erfassung von EU-Einstellungen entwickelt, das als eine Facette auch das Vertrauen in die Europäische Union berücksichtigt. Dieses Maß soll in der für 2014 geplanten Wirkungsstudie eingesetzt werden. Anders als in anderen Projekten des Schwerpunkts stehen hier also neben politischen Einzelakteuren politische Institutionen als Vertrauensempfänger im Mittelpunkt des Interesses. Die Projektphase 2014-16 dient auch der noch stärkeren internationalen Vernetzung der Arbeitsgruppe.

Konkret bearbeiten wir aktuell die folgenden Projekte:
 

(a) Die Rolle nationaler Parteien für die Politisierung der Europäischen Integration: Empirische Studie zur Themen-Politisierung im Vorfeld der EU-Wahl 2014

Prof. Dr. Michaela Maier & Prof. Dr. Silke Adam (Universität Bern, externe Partnerin)

In Kooperation mit: Prof. Dr. Claes de Vreese & Prof. Dr. Andreas Schuck (Amsterdam), Prof. Dr. Carlos Jalali (Aveiro), Prof. Dr. Sylvia Kritzinger (Wien), Prof. Dr. Nicolas Demertzis (Athen), Prof. Dr. Ralph Negrine (Sheffield)

 

Die Ergebnisse der Wahl zum Europäischen Parlament sind alarmierend: Euroskeptische Parteien von beiden Rändern des Parteienspektrums, etwa die rechtspopulistische UKIP aus Großbritannien oder die linksradikale SYRIZA aus Griechenland, sind die großen Gewinner der Abstimmung. Wir können beobachten, dass der bislang bestehende "permissive Konsens" der Bürger gegenüber der supranationalen Union bröckelt. Die Europäische Integration hat sich scheinbar zur politischen Streitfrage entwickelt und ein neuer Parteientypus, welcher sich durch eine euroskeptische Position auszeichnet, ist entstanden. 

Vor diesem Hintergrund, fokussiert sich das Forschungsprojekt auf die Rolle nationaler Parteien in dieser Entwicklung und versucht zu beantworten, ob – und falls ja, unter welchen Bedingungen und wie – Parteien zur Politisierung der Europäischen Integration beitragen. Um den Prozess der Politisierung zu verstehen, untersuchen wir zunächst die strategische Kommunikation der Parteien. Wir analysieren, welche Parteien, wann EU-Themen auf die Agenda setzen, wobei wir das dynamische Wechselspiel aktiven  'Themen-Entrepreneurs' und 'Themen-Traditionalisten' nachzeichnen wollen. Darauf aufbauend analysieren wir, welche Parteien ihre Positionen erfolgreich in den Medien platzieren können und welche Reaktionen dies unter den anderen Parteien hervorruft. Indem wir das dynamische Wechselspiel zwischen Parteien- und Medienagenda nachzeichnen, können wir die Entstehung und Entwicklung von Politisierungsprozessen untersuchen.

Die Studie basiert auf einer international vergleichenden standardisierten Inhaltsanalyse der strategischen Parteienkommunikation und der Berichterstattung der Qualitätspresse in sechs europäischen Ländern vor der EU-Wahl 2014. Das Sample enthält Länder mit niedrigerem und mit höherem Euroskeptizismus in der Gesellschaft. Für zwei Länder wird eine Langzeitstudie durchgeführt, die bis ins Jahr 2008 zurückreicht.

Das Projekt wird von der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) und dem "Schweizer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung" (FNSNF) gefördert.

Anschließend möchten wir die Effekte der öffentlichen Kommunikation auf die Einstellungen der Bürger zur Europäischen Integration und ihr Vertrauen in die europäischen Institutionen in einem experimentellen Design testen. Hierbei sollen die im Projekt "Einstellungen zur EU" entwickelten impliziten und expliziten Maße zum Einsatz kommen.

(b) Verantwortungszuschreibung in Politik und Medien: Empirische Langzeitstudie zur strategischen Parteienkommunikation und Medienberichterstattung während der Finanzkrise

Eva Antl-Wittenberg & Prof. Dr. Michaela Maier

Die zurückliegende Wahl zum Europaparlament hat einen ansteigenden Euroskeptizismus unter den Bürgern der EU aufgedeckt, der sich in hohen Stimmengewinnen für euroskeptische Parteien am linken und rechten Rand des Parteienspektrums niederschlug. Die Jahre des permissiven Konsens der Bürger gegenüber Brüssel sind offensichtlich vorüber und die EU scheint der Sündenbock der Finanzkrise zu sein. Vor diesem Hintergrund, will sich das Forschungsvorhaben mit der öffentlichen Attribution von Verantwortung in der Krise beschäftigen.

Die Zuschreibung von Verantwortung ist eine notwendige Basis für eine Wahlentscheidung: Man kann einen politischen Akteur in der Wahl nur belohnen oder bestrafen, wenn man ihn als verantwortlich für eine positive oder negative Entwicklung erachtet. In politischen Mehrebenensystemen – wie der Europäischen Union – stellt die korrekte Attribution politischer Verantwortung eine Herausforderung für die Bürger dar (Hobolt, Tilley & Wittrock 2013).  Dieser Informationsmangel gibt den Parteien in ihrer öffentlichen Kommunikation strategischen Spielraum: Sie können im Rahmen ihrer PR-Arbeit versuchen, die Verantwortungszuschreibungen im öffentlichen Diskurs zu manipulieren. Vor diesem Hintergrund, möchten wir analysieren, wie die Verantwortungsfrage in der öffentlichen Parteienkommunikation dargestellt ist, und in welcher Weise sich dies in der Medienberichterstattung niederschlägt. Wir beobachten zwei Dimensionen von Verantwortung: Einerseits wollen wir beleuchten, wer als verantwortlich für die Entstehung eines Problems dargestellt wird, und andererseits, wollen wir aufzeigen, welche politischen Akteures als Problemlöser beschrieben werden.

In Bezug auf die Parteienkommunikation interessiert uns in besonderem Maße, inwiefern die EU als Sündenbock oder Krisenretter strategisch in der Kommunikation eingesetzt wird, wobei wir zwischen Regierungs-, Oppositions- und euroskeptischen Parteien unterscheiden. Wir verwenden ein akteurszentriertes Untersuchungsdesign, um nachzeichnen zu können, welche Parteien ihre Verantwortungsattributionen erfolgreich in die Medienberichterstattung transferieren können.

Wir verwenden ein international vergleichendes Studiendesign, wobei wir Deutschland als Land mit moderat bis niedrigem Euroskeptizismus und Österreich als Land mit hohem Euroskeptizismus in der Bevölkerung einbeziehen. Wir analysieren die Pressemitteilungen der Parteien und die Berichterstattung von zwei Qualitätszeitungen je Land vom Beginn der Finanzkrise (2008) bis zur Europawahl 2014, um den dynamischen Framing-Prozess in der Parteien- und Medienkommunikation im Verlauf der Krise nachzeichnen zu können.