Moralisches Fehlverhalten von Politikern II - Zum Einfluss auf soziales Vertrauen und bürgerliche Partizipation

Tobias Rothmund, Anna Baumert, Manfred Schmitt & Jürgen Maier (externer Kooperationspartner: John Jost, New York University)

In den letzten Jahrzehnten wurde in den Sozialwissenschaften ein Verlust an sozialem Vertrauen diagnostiziert (z.B. Putnam, 1995). Soziales Vertrauen wird dabei als Aggregat aus (a) Vertrauen in andere Menschen, und (b) Vertrauen in die politischen und sozialen Institutionen verstanden (Kelly, 2009). Bislang existieren jedoch nur wenige empirische Informationen dazu, welche psychologischen Prozesse dem Rückgang an sozialem Vertrauen zugrunde liegen. Im Zusammenhang mit einer zunehmenden Medialisierung politischer Kommunikation wird im vorliegenden Projekt der Einfluss von Medienberichten über Normbrüche durch PolitikerInnen auf das soziale Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern untersucht.

In der ersten Projektphase (2012-2013) stand die Frage im Vordergrund wie sich politische Skandale auf das Vertrauen in die Person des betroffenen Politikers bzw. der betroffenen Politikerin auswirken und inwiefern dieser Vertrauensverlust auf andere PolitikerInnen generalisiert. Auf der Basis des SeMI-Modells (Sensitivity to Mean Intentions, Gollwitzer & Rothmund, 2009) wurde dabei die Hypothese geprüft, dass die Rezeption von Normbrüchen durch PolitikerInnen, vermittelt über die Aktivierung argwöhnischer Wissens- und Verarbeitungsstrukturen, zu einem Verlust an Vertrauen in PolitikerInnen sowie einer verringerten Bereitschaft zu politischem Engagement führt.

In der zweiten Projektphase (2014-2015) soll der Fokus auf der Frage liegen, wie sich mediale Berichte über Normbrüche durch PolitikerInnen und das Vertrauen in das politische und gesellschaftliche System wechselseitig beeinflussen. Die theoretischen Annahmen stützen sich dabei auf die System Justification Theory (SJT, für einen Überblick siehe Jost & van der Toorn, 2012). In der SJT wird davon ausgegangen, dass es für Menschen wichtig ist, den politischen und sozialen Institutionen sowie dem soziopolitischen System im Allgemeinen zu vertrauen. Dieses Systemvertrauen ermöglicht es Menschen, sich sicher und geborgen zu fühlen. Wird die Vertrauenswürdigkeit des politischen oder sozialen Systems in Frage gestellt, so verteidigen Menschen ihr Systemvertrauen, indem sie beispielsweise bestimmte Missstände leugnen oder selektiv nach Hinweisen für die Vertrauenswürdigkeit des politischen oder sozialen Systems suchen (z.B. Feygina, Jost, & Goldsmith, 2010). Diese Form der motivierten Informationsverarbeitung erlaubt es Menschen, ihr Systemvertrauen selbst dann zu rechtfertigen, wenn sie mit gegensätzlichen Informationen konfrontiert werden. Konkret werden die folgenden Forschungsfragen untersucht:

  1. Moderiert Systemvertrauen die Reaktion auf Berichte über Normverletzungen durch PolitikerInnen derart, dass hohes Systemvertrauen mit einer stärkeren Verharmlosung politischer Skandale und dadurch einer geringeren wahrgenommenen Bedrohung politischen Vertrauens einhergeht als niedriges Systemvertrauen?

  2. Vermittelt die Verharmlosung politischer Skandale bei Personen mit hohem Systemvertrauen eine geringere Zustimmung zu politischen Maßnahmen gegen politische Transgressionen als bei Menschen mit niedrigem Systemvertrauen?

In der Politikwissenschaft existieren empirische Belege dafür, dass medialen Berichten über PolitikerInnen bzw. deren moralisches Fehlverhalten (bspw. Steuerbetrug, Korruption, Sexskandale etc.) ein "Attack-Frame" oder ein "Defense-Frame" zugrunde liegen kann (Maier & Jansen, 2012). Im Attack-Frame beinhaltet die Berichterstattung vorwiegend Informationen und Argumente, die ein Fehlverhalten sowie die persönliche Verantwortung des Politikers bzw. der Politikerin betonen. Im Defense-Frame werden Informationen hervorgehoben die dafür sprechen, dass es sich nicht um ein Fehlverhalten handelt bzw. dass der Politiker oder die Politikerin keine Verantwortung für den verursachten Schaden trägt. Im vorliegenden Projekt sollen diese Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft dafür genutzt werden, die Verharmlosung politischer Skandale messbar zu machen, indem die Bewertung von Medienberichten mit Attack- bzw. Defense-Frame als Indikator motivierter Rezeptionsprozesse genutzt wird. Aus diesem Grund ist eine enge inhaltliche Kooperation zwischen Psychologie (T. Rothmund, A. Baumert, M. Schmitt & J. Jost), Politikwissenschaften (J. Maier) und Kommunikationswissenschaft (M. Maier) vorgesehen.

Literatur:

Feygina, I., Jost, J. T. & Goldsmith, R. E. (2010). System Justification, the Denial of Global Warming, and the Possibility of "System-Sanctioned Change". Personality and Social Psychology Bulletin, 36(3), 326-338.

Gollwitzer, M. & Rothmund, T. (2009). When the need to trust results in unethical behavior: The Sensitivity to Mean Intentions (SeMI) model. In D. De Cremer (Ed.), Psychological perspectives on unethical behavior and decision making. Charlotte, NC: Information Age.

Jost, J. T., & van der Toorn, J. (2012). System justification theory. In P. M. Van Lange, A. W. Kruglanski, E. Higgins (Eds.) , Handbook of theories of social psychology (Vol 2) (pp. 313-343). Thousand Oaks, CA: Sage Publications Ltd.

Kelly, D. C. (2009). In Preparation for Adulthood: Exploring Civic Participation and Social Trust Among Young Minorities. Youth & Society June. 40: 526-540

Maier, J. & Jansen, C. (2012). Framing the Scandal. How the Press Covered the Plagiarism Scandal of the German Secretary of Defense. Vortrag, 35th Annual Meeting of the International Society of Political Psychology. 05.-10. Juli in Chicago, Illinois.

Putnam, R. D., (1995). "Bowling Alone: America’s Declining Social Capital". Journal of Democracy 6(1), 65-78.