Politische Kommunikation via Smartphone II: Auswirkung objektiver und subjektiver Partizipationsmöglichkeiten im Alltag auf die Veränderung politischen Vertrauens

Anna Baumert, Tobias Rothmund, Manfred Schmitt & Felix Hampe

Die Entwicklung und Verbreitung digitaler, interaktiver Kommunikationsmedien, wie smartphones ermöglicht nicht nur die ubiquitäre Erreichbarkeit von EmpfängerInnen politischer Information im Alltag sondern eröffnet darüber hinaus neuartige Partizipations- und Einflussmöglichkeiten für BürgerInnen. Beispielsweise erlauben Online-Petitionen und Online-Bewertungen mittels "I like"–buttons unmittelbare Reaktionen der BürgerInnen auf Nachrichten über politische Ereignisse. Psychologische Forschung legt nahe, dass diese Partizipationsmöglichkeiten die Verarbeitung von und Reaktionen auf erlebte Normbrüche verändern (Rothmund, Gollwitzer, Baumert, & Schmitt, 2012).

In der ersten Projektphase wurde die Rezeption von Berichten über politische Normbrüche und die Wirkung solcher Berichte auf politisches Vertrauen untersucht. Insbesondere wurde dabei die Hypothese getestet, dass die Wahrnehmung genereller, stabiler Dispositionen des Transgressors als Ursachen eines politischen Normbruchs (in anderen Worten die Generalität und Stabilität der Attribution des Normbruchs) einen Rückgang in Vertrauen in Politiker allgemein vermittelt. Entsprechend psychologischer Modelle persönlichkeitskongruenter Informationsverarbeitung (z.B. Baumert & Schmitt, 2012) erwiesen sich dispositionale Unterschiede in politischem Vertrauen und Ungerechtigkeitssensibilität als relevante Moderatoren der Verarbeitung von Berichterstattung über politische Normbrüche.

In der zweiten Projektphase 2014-2015 soll der Einfluss subjektiv wahrgenommener Handlungsoptionen (bspw. Selbstwirksamkeitserwartungen) und objektiv existierender Handlungsoptionen (bspw. durch die Nutzung interaktiver Medien) auf die Rezeption politischer Normbrüche erforscht werden. Lernpsychologische sowie neuere persönlichkeitspsychologische Untersuchungen zeigen, dass die Kontrollierbarkeit von Ereignissen Auswirkungen auf Aufmerksamkeitssteuerung und Motivation hat (z.B. Notebaert & MacLeod, 2012). Außerdem konnte gezeigt werden, dass subjektive Kontrollüberzeugungen die Verarbeitung von Information (z.B. Rumination) steuern (z.B. Nolen-Hoeksema & Jackson, 2001).  Diese Befunde lassen sich auf die Rezeption politischer Nachrichten übertragen und mit aktuellen Überlegungen im Bereich der politischen Kommunikation verbinden. Denn auch im Bereich politischer Kommunikation wird die Bedeutsamkeit mobiler digitaler Kommunikationsmedien für politisches Handeln und Motivation und die Rolle politischer Selbstwirksamkeit (political efficacy) diskutiert (z.B. Ibahrine, 2008; Jung, Kim, & de Zuniga, 2011). Systematische empirische, insbesondere experimentelle Untersuchungen sind dort jedoch rar. Um diese Lücke zu schließen, werden folgende Forschungsfragen behandelt:

  1. Werden die Auswirkungen wiederholter Medienberichte über politische Normbrüche auf mittel- und längerfristige Änderungen in politischem Vertrauen (sowohl in Bezug auf Politiker als auch in Bezug auf das politische System) und Ungerechtigkeitssensibilität moderiert durch objektive Partizipationsgelegenheiten in digitaler mobiler Kommunikation sowie durch subjektive Kontrollüberzeugungen (insbesondere political efficacy)?

  2. Fungieren Attribution und Rumination als vermittelnde Prozesse der Effekte objektiver und subjektiver Kontrollmöglichkeiten?

Zur realitätsnahen Untersuchung dieser Fragestellungen werden TeilnehmerInnen mit Smartphones ausgestattet, mit deren Hilfe (a) wiederholt gezielt Medienberichte über politische Normbrüche im Alltag präsentiert, (b) objektive Einflussmöglichkeiten systematisch manipuliert (z.B. durch Verlinkung mit Online-Petitionen oder Diskussionsforen) und (c) Verarbeitung und Reaktionen auf diese Medienberichte unmittelbar getestet werden können. Insgesamt ist durch den Einsatz dieser Technologie die Kombination längsschnittlicher Befragungsmethoden mit feldexperimentellen Untersuchungsdesigns möglich. Dieses Vorgehen ist vor allem dann hilfreich, wenn Einflussgrößen auf die Veränderung relativ stabiler Dispositionen, wie politischem Vertrauen und Ungerechtigkeitssensibilität untersucht werden. Im Sinne von "ambulatory assessment" (Fahrenberg & Myrtek, 2001) oder "experience sampling" (Mehl & Conner, 2012) stellt dieser methodische Ansatz eine wichtige realitätsnahe Ergänzung der bisherigen laborzentrierten Forschung dar.

Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit von Psychologie und Informatik durchgeführt. Dies ermöglicht die Kombination des ambulatory assessment mit innovativen Messmethoden zur Erfassung von Informationsverarbeitung (insbesondere sogenannten impliziten Maßen, die auf der Erfassung von Reaktionszeiten basieren).

Literatur:

Baumert, A. & Schmitt, M. (2012). Personality and information processing. European Journal of Personality, 26, 87-89.

Fahrenberg, J., & Myrtek, M (2001). Progress in ambulatory assessment. Computer-assisted psychological and psychophysiological methods in monitoring and field studies. Seattle, WA: Hogrefe and Huber.

Ibahrine, M. (2008). Mobile communication and sociopolitical change in the Arab world. In: J. Katz (Ed.), Handbook of mobile communication studies (pp. 257-272). Cambridge, MA: MIT Press.

Jung, N., Kim, Y., de Zuniga, H. G. (2011). The mediating role of knowledge and efficacy in the effects of communication on political participation. Mass Communication & Society, 14, 407-430.

Mehl, M. R., & Conner, T. S. (2012). Handbook of research methods for studying daily life. New York, NY: Guilford Press.

Nolen-Hoeksema, S., & Jackson, B. (2001). Mediators of the gender differences in rumination. Psychology of Women Quarterly, 25, 37-47.

Notebaert, L., & MacLeod, C. (2012). The ability to control threat influences attentional preference for signs of danger: A study on individual differences in cognitive-affective processes. Presentation at the 16th European Conference on Personality, 10.-14. July, Trieste, Italy.

Rothmund, T., Gollwitzer, M., Baumert, A., & Schmitt, M. (2012). The psychological functions of justice in mass media. In R. Tamborini (Ed.), Media and the Moral Mind (pp. 170-197)London, UK: Routledge.