Nachrufe: Professor Dr. Hans H. Reich

 

Die Universität Koblenz-Landau trauert um Professor Dr. Hans. H. Reich.

 

Nachruf: Professor Dr. Hans H. Reich Bild 2Mit Prof. Dr. Hans Reich ehren wir einen verdienten und geschätzten Kollegen der Universität in Landau. „Verdient“ und „geschätzt“ sind Worte, die – angesichts des Todes von Hans Reich – erwartbar erscheinen. An einigen Stationen seiner Tätigkeit in Landau wollen wir die besondere Bedeutung von Hans Reich, insbesondere für die Universität in Landau, sichtbar machen.

Ende der 1970er Jahre kam er – so könnte man sagen – zurück in die Pfalz und übernahm eine Professur an der damaligen Erziehungswissenschaftlichen Hochschule am Standort Landau. Für den in Speyer geborenen Wissenschaftler dürfte aber etwas anderes ausschlaggebend gewesen sein, die Chance, etwas Neues und Weiterführendes aufzubauen. Ohne sein Engagement gäbe es in Landau vermutlich keinen Arbeitsbereich „Interkulturelle Bildung“. Als Hans Reich 1979 nach Landau kam, gab es den Begriff „Interkulturelle Bildung“ und diese wissenschaftliche Ausrichtung noch gar nicht. Hans Reich war von seinem wissenschaftlichen Werdegang und seinem Selbstverständnis her Sprachwissenschaftler und Sprachdidaktiker mit Leib und Seele. Dies hat sein Wirken in Forschung und Lehre, zunächst an der Pädagogischen Hochschule Neuss und später hier in Landau, stets geprägt. Als Mitglied des Instituts für Germanistik mit einer Professur für Deutsch mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache nahm er eine sich bietende Chance wahr. Die damalige Bildungsministerin des Landes Rheinland-Pfalz, Hanna-Renate Laurien, beauftragte ihn, einen Studiengang zu entwickeln, der Lehrerinnen und Lehrer dabei unterstützt, besser auf die auch in dieser Zeit schon zunehmend wahrgenommenen – wie es damals hieß – „Ausländerkinder“ in den Schulen reagieren zu können; etwas, an dem wir auch 40 Jahr später noch arbeiten und was unsere Gesellschaft nach wie vor begleitet. Hans Reich baute einen Ergänzungsstudiengang mit dem Titel „Deutsch als Fremdsprache (Lehrer für Kinder mit fremder Muttersprache)“ im Rahmen eines mehrjährigen Modellprojekts auf. Dabei kam es zur Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Mainz mit Sitz in Germersheim. So konnte er auf griechische, türkische und italienische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgreifen. Die Idee war damals, Lehrkräfte an Schulen sollten die deutsche Sprache als Fremdsprache vermitteln können, gleichzeitig sollten sie aber auch Kenntnisse haben in Herkunftssprachen ihrer ausländischen Schülerinnen und Schüler, umso besser mit ihnen kommunizieren und ihre Leistungen beurteilen zu können. Diese Zusammenarbeit trug dazu bei, dass es Hans Reich wichtig wurde, internationale Kontakte in eine Reihe von Staaten aufzubauen und zu pflegen. Die Bezeichnung des Studiengangs „Deutsch als Fremdsprache (Lehrer für Kinder mit fremder Muttersprache)“ zeigt in ihrem Zusatz weiter, dass Hans Reich sehr früh gesehen hat, es geht nicht um ausländisch oder nicht ausländisch als Merkmal von zu bildenden Personen, es geht vielmehr um Fragen – wie wir es heute nennen würden – der Integration, um die Frage, wie können wir Teilhabe an Bildung für alle ermöglichen.

Bei diesem Ergänzungsstudiengang hat es Hans Reich nicht belassen: Er entwickelte außerdem einen Zusatzstudiengang für Lehramtsstudierende mit dem Titel „Deutsch als Fremdsprache / Interkulturelle Pädagogik“; er erreichte zudem, dass im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft ein Schwerpunkt, wie es zu dieser Zeit hieß, „Ausländerpädagogik“ studiert werden konnte, und er schaffte es, dass im neuen Studiengang Diplom Sozialwissenschaften ein Schwerpunkt mit der Bezeichnung „Internationalisierung und kulturelle Pluralität“ von ihm und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeboten wurde. Auch um diese neuen Schwerpunkte zu unterstützen, initiierte Hans Reich die Gründung des heutigen universitären Sprachlernzentrums in Landau und den Aufbau eines eigenen Bestands in der Universitätsbibliothek zum Thema „Interkulturelle Bildung“. Die Bemühungen von Hans Reich gipfelten 1994 in der Einrichtung eines Instituts für Interkulturelle Bildung, das einen ungewöhnlichen Charakter hatte: Es war interdisziplinär angelegt und wurde von zwei Fachbereichen und von verschiedenen Fächern gestützt.

Hans Reich wurde 2005 emeritiert, d. h. von seinen Dienstaufgaben entbunden. Dies bedeutete für ihn im Wesentlichen, von seinen Pflichten befreit zu sein, nicht von seinem wissenschaftlichen Engagement. Dieses verfolgte er weiterhin intensiv und so war er bis 2017 regelmäßig in seinem Büro anzutreffen. In diesem Rahmen hat er sich weiterhin aktiv an universitätsinternen Arbeitsgruppen und an Forschungsprojekten sowie an externen Bemühungen zur Gestaltung von Bildung beteiligt, in den späteren Jahren mit einem besonderen Fokus auf den Kindergarten als Bildungsort für den Spracherwerb. Dies allein zeigt schon, dass seine Tätigkeit für ihn kein Beruf war, sondern Berufung: Hans Reich hat Wissenschaft gelebt.

Gleichzeitig darf man ihn nicht auf sein wissenschaftliches Wirken begrenzen. Er war  zwar Wissenschaftler mit Leib und Seele, hat sich aber zugleich nicht den Aufgaben der akademischen Selbstverwaltung verschlossen. Neben dem Amt des Dekans des Fachbereichs 6 Kultur- und Sozialwissenschaften von 1995 bis 1997 hat er Funktionen in allen erdenklichen Gremien der Universität übernommen. Dies hat er auch außerhalb der Universität gemacht und Aufgaben, z. B. im „Landesbeirat für Migration und Integration“ des Landes Rheinland-Pfalz oder im „Rat für Migration“ auf Bundesebene, wahrgenommen. Sein landesweites Engagement, das hier nur angedeutet werden kann, wurde 2006 mit der Verleihung des „Verdienstordens des Landes Rheinland-Pfalz“ an ihn gewürdigt. Der Verdienstorden ist die höchste Auszeichnung, die das Land Rheinland-Pfalz vergeben kann.

An der Universität in Landau hat er in den letzten Jahren noch die Funktion des Ombudsmanns für Fragen der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis übernommen. Der Ombudsmann ist eine Person, die eingeschaltet werden kann, wenn es Verdachtsmomente gibt für wissenschaftliches Fehlverhalten. Diese Funktion setzt viel Vertrauen von allen Seiten genauso voraus, wie eine hohe Anerkennung der wissenschaftlichen Kompetenz sowie die Fähigkeit, unabhängig und zugleich sozial verträglich in schwierigen Situationen handeln zu können. Mit diesem Amt erwirbt man kein öffentliches Renommee, aber darauf war Hans Reich auch nicht aus. Stets hat er die Sache in den Vordergrund gestellt, nicht die eigene Person.
Und das alles meinen wir, wenn wir sagen, wir verlieren mit Prof. Dr. Hans H. Reich einen verdienten und geschätzten Kollegen.

Prof. Dr. Anja Wildemann (Dekanin des Fachbereich 5: Erziehungswissenschaften)
Prof. Dr. Norbert Wenning (Leiter des Arbeitsbereiches Interkulturelle Bildung)
Dr. Katharina Kuhs (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung)

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Professor Dr. Hans H. Reich ist am 19. Februar 2019 verstorben.

Wir verlieren mit Hans Reich einen außergewöhnlichen Wissenschaftler, einzigartigen Mentor, den Spiritus Rector der Forschung über Migration und ihre Folgen für sprachliche Bildung und Erziehung in Deutschland – und wir verlieren einen Freund.

Seit seiner Berufung auf die Professur für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an die Pädagogische Hochschule Rheinland (Abteilung Neuss) im Jahr 1971 hat Hans Reich sich der Frage gewidmet, wie Bildung gestaltet sein müsste, die allen Heranwachsenden in einer Migrationsgesellschaft wie der deutschen gerecht werden kann. Zu den von ihm inspirierten Pionierleistungen gehört die Gründung der „Forschungsgruppe ALfA – Ausbildung von Lehrern für Ausländerkinder“ im Jahr 1973. In dieser interdisziplinären Forschungsgruppe (gemeinsam mit Manfred Hohmann, Allgemeine Pädagogik, und Ursula Boos-Nünning, Soziologie) wurden Untersuchungen initiiert, die das Problem der Qualifikation des pädagogischen Personals für die Gestaltung von Bildungsinstitutionen und Lehr-Lernprozessen im Kontext sprachlicher und kultureller Diversität grundlegend beleuchten. Zugleich aber entwickelte und evaluierte die Gruppe Interventionsprojekte zur Qualifizierung pädagogischen Personals aus der Einsicht in die Verantwortung, die die Pädagogik als angewandte Wissenschaft auch für die Gestaltung der Bildungspraxis trägt. Die Forschungsgruppe blieb in engem Kontakt, nachdem Hans Reich 1979 auf die Professur für Deutsch mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache an die Erziehungswissenschaftliche Hochschule Rheinland-Pfalz (ab 1990 Universität Koblenz-Landau) wechselte. Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2005 beteiligte er sich aktiv und inspirierend an der Forschung, Entwicklung und am Transfer in Lehre und Praxis der Bildung in der Migrationsgesellschaft.

Zu den wissenschaftlichen Pionierleistungen des Verstorbenen gehört die Initiierung einer ersten international vergleichenden, aus Mitteln der Europäischen Gemeinschaft (so die seinerzeitige Nomenklatur) geförderten Studie zur Frage, wie Bildungssysteme anderer europäischer Staaten auf die zunehmende Präsenz von Kindern aus Migrantenfamilien reagierten. Nicht nur die Sicht, dass man national und international voneinander lernen kann und sollte, durchzieht als ein roter Faden das Werk von Hans Reich, sondern auch sein

Vertrauen in den Wert von Kooperation in der Forschung. Den sichtbarsten Ausdruck findet dieser Impetus in der großen Zahl an koordinierten Forschungsprojekten, die durch sein Engagement zustande kamen und an denen er mitwirkte. Ein Beispiel ist das DFG-geförderte Schwerpunktprogramm „Folgen der Arbeitsmigration für Bildung und Erziehung“, das unter seiner Federführung eingeworben wurde (1991 bis 1997). Mit diesem Programm wurde ein Perspektivenwechsel in der Forschung über Migration, Bildung und Erziehung eingeleitet, der noch heute wegweisend für die Gestaltung von Untersuchungen in diesem Feld ist. Überwunden wurde die allein auf Migranten gerichtete Aufmerksamkeit zugunsten einer Sicht auf die Migrationsgesellschaft insgesamt, deren Mitglieder alle – wenn auch auf unterschiedliche Weise – von der wachsenden sprachlichen, kulturellen und sozialen Diversität in ihrer Lebenswelt betroffen sind.

Auch seine Sicht des Faches „Deutsch als Fremdsprache“ war eine besondere. Ausgangspunkt seiner Konzeption war nicht das Interesse an Vermittlung einer Sprache in ihrer abstrakten Gestalt, sondern an den Prozessen der Aneignung, des Lernens und des Gebrauchs von Sprachen. Im Mittelpunkt dabei stand, die sprachlichen Bildungsvoraussetzungen der Lernenden und die Bedingungen, unter denen ihre Sprachentwicklung geschieht, als Grundlagen für das pädagogische Handeln ernstzunehmen – sowohl hinsichtlich der Schwierigkeiten, die sie bereiten können, als auch mit Blick auf die Potenziale, die darin stecken. So eröffnet er die Perspektive auf Mehrsprachigkeit als Grundlage für sprachliche Lern- und Bildungsprozesse, aber auch als ihr Ziel. Für die Bildungspraxis entwickelte er unterstützende Hilfsmittel – wie etwa das Instrument „Katze und Vogel“ zur Sprachdiagnostik, das untrennbar mit seinem Namen verbunden ist.

Ein herausragendes Beispiel für die Bedeutung, die seine Konzeption auch im praktischen Feld besitzt, ist das Modellprogramm „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – FörMig“ (von 2004 bis 2009). Hans Reich war Mitglied der wissenschaftlichen Begleitung des Programms. Hier kamen seine Fähigkeiten zur skrupulösen wissenschaftlichen Grundlagenarbeit, zugleich aber der Übersetzung für andere Mitwirkende, des Aufgreifens und gemeinsamen Weiterentwickelns von Ideen auf Augenhöhe voll zur Geltung. Es entstanden in gemeinsamer Arbeit Konzepte wie das der „durchgängigen Sprachbildung“, die bei bildungspolitischen Entwicklungen Pate standen, aber ebenso weitere Forschung inspirierten. Hans Reich war ein Könner im Zuhören ebenso wie im Anregen und Fördern; ein Gesprächspartner, der sich auf Sichtweisen anderer einließ, der vorsichtig, aber kritisch nachfragte, der auch den Beiträgen derjenigen Gehör schenkte, die sich nur bescheiden und verhalten beteiligten.

Hans Reich besaß das Selbstverständnis, dass Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung betrieben wird. Diese nahm er wahr als Mitstreiter am bildungspolitischen Diskurs, etwa in seiner Funktion als Mitglied im Rat für Migration, als Partner in der Politikberatung und zahlreicher Initiativen der Bildungspraxis – von Kindertageseinrichtungen über Schulen bis zu Instituten der Fort- und Weiterbildung –, oder als „Anwalt“ von Lehrkräften in schwierigen Lagen, vor allem der Lehrkräfte für den Herkunftssprachlichen Unterricht.

Wir verlieren mit Hans Reich nicht nur den an der Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Wissens und zugleich der Qualität der Praxis orientierten Wissenschaftler, sondern auch den geselligen Kenner und Genießer eines guten Essens und schönen begleitenden Weins – und den ausgezeichneten Redner. Er hat seine Zuhörerinnen und Zuhörer fasziniert – auch wenn (oder vielleicht gerade weil) er sich nie dazu entschließen konnte, das geschliffene Wort durch die bunte Begleitung mit Power Point aufzulockern.

Er fehlt.

Hamburg, Berlin, Wien und Landau, im Februar 2019

Ingrid Gogolin, Ursula Neumann, Marianne Krüger-Potratz, Hans-Jürgen Krumm, Katharina Kuhs

Kontakt: nachrufhansreich@gmx.de

 

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Datum der Meldung 27.02.2019 00:00
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