ReWiKs

katho

unild

efh
Prof. Dr. Barbara Ortland 
Prof. Dr. Sven Jennessen
Prof. Dr. Kathrin Römisch


 

rewiks

gefördert durch:

bzga

 

Kurzbeschreibung des Projektes:

Reflexion, Wissen, Können – Qualifizierung von Mitarbeitenden und Bewohner_innen zur Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung für erwachsene Menschen mit Behinderung in  Wohneinrichtungen (ReWiKs)

 

 

 

Ziel des Projektes ist die Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von erwachsenen Bewohner_innen mit Behinderung in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe.

Dafür wird der Zugang vorrangig über die Qualifizierung der Mitarbeitenden sowie in ausgewählten Projektbereichen ebenso über die Qualifizierung der Bewohner_innen gewählt. Die Qualifizierungsmaßnahmen umfassen dabei die drei relevanten Bereiche Reflexion, Wissen und Können.

 

Projektbereich Reflexion (schwerpunktmäßig Universität Koblenz-Landau, Leitung Prof. Dr. Jennessen)

Veränderungsmöglichkeiten in den Bereichen Haltung, Strukturen und Praktiken der Institutionen werden durch Reflexionsinstrumente initiiert und strukturiert, in denen angelehnt an den Index für Inklusion (Boban/Hinz 2003) sowie den Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit (QuinK) (Jennessen 2014, Jennessen/Hurth 2015) Leitlinien gelingender sexueller Selbstbestimmung für Bewohner_innen formuliert werden. Zudem werden Leitlinien gelingender Selbstbestimmung in Leichter Sprache formuliert und somit auch Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zugänglich gemacht. Zu allen Leitlinien werden Reflexionsfragen in den Bereichen Haltung, Strukturen und Praxishandeln formuliert, die als Anregungen für die team- und einrichtungsbezogene Diskussion dienen. Dieses Reflexionsinstrument soll selbständig von den Mitarbeitenden für gemeinsame Teamsitzungen oder Beratungsprozesse genutzt werden können. Zudem wird ein Reflexionsinstrument in Leichter Sprache entwickelt und exemplarisch sowie themenfokussiert mit Bewohner_innen aus Einrichtungen der Eingliederungshilfe diskutiert und evaluiert. So können langfristig partizipative Reflexionsprozesse in den Institutionen initiiert und strukturiert werden. Die auf diese Weise erarbeiteten Themen sind vernetzt mit den im zweiten Teilbereich des Projektes zu entwickelnden Fortbildungsbausteinen, so dass den im Reflexionsprozess generierten Fortbildungsbedarfen der Mitarbeitenden hier entsprochen werden kann. Die im dritten Projektbereich erarbeiteten Praxisprojekte bieten zusätzlich konkrete Veränderungsideen für die Einrichtungen.

 

Projektbereich Wissen (schwerpunktmäßig KatHO Münster, Leitung Prof. Dr. Ortland)

Veränderungen im Bereich Wissen sowie Können werden über Fortbildungen für die Mitarbeitenden erreicht. Zunächst wird auf der Grundlage vorhandener Erhebungen (Ortland, 2013, 2015, Fegert 2006, BMFSFJ 2012) und im Austausch mit der Praxis ein Modulhandbuch entwickelt, aus dem Ziele und exemplarische Inhalte für Fortbildungsbausteine generiert werden. Diese sind als ein inhaltlich verzahntes, an die Leitlinien gelingender sexueller Selbstbestimmung angelehntes Baukastensystem geplant und werden in einem Fortbildungshandbuch zusammengestellt. Die Fortbildungsbausteine können in der anvisierten eigenständigen Nutzung entsprechend der Heterogenität der Mitarbeitenden zielgruppen- und bedarfsorientiert variabel genutzt werden. Sie richten sich vor allem an Mitarbeitende im Wohngruppendienst. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Befähigung der Mitarbeitenden durch Kompetenzvermittlung im didaktisch-methodischen Bereich, Weiterbildungs- und Gesprächsanlässe mit den Bewohner_innen im Alltag zu erkennen und zum Wissenstransfer für die Bewohner_innen zu nutzen. Darüber hinaus erfolgt die Entwicklung von Moderator_innenfortbildungen, deren Schwerpunkt in der Weiterentwicklung sexueller Selbstbestimmung auf konzeptioneller und damit organisationaler Ebene liegt. Diese tragen schwerpunktmäßig zur Kompetenzerweiterung in der partizipativen Gestaltung von Aushandlungs- und Entwicklungsprozessen bei. Zur Qualitätssicherung erfolgen Diskussionen mit erfahrenen Fortbildner/innen bzw. interessierten Mitarbeitenden aus den Einrichtungen. Ebenso werden Bewohner_innenbeiräte sowie Frauenbeauftragte aus Einrichtungen partizipativ in den Entwicklungsprozess einbezogen, so dass deren Ideen umfassend für die Gestaltung der Fortbildungsinhalte und -methodik genutzt werden können. Die entwickelten Materialien werden in einem zirkulären Prozess Mitarbeitenden und Bewohner_innen jeweils vorgestellt, mit ihnen diskutiert und weiter entwickelt.

 

Projektbereich Können (schwerpunktmäßig EFH Bochum, Leitung Prof. Dr. Römisch)

Anregungen für eine sexualfreundliche Umgestaltung der Lebenssituation der Bewohner_innen sowie deren Empowerment stehen im Bereich des Könnens im Vordergrund. Es werden vorliegende, erprobte Praxisbeispiele (z.B. aus dem Projekt von Weibernetz e.V. „Frauenbeauftragte in Einrichtungen“) bundesweit recherchiert, dargestellt und in Form konkreter Handlungsanweisungen für die Umsetzung in der Praxis entwickelt. In diesem Projektbereich wird die Fokussierung auf Bewohner_innen mit vorrangig kognitiven Einschränkungen erweitert auf die Lebenslage von Bewohner_innen in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe allgemein, d.h. mit verschiedenen Formen der Beeinträchtigung. Das so entstehende Handbuch gibt konkrete Ideen zur Verbesserung der sexuellen Selbstbestimmung der Bewohner_innen sowie zu Maßnahmen der Prävention sexueller Gewalt in den Wohneinrichtungen. Neben der Version für die Mitarbeitenden wird es eine verdichtete Version in Leichter Sprache geben, so dass auch Bewohner_innen Anregungen für mögliche Projekte in den eigenen Einrichtungen erhalten, um so Veränderungsprozesse gezielt mitgestalten zu können.

 

Zusammenfassend sind die Ergebnisse des Projekts:

-          Reflexionsmanuale, die von allen Mitarbeitenden einer Einrichtung (unabhängig von deren Qualifikationsgrad und Aufgabenbereich) selbständig für teambezogene Reflexionsprozesse  sowie von den Bewohner_innen zur Reflexion ihrer einrichtungsbezogenen Situation verwendet werden können,

-          Fortbildungsmodule mit einem Baukastensystem für Fortbildungen für Mitarbeitende in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, das zum einen von Mitarbeitenden selbständig und zum anderen von den Einrichtungen in internen Fortbildungen oder von anderen Anbietern für die Fortbildungen genutzt werden kann,

-          ein Praxishandbuch der Erweiterung sexueller Selbstbestimmung und des Empowerment der Bewohner_innen, das wiederum von allen Mitarbeiter_innen sowie von Angehörigen/gesetzlichen Betreuer/innen oder ehrenamtlichen Mitarbeitenden zur Generierung von Ideen und Handlungsansätzen genutzt werden kann. Eine Version in Leichter Sprache ermöglicht Bewohner_innen Veränderungen in der Einrichtung zu initiieren.

 

An die Entwicklung der schriftlichen Unterlagen schließt sich eine weitere Projektphase an. In dieser steht die partizipative Praxiserprobung und -evaluation der Materialien im Vordergrund. Das insgesamt dreijährige Projekt wird mit einer bundesweiten Fachtagung, auf der die Ergebnisse der Fachöffentlichkeit vorgestellt werden, abgeschlossen. Die Materialien sollen im Weiteren über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung publiziert und vertrieben werden.

Weiterhin dient die Implementierung eines partizipativen Projektbeirates aus Expert_innen für Fragen sexueller Selbstbestimmung im Kontext Behinderung der Qualitätssicherung und Transparenz des Forschungsprozesses.

 

ReWiKs Projektbeschreibung auf der Website der BZgA

 

Literaturverzeichnis

Boban, I.; Hinz, A. (2003): Index für Inklusion. Lernen und Teilhabe in einer Schule der Vielfalt entwickeln. Halle-Wittenberg

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2012): Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. Kurzfassung. Meckenheim

Fegert, J.M.; Jeschke, K.; Thomas, H.; Lehmkuhl, U. (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Weinheim/München: Juventa-Verlag

Jennessen, S. (2014): QuinK – Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit. In: Bundes-Hospiz-Anzeiger 1, Jg 12, 13-23

Jennessen, S. Hurth, S. (2015): QuinK - Qualitätsindex für Kinder- und Jugendhospizarbeit. Hospiz-Verlag: Ludwigsburg.

Ortland, B. (2013): Sexualpädagogische/-andragogische Konzeptionen für Wohneinrichtungen für Erwachsene mit Behinderung – Erfahrungen, Bedarfe und Unterstützungsnotwendigkeiten aus der Perspektive der Mitarbeitenden. Unveröffentlichter Forschungsbericht Katholische Hochschule Münster

Ortland, B. (2015): Sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Stuttgart: Kohlhammer.