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Transformatorische Bildungsprozesse - Ein Bericht aus Studierendenperspektive

von Alessandro Stephan

Am 27.06.2019 hielt Professor Dr. Hans-Christoph Koller von der Universität Hamburg auf Einladung des Fachbereichs 5: Erziehungswissenschaften im Festsaal der Universität einen Fachvortrag unter dem Titel „Transformatorische Bildungsprozesse“. Auf innovative Weise wurden theoretische Grundfragen thematisiert sowie zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex angeregt. Der Vortrag ist Teil des Programms zum Querschnittsthema des Fachbereiches 5 „Kulturen der Transformation. Praxis – Sprache -Kompetenz“.

 

Viele Studierende des Fachbereichs 5 kennen Professor Dr. Hans-Christoph Koller vor allem als Autor der Monographie „Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft“, die mittlerweile zu einer Art Standardwerk für den Beginn des Studiums avanciert ist. Am Donnerstag, dem 27.06.2019, fanden sich so auch einige Dutzend Interessierte im Festsaal der Außenstelle der Universität in der Bürgerstraße ein, um ihm bei seinem zweigeteilten Vortrag über transformatorische Bildungsprozesse zu folgen: Er möchte sowohl theoretische als auch methodologische Perspektiven mit Implikationen für die empirische Forschung beleuchten.

Koller geht zunächst auf die theoretische Basis ein: Es wird Kritik am klassischen Bildungsbegriff gefordert und artikuliert. Lapidar gesagt, sei er, da aus dem 18. beziehungsweise 19. Jahrhundert stammend, veraltet, nicht mehr geeignet, um die greifenden Prozesse unserer gegenwärtigen Welt zu greifen: Globalisierung, Klimakrise und Migrationsbewegungen sind hier exemplarisch zu nennen. Des Weiteren erscheine das klassische Verständnis von Bildung sehr harmonisierend, es gäbe keine Beachtung von Widersprüchen und Konflikten in deren Verlauf. In der Folge wird auch die Öffnung des neuen Begriffs für die empirische Forschung gefordert: Hans-Christoph Koller fordert eine Neukonzeption, die Bildung als einen persönlichkeitsverändernden Prozess der Transformation durch die Auseinandersetzung mit Krisen- und Problemlagen formuliert.

An diese „transformatorischen Bildungsprozesse“ stellt Hans-Christoph Koller – auch um ein Forschungsprogramm zu skizzieren - drei zentrale Fragen, zu denen er auch einige Lösungsansätze entwickelt:          

  1. Welche Termini stehen uns sowohl zur theoretischen Erfassung von Welt- und Selbstverständnis als auch zu deren empirischer Untersuchung zur Verfügung?
    Hier finden sich Zugänge über die Gesellschaftstheorie von Pierre Bourdieu, vor allem über das Konzept des Habitus, aber auch über verschiedene Sprach- und Diskurstheorien, wobei Jean-François Lyotard angeführt wird; als dritten Weg findet Koller schließlich eine Verknüpfung beider Theoriefelder wie sie bei Judith Butler erkennbar ist.
  2. Wie lassen sich herausfordernde Krisenerfahrung genau bestimmen?
    Auch bei diesem Punkt gibt Koller drei Antwortmöglichkeiten: Zum einen kann man auch hier wieder auf Bourdieu zurückgreifen und die Krisenerfahrung gesellschaftlich bedingt – etwa durch die Unterscheidung von Habitus und situativem sozialen Feld – erfassen, zum anderen lassen sie sich auch mit Lyotard als einen Widerstreit verschiedener Diskursarten benennen. Als weitere Möglichkeit werden in Anschluss an Edmund Husserl krisenhafte Erfahrungen etwa als „negative Erfahrungen“ nach Günther Buck oder auch als „Erfahrung des Fremden“ nach Bernhard Waldenfels verstanden.
  3. Wie können Verlaufsformen und die Bedingungen der transformatorischen Bildungsprozesse beschrieben werden?
    Koller greift hier zunächst auf wissenschaftstheoretische Modelle zur Entstehung innovativer Erkenntnis etwa nach Karl Popper, Thomas S. Kuhn und Charles Sanders Peirce zurück, wonach er mit Rückgriff auf Ulrich Oevermann zur soziologischen Betrachtung zur Entstehung des Neuen wechselt. Letztlich können auch poststrukturalistische Perspektiven zur Iteration nach Judith Butler oder Jacques Derrida der Deskription dienlich sein.

Hans-Christoph Koller leitet aus dem ersten, von Theorie geprägten, Teil des gut anderthalbstündigen Vortrags drei Grundannahmen für die empirische Forschungspraxis ab:

  1. Die Zugänge der Empirie müssen sowohl interpretativ als auch rekonstruktiv sein, nicht quantifizierend, da sie sinnhaft sind.
  2. Es muss bei der Forschung stets die ganze Biographie eines Menschen betrachtet werden, ein transformatorischer Bildungsprozess ist nicht isoliert zu untersuchen, da sie langfristig und in den lebensgeschichtlichen Kontext eingebunden sind.
  3. Man muss neue Erkenntnisse und auch Irritationen bei den Forschungsergebnissen erwarten und darf sich diesen gegenüber nicht verschließen.

Zum Abschluss umriss Hans-Christoph Koller aus diesen Prämissen resultierende praktische Probleme wie etwa die mangelnde Vergleichbarkeit, die schwierige, realitätsnahe Rekonstruierbarkeit der Biografie eines Menschen oder auch die bisher eher gegebene Fokussierung auf Bildungsprobleme anstelle von erfolgreich absolvierten Bildungsprozessen.

Für eine kleine Gruppe wurde die Thematik am nächsten Morgen in einem Workshop von Hans-Christoph Koller persönlich noch einmal vertieft. Hier diskutierte man über einen Vortrag, den der Referent in internationalem Rahmen an der Graduate School of Human Sciences der Universität im japanischen Osaka am 14.03.2017 mit dem Titel „Probleme und Perspektiven einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse“ gehalten hatte. Folgerichtig – Koller hätte ansonsten wohl kaum im entfernten Japan referiert - kann man sagen, dass die Thematik einige Zeit schon sowohl von aktueller und internationaler Bedeutung ist und es wohl auch in Zukunft bleiben wird.

Insgesamt leistet Hans-Christoph Koller hier einen zeitgemäßen Beitrag zur Erziehungswissenschaft und verschafft sich somit nicht nur mit seinem eingangs erwähnten Überblickswerk Gehör. Es wird interessant sein zu erfahren, inwiefern seine Erkenntnisse und Ideen sowohl das Fach als auch dessen Studium prägen. Studierende könnten in Zukunft mit seinem Namen nicht nur ein grundlegendes Verständnis zu den Grundbegriffen „Erziehung“, „Bildung“ und „Sozialisation“, sondern auch den Einstieg zur „Transformation“ verbinden.

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