8. Ringvorlesung des FB6: Fakt und Fake

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„Nichts ist so gewiss, wie die Ungewissheit der Zukunft“ – das gemeinhin Niklas Luhmann zugeschriebene Bonmot scheint angesichts aktueller Debatten und Diagnosen um eine neue Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit ergänzungsbedürftig. Denn nicht mehr allein was zukünftige Wirklichkeiten sein könnten, auch Gegenwart und Vergangenheit verlieren ihre Berechenbarkeit und Eindeutigkeit und büßen an Verbindlichkeit ein. So wird, was vielen für lange Zeit stabil, sicher und selbstverständlich gegolten haben mag, beweglich, verhandelbar und ungewiss – auch die Unterscheidung von wahr und falsch.

Diese Entwicklungen rücken das Verhältnis von Wahrheit und Lüge verschärft ins Blickfeld der Kultur- und Sozialwissenschaften. Ihren Horizont unterschiedlicher Ansätze, Perspektiven und Einsichten will die Ringvorlesung ausloten und diskutieren. Denn nie zuvor – so scheint es – gab es so viele und so tiefe Abgründe zwischen Wahrheit und Lüge, und nie zu vor waren die Vertrauensverluste und Glaubwürdigkeitskrisen in Religion, Politik und Wirtschaft, Medien und Wissenschaft so verbreitet und groß. Nicht nur, dass Information und Werbung, Dokumentation und Fiktion, Authentizität und Inszenierung, Aufklärung und Ideologie, objektives Wissen und Verschwörungstheorien, fundierte Meinungen und haltloses Geschwätz gleichberechtigt und gleichverfügbar nebeneinanderstehen. Auch das Wissen von Intellektuellen und Expertinnen erfährt Glaubwürdigkeits- und Akzeptanzerosionen gegenüber einem Denken, das Abstände proklamiert und Gegensätze zementiert, weil es an die Tradition und die moralische Autorität absoluter Gewissheit glauben will: Wir allein verstehen und erklären die Welt mit unseren Methoden, Daten und Fakten richtig! Solche Hegemonialansprüche nehmen heutzutage gerne aggressive Züge an, von Stigmatisierungen und Diffamierungen bis hin zu offenem Hass.

Doch was ist Fakt – und was ist Fake? Sind Wahrheiten nichts Anderes als Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie welche sind (Nietzsche), und Lügen nichts Anderes als Sprachspiele, die wir lernen und beherrschen müssen, wie andere kognitive und ästhetische Fertigkeiten auch (Wittgenstein)? Welche Verfahrensweisen und Techniken der Wahrheitsfindung können wir einsetzen und wer befindet darüber, was wahr und falsch ist, und was nicht (Foucault)? Wie ist es um die Wahrheitsfähigkeit und Wahrhaftigkeit von Sprache und Text bestellt? Wenn Bilder mehr als tausend Worte sagen, lügen Bilder dann auch mehr als tausend Worte? Was sind die Strategien der Grenzverwischung zwischen Fakten und Fakes in Propaganda und Populismus, welches die Gegengifte zu ihrer Enttarnung und Entkräftung? Können moderne Gesellschaften und Lebenswelten die Grenzlinie zwischen der unumstößlichen Gewissheit eines letztgültig Erschlossenen einerseits und den diese Tatsachen verdrehenden, verspiegelnden, verzerrenden Täuschungen andererseits überhaupt noch trennscharf und abschließend ziehen? Oder sind Wahrheit und Lüge unter den Vorzeichen einer globalisierten und digitalisierten Kultur und Kommunikation nicht mehr exklusiv und dichotom, sondern zunehmend relational zu denken und auf ihre bereichsspezifischen Ausprägungen und Spannungen hin zu befragen?

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Datum der Meldung 28.10.2021 00:00