Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik

Die Literatur ist eines der wichtigen Symbolsysteme moderner Kulturen. In der Literatur – in all ihren medialen Präsentationsformen: mündlich, schriftlich, (audio-)visuell, vom (Bilder-) und (Hör-)Buch bis zur Theaterinszenierung und zum Spielfilm - materialisieren sich die Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werte und Bedeutungen, die eine Gesellschaft in ihrer Zeit prägen. Dabei gibt der Blick des Einzelnen diesem Gesamtkomplex ein jeweils eigenes Profil und durch seine Sprache gewinnt er eine besondere nationalkulturelle Färbung. Die Literatur spiegelt dabei sehr verschiedene Facetten einer Gesellschaft: Ihre Komplexität und manchmal auch Widersprüchlichkeit, die Individualität und Perspektivität in der Wahrnehmung sowie nicht zuletzt den gemeinsamen geistigen Raum, in dem sich eine kulturelle Gemeinschaft über das verständigt, was sie im Großen wie im Kleinen beschäftigt. Erst durch die Verständigung über sich selbst vermag Gesellschaft überhaupt zu Gemeinschaft werden.


Eine kulturwissenschaftliche orientierte Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik beobachtet und analysiert diese kulturellen Bewegungen, und zwar sowohl in der eigenen Zeit als auch in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Die Erkenntnis, dass alles, was ist, aus historischen Gegebenheiten und in sozialen Kontexten entstanden ist und in jeweils konkreten Funktionszusammenhängen steht, eröffnet den Blick sowohl für die Abhängigkeiten, in denen der Einzelne immer agiert, als auch für die ‚Gemachtheit‘ der Zustände, in die verändernd eingegriffen werden kann. Das Bewusstsein von den vielen Möglichkeiten, wie Wirklichkeit wahrgenommen werden kann, vermag vielleicht sogar jene Ethik des Vorbehalts zu befördern, die sich bewusst ist, dass das eigene Wissen, Handeln und Empfinden niemals die eine Wahrheit hervorbringt und dass immer auch der Andere Recht haben kann.


Die Beschäftigung mit Literatur zielt im klassischen Sinne auf Bildung ab: Auf den Erwerb von konkretem Wissen, analytischen und poetischen Kompetenzen, auf die Ausbildung von imaginativen, emotionalen und kommunikativen Fähigkeiten sowie einer handlungsleitenden Ethik, wobei Letzteres angestrebt und erhofft, nicht wirklich gelehrt werden kann.