Prof. Dr. René Dirven – ein Nachruf

 

Studierende, Kolleginnen und Kollegen wie auch WissenschaftlerInnen weltweit trauern um den belgischen Sprachwissenschaftler René Dirven, der von 1985 bis 1997 dem Fachbereich 3 Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität-GH Duisburg angehörte. Er verstarb am 18. August 2016 im Alter von 83 Jahren in seiner Heimatstadt Mechelen (Belgien), nur wenige Tage nach dem Tod seiner Ehefrau.
René Dirven studierte Anglistik und Germanistik an der Universität Leuven und promovierte dort 1971 mit einer Arbeit zur generativen Transformationsgrammatik. Ein Jahr darauf erfolgte die Berufung auf eine Hochschulprofessur für Anglistik/Linguistik an die Universität Trier, die sich zu jener Zeit gerade in ihrer Gründungs- und Aufbauphase befand. Seine Lehr- und Forschungstätigkeit beschränkte sich zunächst vornehmlich auf den Bereich des Fremdsprachenerwerbs und der Sprachdidaktik, wie auch auf die Anwendung linguistischer Theorien und Methoden, um daraus neue Erkenntnisse für die linguistische Grundlagenforschung nutzbar zu machen. Die multilingualen Verhältnisse in seinem Heimatland Belgien führten ihn schon sehr bald zu der wichtigen Einsicht, dass Sprache sehr viel mehr ist als linguistische Struktur – und zwar ein einflussreiches Instrument, wenn es um gesellschaftliche Belange von Kultur und Identität geht, um sprach- und bildungspolitische Prozesse, kurzum um das diffuse Sprach- und Konfliktpotential in mehrsprachigen Gemeinschaften. 
Die Notwendigkeit einer sozialen und kulturellen Kontextualisierung von Sprache führte René Dirven 1973 zur Gründung der linguistischen Agentur LAUT (Linguistic Agency University of Trier) und in der Nachfolgezeit LAUD (Linguistic Agency University of Duisburg), die es sich zur Aufgabe machte, linguistisch vielversprechende Texte vorzuveröffentlichen (mittlerweile weit über 1200) und einer internationalen Leserschaft zunächst in Papierform, später auch online zugänglich zu machen. LAUT/LAUD ist nunmehr eine international renommierte Institution, und ihr Name ist eng verknüpft mit ihrem Begründer und Organisator René Dirven. Seine zahlreichen internationalen Kontakte weltweit führten auch zur Institutionalisierung der LAUT/LAUD Symposia: linguistische Konferenzen, die in regelmäßigen Abständen stattfanden und international renommierte Redner nach Trier und Duisburg brachten. Themen wie Semantik, Pragmatik, Soziolinguistik, Kreolistik, Erst- und Zweitspracherwerb, Computerlinguistik, Sprachpsychologie und insbesondere das Aufkommen der Kognitiven Linguistik zu Beginn der 1980-er Jahre prägten die LAUT-Jahre an der Universität Trier.
René Dirven wurde schließlich 1985 an die Universität-GH Duisburg als Universitätsprofessor für Anglistik/Linguistik berufen. Schon früh zeigte sich ein wissenschaftliches Interesse an der sprachlichen und sozio-kulturellen Welt des südlichen Afrika, das er mehrfach auch in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten bereiste. In diesem Kontext begründete er das soziolinguistische Forschungsprojekt LiCCA (Languages in Contact and Conflict in Africa), das es sich zur Aufgabe machte, Sprachkontakt und Sprachkonflikt im sub-saharanischen Afrika zu beschreiben und eine gesellschaftlich angemessene Sprachenpolitik und Sprachenplanung in Kooperation mit afrikanischen Regierungsangehörigen zu vertreten und in Gang zu setzen. Es ist seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz und seiner persönlichen Verbundenheit mit den Sprechern und den Sprachgemeinschaften Afrikas geschuldet, dass dieses Projekt sich in Afrika, Europa und den USA fest etablieren konnte, so dass in der Folgezeit sehr erfolgreiche Forschungskooperationen begründet und intensiviert werden konnten.
Während Afrika sich somit als geografische und soziale Herausforderung darstellte, so bedeutete das Paradigma der in den USA begründeten Kognitiven Linguistik ein neues Forschungsfeld, mit dem sich René Dirven ein akademisches Leben lang beschäftigen sollte. So organisierte er in Duisburg die 1. Internationale Konferenz zur Kognitiven Linguistik (1989), die in späteren Publikationen weltweit als ein Meilenstein dieses Forschungsansatzes anerkannt und bewertet wurde. Außerdem begründete er die International Cognitive Linguistics Association (ICLA), die Zeitschrift Cognitive Linguistics und nicht zuletzt eine neue Buchreihe mit dem Titel Cognitive Linguistics Research. Zweifelsohne hat René Dirven diese relativ junge wissenschaftliche Disziplin in Europa maßgeblich bekannt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Er hatte das außergewöhnliche Talent, international renommierte Kolleginnen und Kollegen wie auch vielversprechende Nachwuchswissenschaftler zusammenzuführen und somit neue Perspektiven und Wege für die Kognitive Linguistik zu eröffnen. 
Mit seiner Pensionierung im Jahre 1997 verließ René Dirven die Universität-GH Duisburg. Doch unverdrossen und mit großer Beharrlichkeit führte er seine zahlreichen Projekte noch viele Jahre weiter, auch als er aufgrund eines stark beeinträchtigten Sehvermögens seine Reisen und Konferenzbesuche einstellen musste. Sein bibliografisches Werk ist umfassend und wissenschaftlich anspruchsvoll: ca. 220 Publikationen (davon 30 Monografien und Sammelbände) befassen sich mit den drei Wissenschaftsbereichen Fremdsprachendidaktik, Sprachpolitik/-planung in Afrika und Kognitive Linguistik. Um sein wissenschaftliches Werk entsprechend zu würdigen, wurden ihm zu Ehren gleich drei Festschriften von seinen Doktoranden und Habilitanden herausgegeben.
Mit René Dirven verliert die Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen einen weltweit bekannten, anerkannten und beliebten Sprachwissenschaftler. Bis zuletzt war er außergewöhnlich engagiert, aktiv, rege, erfolgreich, kommunikativ und international vernetzt. Auf seine Mitmenschen ging er ebenso zugewandt wie fordernd zu, warmherzig wie fürsorglich. Die Fakultät für Geisteswissenschaften wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Martin Pütz & Ulrich Schmitz