Neue Herausforderungen und das Gebot der Distanz zum Gegenstand: Politikberichterstattung zwischen Mainz und Berlin

Wenn in Wissenschaft und Publizistik über das Verhältnis von Politik und Medien sowie über Fragen der Mediendemokratie diskutiert wird, dann richtet sich der Blick allzu häufig auf die „Käseglocke“ Berlin. Weniger Aufmerksamkeit erfährt die landespolitische Ebene. Dabei ist nicht nur der Hauptstadtjournalismus von rapiden Veränderungen betroffen. Zeitungen wie auch Rundfunk stehen unter wachsendem Wettbewerbsdruck. Das Publikum fluktuiert und nutzt immer häufiger die elektronischen Mit-Mach-Medien. Welche Folgen diese Trends für die landespolitische Berichterstattung zeitigen und inwieweit dabei Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zum Berliner Hauptstadtjournalismus bestehen, diskutierten am 20. Januar Georg Link, landespolitischer Korrespondent des SWR-Fernsehens und Vorsitzender der Landespressekonferenz Rheinland-Pfalz, und Michael Garthe, Chefredakteur der Zeitung „Die Rheinpfalz“. Die beiden profilierten Kenner des Mainzer wie auch des Bonner und Berliner Politikjournalismus waren auf Einladung von Professorin Manuela Glaab, Abteilung Politikwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften, zur Expertenrunde mit dem Titel „Hauptstadtjournalismus vs. ‚Neues vom Lande’? Trends und Perspektiven der Politikberichterstattung“ zum Landauer Campus gereist. Die Diskussionsrunde bildete zugleich den Auftakt zu einer neuen Lecture Series zu aktuellen Fragen der Politikforschung, die von Prof. Glaab an der Abteilung Politikwissenschaft der Universität Koblenz-Landau organisiert wird.

 

 

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Michael Garthe (links), Prof. Dr. Manuela Glaab (Mitte), Georg Link (rechts)

 

 

Basierend auf ihren langjährigen Erfahrungen im praktischen Journalismus berichteten beide Experten zunächst kritisch über die immer vielgestaltiger und schnelllebiger werdende Medienlandschaft auf Landes- wie auf Bundesebene. Insbesondere die zusehends an Popularität gewinnenden Social Media-Plattformen wie Twitter veränderten das redaktionelle Arbeiten, so Link. Nicht nur, dass Twitter & Co. die Taktung der Nachrichtenproduktion erheblich beschleunigten, vielfach würde den Reportern vor Ort weniger geglaubt als den vermeintlichen Fakten, die auf den diversen Social Media-Kanälen zu lesen seien, merkte der SWR-Korrespondent kritisch an. Gänzlich auf die neuen Informationsplattformen verzichten könne man aber dennoch nicht, so Link weiter.

 

Auch Michael Garthe diagnostizierte weitreichende Veränderungen in der Nachrichtenproduktion, die er auf ein verändertes Rezeptionsverhalten einer immer stärker online-orientierten Leserschaft zurückführte. Zu beobachten sei, dass die durchschnittliche Verweildauer bei längeren Artikeln auf der Homepage der Rheinpfalz, wofür ein schneller Leser etwa 15 Minuten bräuchte, nicht einmal mehr 2 Minuten betragen würde. Dies bestätige, so Garthe, dass die Leser heutzutage offenbar nicht nur die Fähigkeit oder Bereitschaft zur längeren Lektüre verloren hätten, sondern schlicht nicht mehr darauf aus seien, sich ihre Meinung durch diese Art und Weise der Informationsbeschaffung zu bilden. Der Chefredakteur der Rheinpfalz prognostizierte, dass der Trend weg vom „Findmedium Zeitung“ hin zu den „Suchmedien“ des Internet langfristig zu einer Verflachung der berichtetet Inhalte führen werde.

 

Die Einlassung aus dem Publikum, das an diesem Dienstagabend zahlreich erschienen war, ob denn die Verflachung der Inhalte eventuell auch auf eine fehlende journalistische Selbstkritik zurückzuführen sei, teilten beide Experten. Garthe versicherte, dass in seiner Redaktion das Thema der Selbstkritik sehr groß geschrieben werde: „Da wird teilweise heftig und lange diskutiert und das ist meiner Meinung nach auch ganz wichtig“.

 

Das Thema, das im Laufe des Abends den größten Raum einnahm, war die Frage nach den Einflussmöglichkeiten der Politik auf die Medien. SWR-Korrespondent Georg Link, der die Berliner Bühne aus seinen Tätigkeiten im ARD-Hauptstadtstudio kennt, argumentierte, dass es für Akteure der landespolitischen Ebene leichter sei, auf die mediale Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Dies liege vor allem an der häufig dünneren Personaldecke der regionalen Zeitungen und Rundfunksender. Auf bundespolitischer Ebene werde dies schon dadurch erschwert, dass der starke Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Redaktionen wie auch die räumlichen Distanzen subtilere Versuche der Einflussnahme bedingen, was diese insgesamt komplizierter und aufwändiger erscheinen lasse, so Link.

 

Michael Garthe, der in den Jahren 1989 bis 1993 als Hauptstadtkorrespondent in Bonn tätig war, beschrieb in Bezug auf praktikzierte Versuche der Einflussnahme auf die Berichterstattung durch politische Akteure, wie er seinerzeit in Bonn von einem namhaften Politiker das „ABC der Berichterstattung“ erklärt bekam. Auch private Anrufe seien nicht ausgeblieben. Die Konsequenz aus diesen Erfahrungen formulierte Garthe mit Zustimmung von Link deutlich: „Distanz zwischen Politik und Journalismus ist wichtig.“ Eine Feststellung, die die beiden Experten auch angehenden VolontärInnen und JournalistInnen der sozialwissenschaftlichen Studiengänge der Universität Koblenz-Landau mit auf den Weg gaben.


Datum der Meldung 30.01.2015 00:00