Case Teaching als fallbasiertes Lehren und Lernen auch im Sozialkundeunterricht: Ein Bericht aus der Schule

In der universitären Lehre des Faches Politikwissenschaft hat sich mit der Durchführung des Case Teaching seit einiger Zeit ein didaktisches Konzept etabliert, das auf die kompetenzorientierte Vermittlung politikwissenschaftlicher Theorien anhand realpolitischer Fälle abzielt. Eingebunden in ein im Wesentlichen durch Prof. Dr. Andreas Blätte (NRW School of Governance) eingesetztes Case Teaching-Netzwerk bietet die fallbasierte Lehre dabei den besonderen Mehrwert der Anwendung wissenschaftlicher Konzepte an erfahrbaren politischen Prozessen (vgl. auch Blätte 2011).

Am Campus Landau der Universität Koblenz-Landau wird der Einsatz dieser Art des Lehren und Lernens durch die Arbeitseinheit „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland“ mit derzeit vier initiierten Projekten zum Case Teaching praktisch erprobt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 wurde im Rahmen eines Pilotprojekts eine Falldarstellung zur Einführung der PKW-Maut verfasst sowie später ein Lehrprojekt zur fallbasierten, kompetenzorientierten Lehre eingesetzt. Unter der Mitarbeit von Studierenden wurden innerhalb von Schreibwerkstätten weitere Fälle sowohl zur Landtagswahl 2016 in Rheinland-Pfalz, als auch zur Aussetzung der Wehrpflicht und zur Bürgerbeteiligung in der JVA Rottweil sowie zur Energiewende ausgearbeitet. Diese werden heute zusammen mit der Case Study zur PKW-Maut am Campus Landau in verschiedenen Proseminaren des Bachelor- und Masterstudiengangs Politikwissenschaft eingesetzt, sodass auch Lehramtsstudierende des Faches Sozialkunde diese Fälle kennenlernen.

Im universitären Case Teaching zeigen sich dabei Bezüge, die besonders für angehende Lehrkräfte des Fachs Sozialkunde eine praxisnahe Anknüpfung an ihr späteres Berufsfeld beinhalten. Denn gerade für den Sozialkundeunterricht gilt das fachdidaktische Konzept des Fallprinzips als wichtigstes Mittel zur Konkretisierung des allgemeinen didaktischen Prinzips exemplarischen Lernens (vgl. Reinhardt 2009, S. 121). In der Tradition dieser Form des Lernens zielt der Unterricht stets darauf ab, dass „an konkreten politischen Einzelbeispielen verallgemeinerbare Erkenntnisse über Politik gewonnen werden können“ (Sander 2008, S. 193). Zentral dabei ist meist die induktive Erarbeitung eines spezifischen Themas, indem die SchülerInnen dieses zunächst durch die Analyse eines konkreten Einzelfalls durchdringen und aus dem Exemplarischen schließlich allgemeine Charakteristika über politische Sachverhalte ableiten. Der Ausgangspunkt zur Umsetzung der Fallorientierung in der Schule bildet die Tatsache, dass Politik den Menschen in ihrer Lebenswelt stets als konkreter Fall und nicht als abstrakte Theorie begegnet (vgl. Reinhardt 2009, S. 132).

Neben der Anwendung innerhalb der universitären Lehre wurde das exemplarische Lernen durch fallbasierte Lehre nun auch während eines schulischen Praktikums an einem Gymnasium in einem Leistungskurs der Jahrgangsstufe 12 beispielhaft umgesetzt. Nachdem durch die unterrichtende Lehrkraft zuvor Institutionenlernen stattgefunden, der Kurs alle Verfassungsorgane im politischen System Deutschlands thematisiert sowie deren Strukturen erläutert hatte, wurde die Unterrichtsreihe mit der Skizzierung des Gesetzgebungsprozesses in Deutschland abgeschlossen. Dieser wurde aber nicht mithilfe eines erklärenden Textes theoretisch-abstrakt abgeleitet und erläutert. Stattdessen erhielten die SchülerInnen die Aufgabe, den Gang der Gesetzgebung am Fallbeispiel PKW-Maut mithilfe einer Chronologie zu rekonstruieren. Hierzu enthielt das Material für den Unterricht wesentliche Inhalte des in der Arbeitseinheit „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland“ am Campus Landau ausgearbeiteten Cases zur PKW-Maut. Der didaktische Mehrwert dieser Aufgabe lag nicht nur im vertieften Verständnis allgemeiner Strukturen der Gesetzgebung durch die Behandlung eines konkreten Fallbeispiels, sondern auch in der Ermöglichung konkreter Betroffenheit für die SchülerInnen. Mit dem für sie aufgrund ihres Alters bedeutsamen Falls konnte auf diese Weise nachhaltiges Lernen durch erhöhte Motivation stattfinden.

Das fachdidaktische Prinzip der Fallorientierung greift die Tatsache auf, dass die Menschen politische Entscheidungen allgegenwärtig als konkrete Fälle erfahren (vgl. ebd.). Für das Gesetz zur Infrastrukturabgabe gilt dies beispielhaft, denn der Gang der Gesetzgebung im politischen System Deutschlands betrifft die BürgerInnen als abstrakte Abfolge nicht direkt. Erst durch eine Entstehung eines Gesetzes in einem bestimmten Politikbereich und dessen anschließende Implementierung wird der institutionalisierte Gesetzgebungsprozess für sie nachvollziehbar und nimmt so Einfluss auf ihre alltägliche Lebenswelt. Dies gilt damit auch spezifisch sowohl für Studierende an Universitäten als auch für die im Sozialkundeunterricht lernenden SchülerInnen. Im konkreten Falle der Entstehung der PKW-Maut werden durch die am Gesetz beteiligten Akteure darüber hinaus ebenso exemplarisch „Institutionen in Aktion“ (ebd., S. 121) sichtbar sowie deren Arbeitsweisen stärker verdeutlicht.

Durch die Fallorientierung wird also stets Exemplarisches dargestellt, das die Erkenntnisgewinnung über Allgemeines fördert. Der Fall ist dabei so auszuwählen, „dass er die Lernenden betrifft bzw. sie betroffen macht und deshalb […] motiviert“ (ebd., S. 123) – egal ob im Schulunterricht oder in der universitären Lehre.

verfasst von Timo Schummers (08.03.2018)

 

 

Herangezogene Literatur:

Blätte, Andreas (2011): Fallbasierte Lehre in politikwissenschaftlichen Studiengängen. Praxis, Grundlagen und Perspektiven des Case Teaching. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 21 (2), S. 341-360.

Reinhardt, Sibylle (2009): Politik Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 3. Auflage. Berlin: Cornelsen Verlag.

Sander, Wolfgang (2008): Politik entdecken – Freiheit leben. Didaktische Grundlagen politischer Bildung. 3., durchgesehene Auflage. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.