Die Bundestagswahl vom 24.9.2017: Analysen und Perspektiven der Wahl- und Parteienforschung - ein Gastvortrag von Dr. Viola Neu im Rahmen der "Lecture Series zu aktuellen Fragen der Politikforschung" am Campus Landau

Ergebnisse und Konsequenzen der Bundestagswahl vom 24. September 2017 werden nicht erst seit dem Scheitern der ‚Jamaika‘-Sondierungen und der noch unsicheren Regierungsbildung in Deutschland kontrovers diskutiert. Die Analyse der Wahl zum 19. Deutschen Bundestag aus der Perspektive der Wahl- und Parteienforschung unternahm Dr. Viola Neu im Rahmen ihres Gastvortrags an der Universität Koblenz-Landau am 15. Januar 2018. Die Leiterin des Teams ‚Empirische Sozialforschung‘ und stellvertretende Hauptabteilungsleiterin ‚Politik und Beratung‘ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin war einer Einladung von Prof. Dr. Manuela Glaab gefolgt, im Rahmen der von ihr am Campus Landau regelmäßig organisierten Lecture Series zu aktuellen Fragen der Politikforschung zu sprechen.

Die Expertin widersprach in ihrer Wahlanalyse zunächst der populären These, der Wahlkampf sei langweilig gewesen und wies darauf hin, dass es phasenweise ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kanzlerin Angela Merkel und dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz in den Umfragen gegeben habe. Gegen Ende des Wahlkampfes hätten Schulz und die SPD jedoch stark an Zustimmung verloren, so dass gleichzeitig eine immer größere Siegeserwartung an die Union entstanden sei. Im Hinblick auf mögliche Personalisierungseffekte zeigte die Referentin auf, dass der Wahlerfolg der FDP sich im Wesentlichen mit ihrer Wahlkampffokussierung auf Spitzenkandidat Christian Linder erklären lasse.

Obwohl sowohl mit der AfD eine neue Partei als auch mit der FDP eine zurückkehrende Partei in den Bundestag einzogen sind, habe es, so Neu, auf der Wahlkreisebene wenige Änderungen in der Mandatsverteilung zwischen den Parteien im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 gegeben. Ausnahmen seien lediglich im Freistaat Sachsen festzustellen.

Einen interessanten Einblick gewährte die Referentin dann auch in die Präferenzen der AfD-Wählerschaft. Bereits im Vorfeld sei deutlich geworden, dass die politische Stimmung für diese Partei in dem Maße gestiegen sei, wie der Themenbereich ‚Asyl/Flüchtlinge/Migration‘ im Meinungsklima der Bevölkerung größere Bedeutung erfahren habe. Die Wählerschaft der AfD habe sich zwar stark aus der Menge der Nichtwähler mobilisiert, jedoch auch von allen anderen Parteien Wähler hinzugewonnen. Die Anhänger der Alternative für Deutschland seien nach den neuesten Forschungen insgesamt vor allem durch Einstellungsphänomene verbunden; diese zeichne eine Form von Pessimismus und des Gefühls der Benachteiligung aus. Trotzdem gebe es kein Anzeichen für die Entstehung eines neuen kulturellen Cleavages in der Gesellschaft, konstatierte die Wahlforscherin.

Abschließend stellte Neu fest, dass die aktuelle Situation der schwierigen Regierungsbildung die Wahlforschung ratlos zurückließe, da forschungstheoretisch stets davon auszugehen sei, dass zur Wahl stehende Parteien auch nach dem Wählervotum noch nach Regierungsverantwortung streben würden.

In der anschließenden lebhaften Diskussion mit den zahlreich erschienenen Studierenden und Angehörigen der Universität ging die Referentin auf mögliche Erklärungsansätze des Wahlverhaltens ein. Dabei bekräftigte sie den Befund eines zunehmenden Wechselwählerverhaltens. Gegenwärtig sei damit zu rechnen, dass circa ein Drittel der Wahlberechtigten von Wahl zu Wahl andere Entscheidungen treffen würden. Auf Nachfrage möglicher Parallelen der deutschen Bundestagswahl zur US-Wahl 2016 gab Neu abschließend zu bedenken, dass kein Vergleich zwischen der Wahl Donald Trumps und dem Erstarken der Alternative für Deutschland gezogen werden sollte, da die Entwicklung in den USA andere und bereits längerfristig zu beobachtende Ursachen habe.

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Datum der Meldung 22.01.2018 06:00